Als Mehmet Scholl die Frau weggelaufen war, nahm Uli Hoeneß seinen Lieblingsspieler bei sich auf. Wenige Spieler mochte der Macher der Bayern so gerne wie das Ball-Genie aus Karlsruhe. Diese Liebe zu Scholl teilen sogar Fans, die ansonsten den Bayern nichts Gutes wünschen. Sie fühlten sich einfach immer bestens unterhalten.

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Deutschland freute sich gerade auf die WM in Italien 1990, als sich ein spindeldürres Bürschchen aus Karlsruhe mit 19 Jahren in die Bundesliga wirbelte: Mehmet Scholl traf beim 5:0 beim 1. FC Köln am 30. Spieltag gegen den späteren Weltmeistertorwart Bodo Illgner zum Endstand - ganze zwölf Minuten nach seiner Einwechslung.

In den folgenden beiden Spielzeiten dribbelte sich Scholl ins Blickfeld des FC Bayern München, der seinerzeit als der natürliche Abnehmer von Talenten des Karlsruher SC auftrat.

Der KSC als Zulieferer des FC Bayern München

Obwohl Scholl sich bereits mit Beinahe-Meister Eintracht Frankfurt einig war, erhielt der FC Bayern München nach einer Katastrophensaison für die stattliche Ablösesumme von umgerechnet 2,95 Millionen Euro den Zuschlag. Scholl traf an der Isar auf seinen Kumpel Michael Sternkopf und auf Oliver Kreuzer und bereitete den Boden für den nächsten Karlsruher: Oliver Kahn kam im Sommer 1994 zum FC Bayern.

Mehmet Scholl, links, und Oliver Kahn spielten erst gemeinsam in Karlsruhe, dann aber viel länger, nämlich 13 Jahre, zusammen für den FC Bayern München.

Und Kahn kam aus den USA, von seiner ersten WM-Teilnahme. Scholl nicht. Einer der begabtesten und unterhaltsamsten Fußballer, die Deutschland je hatte, sollte nie bei einer WM antreten: nicht nominiert von Bundestrainer Berti Vogts 1994 und 1998, nahm ihn auch Teamchef Jürgen Klinsmann 2006 zur Heim-WM nicht in den Kader auf. Als Scholl dabei gewesen und wenigstens Vize-Weltmeister geworden wäre, 2002 in Japan und Südkorea, sagte er dem damaligen Teamchef Rudi Völler aus gesundheitlichen Gründen ab.

Als Mehmet Scholl das Finale verlässt, kommt Matchwinner Oliver Bierhoff

So hat Scholl - neben den 21 nationalen und internationalen Titeln mit dem FC Bayern, die er bis zu seinem Karriereende 2007 holte - "nur" den des Europameisters in seiner Sammlung. Allerdings musste Scholl im Endspiel 1996 gegen Tschechien nach 69 Minuten seinen Platz für Oliver Bierhoff räumen, dessen Doppelpack dann in die DFB-Geschichte einging und Bierhoff unsterblich machte.

Zuvor hatte Scholl für Otto Rehhagels Entlassung als Trainer des FC Bayern München gesorgt, aber eher ungewollt: Scholl-Fan Franz Beckenbauer nahm es Rehhagel übel, dass dieser "Wahnsinnige", wie ihn Beckenbauer schimpfte, es wiederholt wagte, Scholl nicht aufstellen zu wollen: "Der wollte den Scholl auf die Tribüne setzen. Das habe ich verhindert", tönte der Kaiser vor einer Partie gegen Mönchengladbach. Aber auch mit Scholl verloren die Bayern unter Rehhagel beide Spiele gegen die Borussen. Dafür gewannen sie nach Rehhagels Rauswurf unter dessen Interims-Nachfolger Beckenbauer den UEFA-Pokal.

Nicht nur Beckenbauer hatte sein Herz an Scholl verloren. Auch Uli Hoeneß erkannte in dem sensiblen Dribbler, der als Jugendlicher auch ein meisterlicher Kegler gewesen war, "einen Wiedergänger seiner selbst", wie es Thomas Hüetlin in seiner Vereins-Geschichte "Gute Freunde" ausdrückte. "Das ist so einer wie wir damals waren", schwärmte Hoeneß, "der Paul Breitner und ich. Der will nach oben um jeden Preis."

Mehmet Scholl, links, und Uli Hoeneß verbindet praktisch ein Vater-Sohn-Verhältnis. Scholl sieht in Hoeneß den "besten Menschen", den er kenne.

Uli Hoeneß rückt Mehmet Scholl nach Eklat in Zürs den Kopf zurecht

Auf dem Weg in den Fußball-Olymp stoppten weder Verletzungen noch kesse Sprüche noch private Probleme Scholl - denn er hatte im damaligen Bayern-Manager Hoeneß einen Verehrer und Ersatzvater. "Wenn Du so weitermachst, verlierst Du auch noch den letzten Freund beim FC Bayern", fuhr Hoeneß Scholl an, "haben wir uns verstanden?" Scholl steckte "mit 26 plötzlich in der Lebenskrise", wie die "Bild"-Zeitung Deutschland wissen ließ.

Nach drei Jahren Ehe hatte seine Frau Susanne Scholl verlassen. Daraufhin sei er im Rahmen eines Skiausflugs der Mannschaft im Dezember 1996 in Zürs am Arlberg "durchgedreht" ("Bild"). Zu allem Überfluss schrieb Bayern-Kapitän Lothar Matthäus in jener Saison auch noch an seinem "Tagebuch". "Natürlich hatte ich mitbekommen", so Matthäus, "was im Skiurlaub passiert war." Dies aber passiere "auch im normalen Leben."

Scholl hätte "ein paar Bier zu viel getrunken und sich mit Olli Kahn angelegt". Kreuzer und Kahn hätten Scholl zurückhalten wollen, als der mit einem Gast aneinandergeriet. "Mir schießt die Situation von Scholl durch den Kopf", schilderte Matthäus. "Er ist doch erst kurz verheiratet, hat ein kleines Kind, die Frau hat einen anderen, dazu seine Verletzung. Wer verkraftet das schon, wenn so viele Dinge zusammenkommen?"

Mehmet Scholl kennt das Gefühl, allein zu Haus zu sein. Seine beiden Ehen hielten nicht.

Scholl zieht in seiner Not vorübergehend im Hause Hoeneß ein

Vizevorstand Karl-Heinz Rummenigge drohte Scholl damals in der "Bild"-Zeitung mit Konsequenzen: "Wenn Scholl nicht mitzieht, weiß der Verein schon, was zu tun ist." Matthäus' Hilfe scheiterte am ausgeschalteten Handy Scholls, doch Hoeneß erreichte ihn - und bot ihm an, vorübergehend bei ihm einzuziehen. Kein Wunder, dass Scholl bis heute über das Oberhaupt der Bayern-Familie sagt: "Er ist der beste Mensch, den ich kenne."

Diesem Menschen den Herzenswunsch eines Champions-League-Titels zu erfüllen, schaffte Scholl erst im zweiten Versuch 2001 im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia in Mailand.

1999 in Barcelona war Scholl gegen Manchester United acht Minuten nach seiner Einwechslung nur wenige Zentimeter davon entfernt, als sein nicht minder begabter und nicht weniger extrovertierter Kollege Mario Basler im Herzschlag-Finale den Ball nach einem Solo unerwarteterweise quer legte. Der mitgelaufene Scholl setzte in jener 79. Minute seine überragende Technik ein und überlupfte den Hünen Peter Schmeichel im englischen Tor. Der Ball aber landete am Pfosten. Statt 2:0 für die Bayern hieß es am Ende einer unwirklichen Nachspielzeit 2:1 für Manchester.

Einziger deutscher Torschütze bei der peinlichen EM 2000

Mehmet Scholl, rechts, erzielt bei der EM 2000 im Auftaktspiel der DFB-Elf gegen Rumänien per Außenrist den Treffer zum 1:1-Endstand. Deutschland trifft im restlichen Turnierverlauf nicht mehr.

Im Jahr darauf schrieb Scholl mit seinem schicken Außenrist-Tor im ersten Gruppenspiel gegen Rumänien Geschichte, ohne es zu wissen: Der 1:1-Ausgleich blieb das einzige Turniertor der deutschen Nationalmannschaft. Der Titelverteidiger verlor anschließend gegen England (0:1) und gegen Portugal (0:3) und markierte mit seinem Aus einen Tiefpunkt in der Turniergeschichte des DFB.

Scholls Abschied aus dem DFB-Dress wurde jedoch zum Schützenfest und am 13. Februar 2002 zum gefeierten Start ins WM-Jahr. Der "kicker" zeigte am Tag nach dem 7:1 über Israel in Kaiserslautern eine Spielszene mit Scholl und schrieb darunter: "Klar im Aufwind: Der Münchner Mehmet Scholl suchte immer wieder die Zweikämpfe in der Offensive." Verletzungsbedingt hatte Scholl seit dem 24. März 2001 und einem 2:1 in der WM-Qualifikation gegen Albanien kein Länderspiel mehr bestritten. Er bereitete das 2:1 von Miroslav Klose "klasse" vor und "zauberte mit Spielfreude", schrieb der "kicker". "Spritzig, quirlig und stark am Ball", zeigte er in seinem 36. und letzten Länderspiel das, wofür ihn Fußballfans liebten und in bester Erinnerung behalten haben.

Mehmet Scholl erwarb sich auch als TV-Experte in Diensten der ARD zwischen 2008 und 2017 als Nachfolger von Günter Netzer Kultstatus.

Als Scholl 15 Jahre später als ARD-Experte über seine Nachfolger als Nationalspieler richtete, tat er dies ebenso spritzig, quirlig und - um im Bild zu bleiben - stark am Mikro. Als er sich aber weigerte, über Doping zu reden, gab ihm sein Arbeitgeber zu verstehen, er dürfe sich nicht ins Programm einmischen. "Da habe ich gesagt: Ich gehe. Und dann bin ich gegangen."

Hätten Sie das von Mehmet Scholl gewusst?

Spieler, die gemeinsam mit Mehmet Scholl zum FC Bayern München kamen:

  • Jorginho (von Bayer Leverkusen)
  • Thomas Helmer (von Borussia Dortmund)
  • Markus Schupp (von Wattenscheid 09)
  • Dieter Frey (vom FC Augsburg)
  • Wolfgang Gerstmeier (vom FC Augsburg)

Mehmet Scholls Tore des Monats (alles Freistöße):

  • 29. Januar 2000 zum 0:3 beim SC Paderborn (Endstand: 0:5)
  • 5. Dezember 2000 zum 2:2-Endstand beim FC Arsenal London
  • 15. Februar 2003 zum 0:1 beim TSV 1860 München (Endstand 0:5)

Spieler, die gemeinsam mit Mehmet Scholl den FC Bayern München verließen:

  • Andreas Görlitz (zum Karlsruher SC)
  • Owen Hargreaves (zu Manchester United)
  • Ali Karimi (zum Katar SC)
  • Roy Makaay (zu Feyenoord Rotterdam)
  • Claudio Pizarro (zum FC Chelsea London)
  • Hasan Salihamidzic (zu Juventus Turin)

Mehmet Scholls Trainer beim FC Bayern München:

  • Erich Ribbeck
  • Otto Rehhagel
  • Giovanni Trapattoni
  • Ottmar Hitzfeld
  • Felix Magath
Kuriosum 1: Als Mehmet Scholl 1990/91 offiziell in den Profikader des Karlsruher SC aufrückte, gab der "kicker" seine Größe mit 1,75 Meter und sein Gewicht mit 68 Kilogramm an. Als Scholl im Sommer 1992 zum FC Bayern München wechselte, war er gewachsen, aber leichter geworden: 1,78 Meter groß und 67 Kilogramm schwer. Vor seiner letzten Profisaison 2006/07 lauteten die Angaben im Bundesliga-Sonderheft des "kicker": 1,77 Meter und 70 Kilogramm.
Kuriosum 2: Der heutige Trainer des FC Augsburg, Heiko Herrlich, stand als einziger Spieler sowohl in der U21 auf dem Platz als auch in der A-Nationalmannschaft, als Mehmet Scholl in diesen DFB-Auswahlen debütierte. Und: Beide Male erzielte Herrlich alle deutschen Treffer. 1991 beim 2:0 der U21 über Bulgarien und 1994 beim 1:1 der A-Elf gegen Wales.

Verwendete Quellen:

  • "kicker": Bundesliga-Sonderhefte 1990/91, 1992/93, 2006/07
  • "kicker": Ausgabe vom 14. Februar 2002
  • Thomas Hüetlin: "Gute Freunde - Die wahre Geschichte des FC Bayern München" (2006)
  • Lothar Matthäus: "Mein Tagebuch" (1997)
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