Früher als erwartet hat Borussia Dortmund die zu erwartende Lösung für die Nachfolge von Jürgen Klopp präsentiert. Thomas Tuchel wird ab 1. Juli den BVB als Trainer übernehmen. Der begehrteste Trainer bei einem der emotionalsten Klubs des Landes: Das birgt einige Chancen - aber auch Risiken.

Deshalb ergibt die Verpflichtung Sinn:

Thomas Tuchel war der begehrteste deutsche Trainer auf dem Markt, er hat die bald einjährige Auszeit genutzt, um alle Akkus wieder aufzuladen und verkörpert mehrere Attribute, die Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp ausgezeichnet haben: Tuchel lässt seine Mannschaft mit unglaublich hoher Intensität Fußball spielen, er fordert und fördert seine Spieler permanent, geht neue Wege in der Trainings- und Ausbildungsgestaltung, verlangt großen läuferischen Einsatz und Teamgeist. Er kann Kumpeltyp sein, ohne dabei seine natürliche Autorität zu verlieren. Er setzt auf Pressing und Gegenpressing und bisweilen schnelles Umschaltspiel. Damit kommt er einigen Grundelementen des Dortmunder Spiels der vergangenen Jahre schon ziemlich nahe. "Ich stehe für gewisse Attribute, für eine aktive Spielweise, für mutiges Verteidigen, schnelles Spiel in die Spitze", sagte er jüngst in einem Interview mit der "Zeit".

Seine Akribie, Leidenschaft und Besessenheit dürften die Fans im Ruhrgebiet zu schätzen wissen. Er kann der Mannschaft neue Wege aufzeigen. Tuchel hat die fußballlose Zeit genutzt, um über den Tellerrand hinauszuschauen. Er hat sich mit anderen Sportarten auseinandergesetzt, sein Repertoire erweitert. Es bieten sich ihm im unausweichlichen Umbruch im Sommer zwei Chancen: Er wird nicht mehr mit jener Truppe antreten, die an die großen Erfolge der Vergangenheit erinnert - das erschwert die (unzulässigen) Quervergleiche zu seinem Vorgänger.

Auf der anderen Seite bleibt ihm der Kern einer Mannschaft, die gewachsen ist und weiß, wie sich Erfolge anfühlen. Er wird also nicht bei Null anfangen müssen - wie es etwa in Hamburg der Fall gewesen wäre. Für den BVB und für seinen neuen Trainer sind das gute Startbedingungen. Und: In Mainz hat er bereits bewiesen, dass er als Teil einer Troika mit dem Klub-Boss und dem Sportdirektor neben sich glänzend funktionieren kann.

Dortmund: So reagiert das Netz auf Klopp-Nachfolger Tuchel.

Hier lauern mögliche Gefahren:

Wohl um den Endspurt in der Liga und damit den Kampf um einen Europa-League-Platz nicht zu stören, hat der BVB bisher darauf verzichtet, seinem Bald-Trainer den Einstieg am 1. Juli ein wenig zu vereinfachen. Der Klub vermeidet bis auf weiteres jegliche Stellungnahmen zum Transfer und dessen Hintergründen. Damit verpassen die Borussen die Chance, mit ein paar erklärenden Ansagen den Kritikern etwas Wind aus den Segeln zu nehmen.

Klopp war und ist in Dortmund eine Art Guru, phasenweise sind ihm der Klub und die Mannschaft gefolgt wie einem Messias. Der BVB war Jürgen Klopp, auch wenn die Verantwortlichen von einer "Kloppisierung" ihres Vereins nichts wissen wollten. Tuchel wird damit umgehen müssen. Er wird stets Klopps Schatten spüren und einen Weg finden müssen, sich auf die Fans zuzubewegen, ohne dabei gestellt oder nicht authentisch zu wirken.

Das Gros der Mannschaft hat Klopp zu Spitzenfußballern geformt, etliche Spieler haben nur unter ihm in der Bundesliga gespielt. Wie diese Spieler nun auf einen neuen Vorgesetzten reagieren, ist völlig offen.

Wie könnte der BVB bald spielen?

Der BVB wird in der kommenden Saison aller Voraussicht nach immer noch einen intensiven, aber doch auch nüchternen Fußball spielen. Etwas weniger Euphorie, weniger Hauruck, mehr Kopf- als Bauchfußball. Klopp hat aus einer blutjungen Truppe eine Spitzenmannschaft europäischen Formats geformt. Aber er hat die natürlichen Verschleißerscheinungen, vor denen auch die Generation der Mittzwanziger nicht gefeit ist, offenbar unterschätzt. Dortmunds Fußball war enorm Kraft raubend, immer am Anschlag. Die Folge waren vermehrt auftretende Verletzungen wichtiger Spieler und die Tatsache, dass sich diese Art der Spielgestaltung nicht mehr auf einem gleichbleibend hohen Niveau über eine komplette Saison hinweg realisieren lässt.

... doch Dante bleibt leider Dante. Die Erkenntnisse des 29. Spieltags.

Tuchel wird dem Tribut zollen, er wird den Pressing-Überfall-Fußball mischen mit Kraft sparendem Ballbesitz-Fußball. Er wird dominanter spielen lassen müssen, flexibler als es unter Klopp der Fall war und noch ist. Die BVB-Matrix der erfolgreichen Jahre ist längst entschlüsselt, der noch amtierende Trainer hat besonders in dieser Saison immer seltener Lösungen für die Mängel im Betriebssystem gefunden. Tuchel wird der Mannschaft eine neue Variabilität einimpfen, er wird an ihrer DNA werkeln müssen. Und dafür natürlich auch die entsprechenden Spieler einkaufen - und im Gegenzug eine ganze Reihe gehen lassen.

Trifft Thomas Tuchel den Nerv der Fans?

Die leidenschaftlichen Dortmunder Fans wurden in den vergangenen sieben Jahren vom Bauchmenschen Klopp ungeheuer verwöhnt. Er hat das kitschige Marketingprogramm der "Echten Liebe" tatsächlich mit Leben gefüllt. Er hat sich mit Haut und Haaren und bedingungslos der Mentalität und den Menschen im Pott verschrieben und damit offene Türen eingerannt. Nicht selten hat er als einzelne Person den Funken auf die Ränge transportiert und so das Feuer entfacht, das seine Mannschaft jahrelang von Sieg zu Sieg getrieben hat.

Tuchel ist eine andere Persönlichkeit. Auch emotional - gerade wenn es um Fußball geht. Auf der anderen Seite aber auch rational, wissenschaftlich. Eher der Akademiker als der Pöhler. Den neuen Trainer dürfte eine gewisse Grundskepsis bei Teilen der Fans erwarten, verstärkt wird dieser Effekt durch die übergroßen Fußstapfen, die Klopp hinterlassen wird. Dafür kann Tuchel nichts. Mit diesem Problem wird er aber trotzdem leben müssen.