Langweilig war die Bundesliga aus Sicht von Nicht-Bayern-Fans schon vor Jahrzehnten. Der Unterschied zu heute: Damals gab es einen Christoph Daum. 20 Jahre nach seinem zwischenzeitlichen Absturz wegen Kokainkonsums erzählt der einstige Nobody unter den Bundesligatrainern, wie er ausgerechnet von einer Bayern-Legende lernte, die Dominanz des Rekordmeisters nicht hinzunehmen. Sein Angriff gipfelte in einem legendären "Sportstudio".

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"Der 1. FC Köln", erzählt Christoph Daum in seiner Biografie "Immer am Limit" von jenen Tagen, als er Bundesliga-Cheftrainer des ersten Bundesliga-Meisters wurde, "zählte zur Crème de la Crème des deutschen Fußballs. Der FC von damals lässt sich nicht mit dem von heute vergleichen."

Umso erstaunlicher mutete es an, als sich der noble Klub vom Rhein im Herbst 1986 dazu entschloss, einem 32-Jährigen, der selbst nur auf Amateurniveau gekickt und bis dahin lediglich im Jugendbereich des FC gearbeitet hatte, nach nur einem Sieg aus sieben Saisonspielen unter Georg Keßler die schlingernde Bundesliga-Mannschaft anzuvertrauen.

Georg Keßler, links, feiert als Cheftrainer des 1. FC Köln am 13. September 1986, dem sechsten Spieltag, den ersten Saisonsieg in der Bundesliga - und seinen letzten. Zwei Wochen nach diesem 3:0 über den FC Homburg ist sein Co-Trainer Christoph Daum, rechts, mit 32 Jahren Cheftrainer des FC.

"Normalerweise verpflichtete der Club echte Größen wie Weisweiler oder Michels", schreibt Daum. "Jetzt sollte ich es plötzlich richten, dieser Typ, den kein Schwein kannte, der nicht mal Profi gewesen war! Allen war klar, dass ich es nur für ein paar Spiele machen sollte."

Schon nach der zweiten Saison punktgleich mit dem FC Bayern

Schon 20 Monate später hatte Daum nicht nur für ein paar Spiele die Verantwortung getragen und den 1. FC Köln dank unermüdlichen Einsatzes in Tabellenregionen zurückgeführt, die dessen Historie und Selbstverständnis entsprachen: Vizemeister hinter Werder Bremen, punktgleich mit dem FC Bayern München.

Die Bayern zogen nach ihrem Meisterschafts-Hattrick erstmals wieder den Kürzeren, vielleicht auch, weil ihr Zampano Udo Lattek seit Saisonbeginn 1987/88 als Technischer Direktor in Köln Daum vor allem in die große Kunst der Außendarstellung einführte. Lattek brachte die Saat aus, die aus dem vergleichsweise schüchternen Daum das spätere "Großmaul" werden ließ. Zu spüren bekam dies vor allem Latteks Nachfolger in München, Jupp Heynckes.

"Vom Däumling zum Daum" überschreibt Daum selbst diese Saison, seine einzige an der Seite Latteks.

Trainer Christoph Daum, links, und Sportdirektor Udo Lattek machen aus dem 1. FC Köln 1987/88 wieder einen Meisterschaftskandidaten und Konkurrenten für den FC Bayern München und Werder Bremen.

"Ich war das genaue Gegenteil von Udo. Nichts an mir war laut oder glänzte, im Gegenteil." Und weiter: "Im Vergleich mit Udo Lattek war ich eine Mickymaus", fasst es Daum mehr als 30 Jahre später zusammen. "Udo war der Übertrainer." Und ein "Meister darin, seine Gegner verbal zu attackieren. Einige Trainerkollegen fürchteten sich schon vor Udo, bevor der Ball rollte. Die Sprache war seine wichtigste Waffe. Er zerlegte damit nicht nur seine Gegner, sondern fand über sie wie kein Zweiter einen Zugang zu seinen Spielern."

Klopp und Nagelsmann bewundern Daums Motivationskunst

Daum nennt Lattek einen "Motivationskünstler und Menschenfänger". Typisierungen, die heutzutage renommierte Kollegen wie Jürgen Klopp und Julian Nagelsmann bemühen, wenn sie Daum beschreiben.

"Udo war nicht einfach nur ein Sprücheklopfer, sondern ein PR-Profi, eine Art Jürgen Klopp der Achtziger", schreibt Daum. "Wir verloren einfach nicht mehr", erstmals am 15. Spieltag mit 1:2 beim späteren Meister in Bremen. Dort streifte einer von Latteks Intimfeinden, Otto Rehhagel, seinerzeit das Image des ewigen Zweiten in der Bundesliga ab.

Die älteren Fans des 1. FC Köln erinnern sich aus jenen Tagen der Unschlagbarkeit und sportlichen Wiederauferstehung wehmütig an Lattek und dessen Talisman, einen blauen Strickpulli. Der kam erst nach dem 1:2 in Bremen in die Wäsche und brachte anschließend umgerechnet 18.000 Euro für die Kinderkrebshilfe ein.

Der blaue Strickpulli des damaligen Kölner Sportdirektors Udo Lattek sorgte für eine Serie von 15 Partien ohne Niederlage zu Beginn der Saison 1987/88.

Als Lattek im Frühjahr 1988 als Kolumnist zur frisch gegründeten "Sport Bild" weitergezogen war, brauchte er Daum nichts mehr beizubringen. Der knöpfte sich die Bayern nun selbst vor. "Ich hielt mich nicht mehr zurück und dachte mir alle möglichen Sachen aus, um meine Gegner zu provozieren", so Daum vor der Saison 1988/89. "Es gab keinen Grund mehr, leise zu sein, weil der 1. FC Köln unter mir zu seiner Größe zurückfand."

Daum: Gibt kein Gesetz, dass Bayern Meister wird

Daum wehrte sich dagegen, dass der Rest der Liga die erste Deutsche Meisterschaft unter Heynckes praktisch schon nach der Hinserie als gegeben hinnahm. "Wo, um Himmels willen, steht denn geschrieben, dass Bayern Meister wird? Gab es da irgendein Gesetz? Diese Stimmung ging mir gegen den Strich und stachelte mich an. Ich nahm mir vor, für ein bisschen Wirbel zu sorgen. Die Bundesliga drohte einzuschlafen."

Am 23. Spieltag schickte Daum mit seinen Kölnern den VfB Stuttgart, mit dem er sich 1992 den Traum von der Deutschen Meisterschaft erfüllen sollte, mit 3:0 geschlagen nach Hause. "Wir waren längst erster Verfolger der Bayern und in der Bundesliga seit zehn Spielen ungeschlagen. Ich versuchte alles, um die Bayern irgendwie aus dem Tritt zu bringen", schildert Daum. "Nach dem Stuttgart-Spiel ging es richtig los. 'Die Sensation kann man förmlich schnuppern. Die Bayern sind reif für eine Niederlage', sagte ich."

Nach dem 2:1 bei Meister Werder Bremen am 28. Spieltag tönte Daum: "Wir gewinnen unser Heimspiel gegen Bayern München. Wir verlieren überhaupt kein Spiel mehr und werden Meister."

Daum sparte auch gegenüber Heynckes nicht mit Beleidigungen:

  • "Der könnte auch Werbung für Schlaftabletten machen."
  • "Die Wetterkarte ist interessanter als ein Gespräch mit Jupp Heynckes."

Im "Aktuellen Sportstudio" Zoff mit Uli Hoeneß

Daums Wirbel gipfelte in einem legendären Live-Schlagabtausch mit Hoeneß im "Aktuellen Sportstudio" im ZDF, an dessen Ende das Studio-Publikum einen Klassiker anstimmte: "Zieht den Bayern die Lederhosen aus."

Eines der legendärsten "Sportstudios" der ZDF-Geschichte: Udo Lattek, Christoph Daum, Moderator Bernd Heller, Jupp Heynckes und Uli Hoeneß sorgen fünf Tage vor dem Spitzenspiel des FC Bayern beim 1. FC Köln mit ihrem Streitgespräch für beste Unterhaltung.

Die Sendung fand fünf Tage vor dem Spitzenspiel in Köln zwischen dem FC und den Bayern statt. Der Vorsprung der Münchner auf die Geißböcke betrug vier Spiele vor Saisonende nur zwei Punkte, auf die heutige Zählweise umgerechnet drei. Dem 1. FC Köln fehlte zum Gleichstand nur ein Sieg. "Der 'Express' nannte mich in Anlehnung an Cassius Clay alias Muhammad Ali mittlerweile den 'Cassius vom Rhein'", erinnert sich Daum in seinen Memoiren.

Am 20. Mai 1989 saß er im Studio in Mainz Bayerns damaligem Manager Uli Hoeneß ebenso gegenüber wie Bayerns späterer Trainer-Legende Heynckes, die 1979 als Co-Trainer Latteks in Mönchengladbach begonnen hatte. Auch Lattek war eingeladen - und stand zu Daums Erleichterung auf seiner Seite. "Die Bundesliga drohte, langweilig zu werden", hob Lattek an. "Und er hat als Einziger den Fehdehandschuh aufgegriffen und den Bayern den Kampf angesagt."

Heynckes setzt sich im gefühlten Titel-Endspiel gegen Daum durch

Christoph Daum, damaliger Trainer des 1. FC Köln, gratuliert Bayern-Coach Jupp Heynckes am 25. Mai 1989 zum 3:1-Sieg im Bundesliga-Spitzenspiel des 31. Spieltags.

Diesen Kampf entschieden die Bayern am 31. Spieltag mit 3:1 für sich. Hoeneß' Prophezeiung aus dem "Sportstudio" gegenüber Daum, dessen Weg werde "am nächsten Donnerstag zu Ende" sein, bewahrheitete sich. Vorerst.

Zwei Jahre nach seinem Rausschmiss beim 1. FC Köln führt Christoph Daum den VfB Stuttgart 1991/92 zur Deutschen Meisterschaft.

Drei Jahre später stemmte Daum erst- und auch letztmals die Meisterschale. Allerdings nicht mit dem 1. FC Köln, sondern mit dem VfB Stuttgart. Das Kölner Präsidium hatte Daum während der WM 1990 in Italien, und das bei einem Besuch vor Ort in Erba am Comer See, dessen Entlassung mitgeteilt. Der Macher des FC war dessen Spitze zu mächtig geworden. "Fast eine halbe Stunde lang heulte ich im Auto wie ein Schlosshund. Auf einem Feldweg irgendwo in Italien", erinnert sich Daum in "Immer am Limit". "Für mich brach eine Welt zusammen, der FC war sie gewesen."

Doch nicht nur in Stuttgart, sondern auch ab 1996 in Leverkusen gelang es Daum, sich eine neue Welt zu schaffen, um es mit den Bayern aufzunehmen. Leverkusen streifte das Image als Pillenklub unter Daum ab und etablierte sich in der Bundesliga-Spitze.

Im legendären Jahr 2000, das in Daums "absolut reinem Gewissen" und einer schicksalhaften Haarprobe gipfelte, fehlte zur Thronbesteigung nur noch ein Unentschieden beim Bundesliga-Neuling Unterhaching. Doch der spätere Bayern-Star Michael Ballack lenkte mit seinem Eigentor die Dinge in eine unerwartete Richtung. "Vizekusen", wie die Fans fortan spotteten, unterlag beim Münchner Nachbarn mit 0:2. Durch ein 3:1 daheim über Bremen sicherte sich Titelverteidiger FC Bayern aufgrund der Tordifferenz erneut den Titel.

Tränen in der Kabine in Unterhaching: "Papa, das ist so ungerecht!"

Vater und Sohn in Trauer vereint: Christoph Daum, rechts, hat gerade durch ein 0:2 in Unterhaching auf den letzten Metern den Meistertitel mit Bayer Leverkusen 1999/2000 verpasst und an den FC Bayern München veloren. Sohn Marcel sucht Trost.

"Ich war am Ende", schreibt Daum. "Es tat unfassbar weh. Eine Frage ließ mich nicht los: Wieso?" Daums damals 13-jähriger Sohn Marcel tröstete seinen Vater in der Kabine: "Papa, das ist so ungerecht!" Es war ein 20. Mai, auf den Tag genau elf Jahre nach dem legendären "Sportstudio"-Zoff mit Hoeneß.

Fünf Monate nach der Pleite in Unterhaching platzte Daums noch größerer Traum: jener, Bundestrainer zu werden. Dabei hatte er ein "absolut reines Gewissen" gehabt.

Dass viele Menschen ihn auf diesen nachgewiesenen Kokainkonsum reduzieren, auf jene Episode, die seiner Auseinandersetzung mit Hoeneß spät die Krone aufsetzte, "stört mich enorm", gestand Daum in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. "Aber es sind nun mal Dinge, die in epischer Breite in den Medien ausgewalzt und wiederholt worden sind. Das ging nach dem Motto: Hängt ihn jeden Tag noch ein Stückchen höher. Jeder hat nochmal ein Stück draufgesetzt. Es wurde alles geschrieben, egal, ob die Dinge einen wahren Hintergrund hatten. Das war eine Horrorzeit."

"Aktuelles Sportstudio" am 20. Mai 1989: Christoph Daum zofft sich mit Uli Hoeneß

Im Titelkampf 1988/89 hat sich Kölns Christoph Daum rechtzeitig zum Spitzenspiel Bayern München in der Tabelle zurechtgelegt. Seine verbalen Attacken auf Kollege Jupp Heynckes scheinen zu wirken. Manager Uli Hoeneß aber kontert, als es in einem legendären "Sportstudio" zum direkten Aufeinandertreffen kommt. Das Publikum johlt. (Teaserfoto: picture alliance / Alfred Harder) © YouTube
Christoph Daum (66) gewann in seiner Laufbahn Meistertitel in Deutschland, Österreich und der Türkei. 2001 hätte er Bundestrainer werden sollen, bevor ihn seine Kokain-Affäre darum brachte. Daums bisher letztes Engagement endete 2017 als Nationaltrainer von Rumänien.

Mit Material der dpa

Verwendete Quelle:

  • Christoph Daum (mit Nils Bastek): Immer am Limit (2020)