Borussia Dortmund hat sich den gefragtesten Trainer Deutschlands gekrallt. Dabei sind die Erfolge von Thomas Tuchel überschaubar. Sein Sabbatjahr hat einen surreal wirkenden Hype ausgelöst - ähnlich wie es bei Pep Guardiola der Fall war. Doch der eigenwillige Charakter Tuchels könnte zu einem Problem für den BVB werden.

So ein Sabbatjahr wirkt offenbar Wunder: nicht nur, dass es Menschen nach kräftezehrenden Jahren körperlich und mental wieder in Schwung bringt. Im Fußballgeschäft führt es offensichtlich auch dazu, dass der eigene Marktwert in die Höhe schnellt. Als Pep Guardiola dieses "Sabbatical" 2012 einlegte, kannte der Hype um den Katalanen kaum Grenzen. Scheichs und Oligarchen der internationalen Top-Klubs winkten mit Gehaltschecks, mit denen der Durchschnittsbürger nach gut einem Monat für sein Leben ausgesorgt hätte. Letztlich entschied sich Guardiola für den FCB - und er dürfte auch dort nicht nur von Luft, Liebe und Matthias Sammers zärtlichen Glatzenstreichlern leben.

Am Sonntag gab es Borussia Dortmund offiziell bekannt: Thomas Tuchel übernimmt die Nachfolge von Jürgen Klopp als Cheftrainer des BVB. Ist der ehemalige Mainzer aber auch die beste Lösung für den Revierklub? Das sagt die Presse dazu:

Thomas Tuchel gehört natürlich nicht in dieselbe Kategorie wie Pep Guardiola. Tuchel hat auch längst nicht so eine imposante Bilanz wie sein Vorbild, mit dem er sich in München häufiger mal austauschte, vorzuweisen. Tuchels Erfolge als Trainer lesen sich bescheiden: zwei Meistertitel mit der A-Jugend, davon einmal als Co-Trainer beim VfB Stuttgart und einmal als Chefcoach beim FSV Mainz 05. Als Profi-Trainer stehen zwei Teilnahmen an Qualifikationen für die Europa League in seiner Vita. Mehr nicht.

Surrealer Hype um Thomas Tuchel

Und dennoch: Zumindest in Deutschland ist ein beinahe schon surrealer Hype um den 41-Jährigen entstanden. Auch aufgrund seiner ein Jahr andauernden Pause, auf die er trotz gültigen Vertrags in Mainz mit Vehemenz pochte, wurde Tuchel zum begehrtesten verfügbaren Coach Deutschlands.

... doch Dante bleibt leider Dante. Die Erkenntnisse des 29. Spieltags.

Zur neuen Saison soll der ehemalige Fußballprofi beim BVB das Erbe von Jürgen Klopp antreten. Bereits während Tuchels Anfangszeit in Mainz 2009 war Klopp, obwohl er schon ein Jahr lang den BVB trainierte, omnipräsent. Und in Dortmund wird Klopps Schatten um ein Vielfaches länger sein als es je in Mainz der Fall gewesen ist.

Tuchel hat in Dortmund eine gleichsam schöne wie undankbare Aufgabe vor sich. Er wird - auch durch Transfereinnahmen - viel Geld zur Verfügung haben und sich seinen Kader nach seinen Wünschen zusammenmodeln können. Er wird aber auch liefern müssen. Und das sehr schnell. Es ist mehr als fraglich, ob die BVB-Bosse Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc mit Tuchel bei Misserfolg ähnlich gnädig sein werden wie in dieser Saison mit Klopp.

Es ist die Sportmeldung des Tages: Thomas Tuchel wird ab der kommenden Saison Trainer bei Borussia Dortmund. Der ehemalige Mainzer Chefcoach wird damit Nachfolger von Jürgen Klopp. Die Reaktionen in den Sozialen Netzwerken lassen nicht lange auf sich warten. Wir haben uns für Sie umgesehen.

Zudem trainiert Tuchel mit dem BVB - Mainz 05 in allen Ehren - erstmals einen großen Klub. Einen Klub, der 2011 und 2012 Deutscher Meister wurde und 2013 ins Finale der Champions League einzog. Ob Tuchel dieser Herausforderung gewachsen ist, wird er erst beweisen müssen.

Ganz anders als Jürgen Klopp

Tuchel ist wie Klopp ein Charakterkopf. Dennoch unterscheiden sich beide immens. Tuchel, der seine Trainerausbildung 2006 mit der Gesamtnote 1,4 abschloss, ist ein Taktik-Nerd. Ein akribischer Arbeiter, der bereits während der Halbzeitpause TV-Bilder zum Spiel analysiert und so seinem Team neue taktische Anweisungen gibt. Klopp ist indes der Kumpeltyp, der die Marketingstrategie "Echte Liebe" so perfekt vorlebte wie kein anderer.

Und Klopp hatte sein mit internationalen Stars und Weltmeistern gespicktes Team stets im Griff. Anders die Situation bei Tuchel. Stürmer Ivan Klasnic, in der Saison 2012/2013 beim FSV unter Vertrag und bereits damals merklich unglücklich gewesen, sagte beispielsweise im Oktober 2014 in der "Sport Bild": "Ich wünsche ihm das Beste. Aber ich weiß auch nicht, ob er jemals einen großen Verein trainieren kann. Er hat viel Ahnung von Fußball. Aber mit namhaften Spielern, mit Stars, kann er aus meiner Sicht nicht umgehen."

Ex-Mainz-Torwart Heinz Müller ging mit Tuchel sogar noch härter ins Gericht. Müller warf seinem ehemaligen Coach im März dieses Jahres Mobbing vor und nannte ihn in einem "kicker"-Interview einen "Diktator". Wenige Tage später legte Müller in der "Bild"-Zeitung nach: "Thomas Tuchel gibt Werte vor, Respekt, Höflichkeit und Ehrlichkeit, die er selbst mit Füßen tritt. Jeder weiß, dass er seine eigenen Werte nicht lebt."

Sind es lediglich die gekränkten Worte geschasster Spieler? Oder steckt in diesen doch ein Fünkchen Wahrheit? Als Außenstehender ist das nicht zu beantworten. Klar ist jedoch: Sollte Tuchel beim BVB Probleme haben, die diversen Egos seiner mehrere Millionen verdienenden Spieler in den Griff zu bekommen, dürfte es seine Zeit in Dortmund erheblich erschweren. Völlig ausgeschlossen ist das nicht. Denn Tuchel ist bekannt dafür, auch einmal anzuecken. Wiederholt änderte der Trainer zu Mainzer Zeiten seine Startaufstellung, nahm fünf bis sechs Änderungen vor - selbst wenn seine Mannschaft in der Vorwoche gewann.

Tuchel setzt seinen Kopf durch. Er trifft auch unpopuläre Entscheidungen. Das kann ihn in seiner wackeligen Position als Nachfolger des in Dortmund jahrelang als Messias gefeierten Klopp stärken. Oder zum Verhängnis werden.