Lange schien es so, als könnte sich die Führung des FC Bayern nicht aus dem langen Schatten des früheren Managers und Präsidenten Uli Hoeneß lösen. Doch während Hoeneß mit öffentlichen Aussagen für Verstimmungen sorgt, hat sich die neue Führungsetage freigeschwommen. Das zeigt sich auch nach der Münchner Niederlage gegen Bayer Leverkusen.

Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Steffen Meyer dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Hasan Salihamidzic traf nach der 1:2-Pleite des FC Bayern gegen Bayer Leverkusen mal wieder den richtigen Ton. "Das war nicht das, was Bayern München bedeutet", sagte der Münchner Sportvorstand laut "Kicker" und sprach damit vielen Bayern-Fans und Beobachtern aus der Seele. Er hatte wieder mal den richtigen Ton getroffen nach einer unnötigen Niederlage vor der Länderspielpause. Unnötig vor allem deshalb, weil die Siege gegen Paris Saint-Germain im Achtelfinale der Champions League zuvor ein ganz wichtiger Moment für den FC Bayern waren.

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Der deutsche Rekordmeister hatte auf der größtmöglichen Bühne bewiesen, dass mit ihm weiter in der europäischen Spitzenklasse zu rechnen ist. Viel ist rund um das Paris-Duell über Trainer Julian Nagelsmann geschrieben worden, der mit den beiden verdienten Siegen viele Zweifler alt aussehen ließ. Es war aber auch ein wichtiger Moment für die Bayern-Vorstände Kahn und Salihamidzic. Sie haben den Club nach innen und außen gemeinsam mit Präsident Herbert Hainer inzwischen so fest im Griff, dass ein Name immer seltener fällt: der des einstigen Übervaters Uli Hoeneß.

Hoeneß sorgt für Stirnrunzeln

Es war fast ein wenig bezeichnend: Während die Bayern-Bosse rund um die PSG-Spiele zufrieden das Weiterkommen in der Champions League einordneten, lieferte sich Hoeneß gerade ein öffentliches Scharmützel mit Lothar Matthäus. Worum es genau ging, war für den Außenstehenden schwer zu verstehen. Hoeneß war die Kritik von Matthäus als Experte offenbar hier und da zu hart. Matthäus konterte prompt: "Verbundenheit ja, aber das erlaubt mir in meiner Position als Sky-Experte doch meine Eindrücke, die ich mitnehme, auch zu äußern. Ich bin ganz sicher nicht unter die Gürtellinie gegangen, habe keinen Spieler beleidigt, gar nichts. Ich verstehe diese Sätze nicht", sagte der Weltmeister von 1990 bei Sky90. Er wisse nicht, was er über den FC Bayern Negatives gesagt habe.

Zwei Elfmeter nach Videobeweis: Bayern stürzen von der Tabellenspitze

Bayern München hat im Titelrennen nach dem Offensivfeuerwerk von Borussia Dortmund gepatzt und ist krachend von der Tabellenspitze gestürzt. Die Mannschaft von Trainer Julian Nagelsmann verlor am Sonntag 1:2 bei Bayer Leverkusen, gab eine Führung aus der Hand und liegt in der Tabelle vor dem Ligagipfel in zwei Wochen plötzlich einen Punkt hinter dem BVB.

Es war nicht das erste Mal in den letzten Wochen, dass Fans und Beobachter des FC Bayern ein von Hoeneß losgetretenes öffentliches Thema wahlweise mit Kopfschütteln oder Schulterzucken quittierten. Das galt auch für die Diskussion um Manuel Neuer, bei der Hoeneß vor einigen Wochen ankündigte, dass sich die Bayern-Führung rund um die PSG-Spiele zum weiteren Vorgehen äußern wolle. Salihamidzic musste öffentlich widersprechen. Wieder eine unnötige Diskussion rund um Hoeneß, die den FC Bayern eher ablenkt, als dass sie ihm hilft.

Nach allem, was man aus dem Verein hört, bleibt Hoeneß durchaus wichtig. Als informeller Ansprechpartner. Als Ratgeber. Als Konstante. Als Elder Statesman. Hier und da auch mal als Antreiber. Aber die neue Führung hat sich nach nicht mal zwei Jahren in gemeinsamer Verantwortung emanzipiert. Nicht nur von Hoeneß, sondern auch von Karl-Heinz Rummenigge, der den Verein ebenfalls über Jahrzehnte geprägt hat. Kahn und Salihamidzic sind nicht mehr Vorstände von irgendjemandes Gnaden, sondern steuern das Schiff eigenständig und souverän.

Cancelo und Sommer als Transfercoups

Vor allem die Personalie Salihamidzic ist dabei interessant. Der 46-Jährige hatte einen bewegten Start in München. Lange hatte man den Eindruck, er ist der Aufgabe nicht gewachsen. Mal sprach er öffentlich über Spieler anderer Vereine, die nicht kamen. Mal stritt er sich öffentlich mit Nagelsmann-Vorgänger Hansi Flick. Zu dieser Zeit hieß es immer wieder, dass Salihamidzic vor allem deshalb fest im Sattel sitzt, weil Hoeneß intern seine schützende Hand über den Champions-League-Sieger von 2001 hielt. Das würde so heute keiner mehr wiederholen.

Salihamidzic hat eine Reihe von Transfer-Coups gelandet und eine international auf höchstem Niveau konkurrenzfähige Mannschaft zusammengestellt. Selten wurde das so deutlich wie beim Aufeinandertreffen mit Paris. Nagelsmann brachte im Verlauf des Rückspiels Sadio Mané, Leroy Sané, Serge Gnabry und Joao Cancelo. Vier Weltklassespieler. Paris brachte Juan Bernat und eine Menge U21-Spieler mit wenig internationaler Erfahrung.

Paris setzte mit Mbappé, Neymar und Co. auf die Spitze. Salihamidzic investierte in die Breite. Wie zupackend und geräuschlos er zum Beispiel den Cancelo-Deal in der Winterpause eingetütet hat, nötigte selbst manchen Kritikern größten Respekt ab. Auch als Erfolg zu verbuchen war, dass die kurzfristige Verpflichtung von Yann Sommer geklappt hat.

Geschlossenheit in der sportlichen Führung

Auch kommunikativ treten beide Bayern-Vorstände deutlich souveräner und vor allem geschlossen auf. Als Nagelsmann nach sportlichen Misserfolgen öffentlich angezählt wurde, stärkten Kahn und Salihamidzic ihm gelassen, aber demonstrativ den Rücken. Nach einer Niederlage wie gegen Leverkusen nehmen sie zu Recht wiederholt die Mannschaft in die Pflicht.

Und auch die knifflige Causa Neuer managten beide sehr souverän, indem sie Neuer nach seinem Interview öffentlich klar angezählt haben, ohne aber alle Brücken zum langjährigen Nationaltorwart abzubrechen. Inzwischen scheint eine Rückkehr als Nummer eins wieder möglich, zumindest, wenn er das alte Leistungsniveau nach seiner Reha wieder erreicht. Genau in solchen Momenten zeigt sich, wie sortiert und gefestigt die Führung ist. Kahn und Salihamidzic haben auch diesen Test bestanden.

Als Hoeneß sich im November 2019 vom Amt des Präsidenten zurückgezogen hat, ist viel vom Beginn einer neuen Ära gesprochen worden beim FC Bayern. Eine Ära ohne Uli Hoeneß im Mittelpunkt des Vereins. Im März 2023, also mehr als drei Jahre später, ist diese neue Ära mit Kahn, Salihamidzic und Hainer tatsächlich in vollem Gange. Und das ist auch gut so.

Verwendete Quellen:

  • kicker.de: Salihamidzic schimpft: "Haben alles vermissen lassen"
  • welt.de: "Ich weiß nicht, was er meint" – Salihamidzic widerspricht Uli Hoeneß
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