• Deutschland verliert sein Auftaktspiel gegen Frankreich und steht nun unter Druck.
  • Trotz der Niederlage gibt es aber auch positive Erkenntnisse, die gegen Portugal helfen könnten.
  • Die Verteidigung ist stabil, aber es gibt personelle Alternativen im Mittelfeld und Angriff.
Eine Analyse

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Es hat nicht gereicht, weil der Gegner einfach besser war. Das ist eine schmerzhafte, aber wenigstens sehr ehrliche Erkenntnis aus dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich. Die 0:1-Niederlage geht trotz aller Bemühungen in Ordnung, Frankreich stellte sich als unüberwindbare Hürde dar und hätte - so zumindest der Anschein - jederzeit auch noch eine Schippe drauflegen können.

Deshalb steht seit Dienstagabend die erste EM-Auftaktniederlage einer deutschen Mannschaft in den Geschichtsbüchern, eingeleitet durch das erste Eigentor eines deutschen Spielers bei einer EM-Endrunde. Die deutsche Mannschaft hangelt sich nach der Niederlage nun von Druckspiel zu Druckspiel, schon die Partie am Samstag gegen Portugal wird ein echtes Finale. Bei einer weiteren Niederlage rückt das Achtelfinale in weite Ferne.

Vielleicht waren die Einschätzungen der Protagonisten nach der Partie eine Spur zu positiv. "Wir haben in meinen Augen ein gutes Spiel gemacht. Wir hatten Chancen, nicht weniger als die Franzosen. Am Ende hat ein unglückliches Tor entschieden", sagte etwa Toni Kroos im ZDF. Wo genau Kroos die deutschen Möglichkeiten erkannt haben mochte, verriet er nicht. Tatsächlich gab es eine gute Einschusschance für Serge Gnabry, ansonsten blieb die deutsche Offensive stumpf.

Unbestritten zeigte die deutsche Mannschaft aber genug Ansätze, die Hoffnung machen für die kommenden Aufgaben. Gegen Kontrahenten, die zufällig nicht die beste Mannschaft der Welt sind mit den besten Spielern und dem homogensten Kader. Die eben nicht Frankreich heißen.

Die deutsche Defensive kann mithalten

Deutschland war griffig, Deutschland bremste das gefährlichste Angriffs-Trio des Planeten im Großen und Ganzen sehr gut ein. Im Vorfeld schien die deutsche Defensive die große Problemzone, dank des 5-3-2 gegen den Ball und einer sehr konzentrierten Leistung in den Momenten nach einem Ballverlust wurde die Mannschaft von Joachim Löw nicht von den gefürchteten Kontern des Gegners erwischt. Und wenn doch einmal Kylian Mbappé durchbrach, stand er hauchzart im Abseits oder wurde durch eine Sensationsgrätsche von Mats Hummels noch gestoppt.

Die Defensive hat also funktioniert und das ist eine gute Nachricht. "Wir haben alles in die Waagschale geworfen, haben gefightet bis zum Schluss. Ein Eigentor hat das Spiel entschieden. Wir wussten, dass Frankreich extrem gut kontert. Da konnten wir nicht alles unterbinden. Aber kämpferisch kann ich der Mannschaft nichts vorwerfen, wir haben alles reingehauen", sagte Löw nach dem Spiel.

Am Ende war es eine Verkettung kleiner und großer Fehler, die zum Gegentor führte. Kroos‘ Schläfrigkeit beim Einwurf, Antonio Rüdigers Aktionismus, Mats Hummels‘ Schienbein. Das kann passieren, muss nun aber auch zu einem Lerneffekt führen. Bereits im letzten Testspiel gegen Lettland kassierte die Mannschaft ein Gegentor nach einem Einwurf des Gegners, Löw zürnte schon damals.

EM 2021: Die Grundordnung kann man anpassen

Zwei große Debatten beherrschten die Schlagzeilen vor dem Spiel: Wo spielt Joshua Kimmich und wie lässt Löw seine Mannschaft auf die Franzosen los? Am Ende wurden es die erwartbaren Lösungen, Löw entschied sich für die Dreierkette und damit quasi folgerichtig dafür, Kimmich aus der Zentrale auf die rechte Außenbahn zu stellen.

Das sorgte für eine gewisse Stabilität und eine zusätzliche Absicherung. Der dritte Innenverteidiger kann rausstechen auf den Gegner, noch bevor der sich drehen und Tempo aufnehmen kann. Er kann vorübergehend Überzahl schaffen im Mittelfeld. Kimmich rechts und Robin Gosens über die linke Seite sollten Druck nach vorne aufbauen, weil die Franzosen im Zentrum alles verstellen. Und überhaupt konnte Löw so elegant die Frage klären, wie er eigentlich mit Toni Kroos plant.

Für das Frankreich-Spiel waren alle Ideen des deutschen Trainerteams nachvollziehbar, aber ohne Ergebnis fehlen die Argumente für eine Wiederholung. Und tatsächlich wäre gegen Portugal, wenn die deutsche Mannschaft tunlichst gewinnen sollte, eine Abkehr von der Dreierkette mehr als nur eine Überlegung wert. Das 4-3-3 bringt die Stärken der deutschen Mannschaft noch mehr zum Tragen, besonders im Motorraum.

Kroos und Ilkay Gündogan gingen gegen die französischen Kanten im Mittelfeld ein wenig unter, mit einem dritten Mittelfeldspieler und in einer anderen Staffelung liegt da noch deutlich Steigerungspotenzial. Kimmich könnte wieder zurück ins Zentrum und als klare Sechs die beiden nach vorne geschobenen Kollegen absichern. Und im Angriff könnte Löw bei seiner 2-1-Konstellation bleiben, mit zwei Spielern im Halbraum und einer falschen Neun.

Es gibt personelle Alternativen

Kimmich als zentraler Abfangjäger wäre eine Überlegung, Leon Goretzka als einer von zwei Achtern davor eigentlich fast schon eine Pflichtnummer für Löw. Der Bayern-Star bringt das mit, was Kroos und Gündogan nicht haben oder gegen Frankreich einbringen konnten: Das weiträumige Spiel von Strafraum zu Strafraum, das Nachrücken im eigenen Angriff, die Körperlichkeit, die Geradlinigkeit. Goretzka könnte gegen die Portugiesen nicht nur sehr gut passen, sondern dem deutschen Team eine neue Geschmacksrichtung im Mittelfeld geben.

Ähnlich sieht es im Angriff aus. Thomas Müller und Kai Havertz wollten nicht so richtig harmonieren, Leroy Sane brauchte - mal wieder - als Joker zu lange, um ins Spiel zu finden. Sane ist ein Startelf-Kandidat, auch Timo Werners Tempo wäre eine Waffe.

Die Einstellung stimmt

Anders als vor drei Jahren beim Crash in Russland sind die meisten deutschen Spieler sehr einsichtig und selbstkritisch. "Wenn wir uns etwas ankreiden müssen, dann unsere Chancenerarbeitung", sagte Gündogan.

"Wir haben es nicht geschafft, uns richtig Torchancen rauszuarbeiten. Frankreich war richtig stark, das 1:0 hat denen brutal in die Karten gespielt. Wir haben es irgendwie verpasst, komplett ins Risiko zu gehen und noch mehr auf das 1:1 zu drücken. Unterm Strich war es dann doch zu wenig", sagte Joshua Kimmich.

Das hörte sich nach einem Auftakt einer ehrlichen Aufarbeitung an, die in den kommenden Tagen im besten Fall fortgesetzt wird. Nun wird es darum gehen, den schmalen Grat zwischen harter Analyse und der nötigen Lockerheit zu finden, um gegen Portugal nicht zu verkrampfen. Dabei könnten die vielen positiven Erkenntnisse aus dem Frankreich-Spiel helfen, um das nötige Selbstvertrauen zu entwickeln. "Wir müssen zeigen, dass wir auch ein Favorit sind", sagte Kimmich und setzte damit schon das Signal für die Partie gegen den Europameister.

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Thomas Müller
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