Der Druck auf Joachim Löw wächst. Ein halbes Jahr vor der EM-Endrunde spielt seine Nationalmannschaft nicht wie ein Titelfavorit. Der Bundestrainer deutet an, den Verjüngungsprozess aufzuweichen und öffnet die Tür für Mario Götze. Drei anderen Weltmeistern macht Löw dagegen wenig Hoffnung auf ein Länderspiel-Comeback.

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Am 17. November 2017 bestritt Mario Götze beim 2:2 gegen Frankreich das bislang letzte seiner 63 Länderspiele. Nach seiner Ausmusterung bei Borussia Dortmund und dem Wechsel zur PSV Eindhoven fasst der deutsche Siegtorschütze aus dem WM-Endspiel 2014 sportlich im Herbst 2020 jedoch wieder Fuß - und kehrt ins Blickfeld des Bundestrainers zurück.

"Wir verlieren ihn auch nicht aus den Augen", sagte Joachim Löw in einem Interview mit dem Internetportal "Sportbuzzer". Er habe in den letzten Wochen immer wieder Kontakt mit dem 28-Jährigen gehabt. Götze hatte bereits bei seiner Vorstellung in Eindhoven betont: "Definitiv möchte ich wieder zurück in die Nationalmannschaft."

Daran arbeitet er. Zu Eindhovens 3:0-Sieg am achten Spieltag der niederländischen Eredivisie über Willem II Tilburg steuerte Götze das 2:0 bei. Für den ehemaligen Bayern war es das zweite Tor in der niederländischen Meisterschaft. Auch in der Europa League hat Götze für seinen neuen Verein bereits getroffen.

Joachim Löw: "Götze ist die Freude anzumerken"

Von der guten Form des Offensivspielers ist Löw überrascht. "Das war so nicht zu erwarten", sagte der Bundestrainer, "er wirkt sehr frisch und sehr agil, die Freude ist ihm anzumerken. Das braucht er für seine Leichtfüßigkeit, für seine Variabilität."

Die schätzte Löw schon 2014, als er Götze mit den Worten, er solle der Welt zeigen, dass er besser als Lionel Messi sei, ins zu diesem Zeitpunkt unentschiedene WM-Finale warf.

Sechs Jahre später muss Götze sportlich neu anfangen, und Löw steht unter EM-Druck. Sein Verjüngungsprozess führt nicht zu den gewünschten Resultaten. Bei zahlreichen Fußballfans hat Löw seinen Weltmeister-Kredit aufgebraucht. Davon zeugen kritische Kommentare und sinkende TV-Einschaltquoten, sobald die deutsche Nationalmannschaft zu Länderspielen antritt.

Die wegen der Corona-Pandemie in den Sommer 2021 verschobene EM naht. Im Kalenderjahr 2020 blieb die Nationalelf zwar in fünf Partien ungeschlagen, gewann aber auch nur ein einziges Mal, mühevoll beim 2:1 im Rahmen der Nations League in der Ukraine.

Angesichts dessen stellte im Gespräch mit unserer Redaktion Trainer-Legende Peter Neururer fest, Löw sei "2014 mit Deutschland Weltmeister geworden. Damals stand er logischerweise außerhalb jeglicher Kritik. Doch was dann folgte, war nur noch Enttäuschung, Enttäuschung, Enttäuschung. Es wurden Situationen unterschätzt und falsch eingeordnet. Spieler wurden überschätzt."

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Peter Neururer: "Wie kommt Löw auf diese Spieler?"

Löws Personalauswahl löst bei Neururer Kopfschütteln aus: "Da laufen Spieler auf - zum Beispiel Nico Schulz, den ich für einen riesen Fußballer halte -, die im Verein auf der Bank oder auf der Tribüne sitzen. Auch ein Antonio Rüdiger. Wie kommt man auf die Idee, diese Spieler für die Nationalmannschaft zu berufen?"

Andererseits blieben die im März 2019 von Löw ausgemusterten Weltmeister Jérôme Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller außen vor, obwohl alle drei in München und Dortmund unbestritten zu den Leistungsträgern gehören.

"Boateng ist der beste deutsche Abwehrspieler, hat mit dem FC Bayern alle Titel gewonnen und der DFB-Elf zusammen mit Hummels weltmeisterlichen Glanz verliehen und vor allem der Defensive Stabilität", so Neururer. "Hinzu kommt Müller, der bei den Bayern-Erfolgen einer der Federführenden war."

Im Oktober, vor dem 2:1 in der Ukraine, hatte Löw auf ähnliche Kritik seitens des Rekord-Nationalspielers Lothar Matthäus geantwortet: "Jeder hat seine Meinung. Wir haben unsere Linien, wir haben unseren klaren Plan."

Dieser Plan sieht auch vier Wochen später kein Comeback für Boateng, Hummels und Müller vor. Löw stellt sich diesbezüglich all jenen entgegen, die von ihm fordern, über seinen Schatten zu springen: "Wir haben uns grundsätzlich dazu entschieden, diese Spieler nicht zu nominieren, daran hat sich jetzt nichts geändert", zitierte der "kicker" Löw.

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Eine kleine Hintertür ließ Löw aber offen. "Wenn sich im nächsten Jahr durch Ausfälle von Schlüsselspielern bei uns eine völlig neue Situation ergibt, werde ich das entsprechend bewerten und über alternative Szenarien nachdenken", sagte er.

Mit Material der dpa
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