• Das frühe Ausscheiden der Nationalmannschaft bei einem Großereignis wird zur Tradition.
  • Die Verantwortlichen ducken sich schon wieder weg - dabei müssen jetzt endlich die längst überfälligen Reformen her.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Stefan Rommel sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

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Wie lange es dieses Mal dauern wird, bis sich der Deutsche Fußball-Bund und seine Granden zu einer Analyse des just beendeten Turniers aufraffen können, ist noch nicht klar. Fest steht allerdings, dass eine wachsweiche Prüfung wie nach dem WM-Aus 2018 nicht noch einmal tolerierbar ist. Wie sich der DFB seit Jahren, im Prinzip seit dem WM-Titel von Rio vor über acht Jahren, selbst belügt, ist die eigentliche Farce an diesem Ausscheiden.

Das Spiel gegen Costa Rica lieferte auf so vielen Ebenen Beweise dafür, dass die kaum mehr zu übersehen sind - wenn man sie denn sehen will: Es wäre, bei allem Respekt vor dem 31. der Weltrangliste, absolut machbar gewesen, diese Mannschaft mit sieben oder acht Toren Unterschied zu schlagen. Der Mannschaft fehlte zugegeben auch das nötige Glück, aber eben auch Entschlossenheit, Gier und vor allen Dingen Qualität.

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Die hat das Team noch in einem Mannschaftsteil zu bieten: Im Mittelfeld. Im Angriff und in der Abwehr sucht man Weltklasse vergeblich und selbst im deutschen Tor gibt es nicht mehr diese allumfassende Verlässlichkeit. Aber das ist im Vergleich zu den Problemen in den anderen Mannschaftsteilen (noch) ein Luxusproblem. Dort regieren Sorglosigkeit und teilweise auch Überheblichkeit und wenn dann ein paar Dinge nicht nach Plan laufen, bisweilen das reinste Chaos.

Die WM 2022 ist die dritte Turnier-Enttäuschung nacheinander

Zum dritten Mal in Folge schaut die Nationalmannschaft zu, wenn es bei einem großen Turnier in die Vollen geht. Und auch wenn diese WM einzeln zu betrachten ist, steckt längst deutlich mehr dahinter als nur Pech oder Unvermögen. Es gehe jetzt nicht um "fingerpointing", wer hier schuld habe an dem neuerlichen Desaster, sagte Oliver Bierhoff. Der ist seit mehr als 18 Jahren im Amt, mittlerweile als "Direktor Nationalmannschaften und Akademie".

Bierhoff mischt auf praktisch allen relevanten Feldern vorne mit, hat den Bau des DFB Campus verwirklicht, das Jahrhundertprojekt des Verbands - das gleichzeitig auch sein eigenes Jahrhundertprojekt ist und nun offenbar wie ein Schutzschild dienen soll. Man können nicht in zwei Jahren einen neuen Mittelstürmer ausbilden, sagte Bierhoff etwas später auch noch, was wohl so viel heißen sollte wie: Die Akademie ist noch so jung, Wunderdinge waren in der kurzen Zeit nicht zu erwarten.

Galerie Reaktionen auf das deutsche WM-Aus in der Vorrunde

Ein Nachfolger für Mittelstürmer Miroslav Klose wurde nie gefunden

Dass der deutsche Fußball für seine wichtigste Mannschaft seit 14 Jahren nach brauchbaren Außenverteidigern vergeblich fahndet und es auch im achten Jahr nach Miroslav Kloses Rücktritt keinen Mittelstürmer von vergleichbarem Format gibt, ist aber kein Zufall.

Ebenso wenig wie die Tatsache, dass es in der aktuellen Mannschaft zwar viele Möchtegern-Sechser gibt, aber keinen, der die originären Eigenschaften und Tugenden für diese Position mitbringt: Vor der Abwehr zu spielen wie ein Anker, positionstreu zu bleiben, offensiv wie defensiv in etwa ausgewogen zu agieren und die dafür nötigten Fertigkeiten zu besitzen.

Diese Spieler gibt es nicht und es liegt nach so vielen Jahren dann doch der Verdacht nahe, dass in der Ausbildung nicht mit jenem Eifer an diesen Zielen gearbeitet wird, wie das andere Nationen immer wieder vormachen. Der einzige Spieler, der in Katar an der Weltklasse kratzte, war Jamal Musiala. Und der wurde in England ausgebildet.

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Flick ist seit Jahren mitverantwortlich für die Qualität des Nachwuchses

Hansi Flick argumentierte zu Recht, dass "wir in der Ausbildung wieder besser werden müssen". Nur ist dieser Flick mittlerweile im elften Jahr seines Schaffens beim DFB, erst als Co-Trainer, nun als Cheftrainer und dazwischen auch als Sportdirektor - und damit mitverantwortlich für das, was im Unterbau passiert. Oder auch nicht passiert.

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Dass jetzt schon wieder niemand so recht die Verantwortung übernehmen will, ist ein schlechtes Zeichen. Dass im Verband die längst überfällige Reform der Nachwuchs- und Trainerausbildung seit Jahren torpediert wird von alten Seilschaften, ist schlicht fatal. Der deutsche Fußball war vor acht Jahren an der Weltspitze, mittlerweile hat er völlig den Anschluss verpasst. Das ist die Realität und der müssen sich nun alle stellen. Mit allen dafür notwendigen Konsequenzen.

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