In der Talkrunde von Maybrit Illner offenbart sich der tiefe Graben zwischen CDU und CSU. Dorothee Bär und Friedrich Merz streiten über die Corona-Zahlen in Bayern und Nordrhein-Westfalen - und Grünen-Politiker Cem Özdemir kann sich das Ganze lächelnd ansehen.

Fabian Busch.
Eine Kritik
von Fabian Busch
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Hat es Dorothee Bär noch niemand gesagt? Oder redet die CSU-Politikerin schon die Wahlniederlage ihrer Schwesterpartei herbei? Man traut am Donnerstagabend bei "Maybrit Illner" jedenfalls zwischenzeitlich seinen Ohren nicht: Am Dienstag hat CSU-Chef Markus Söder das Rennen um die Kanzlerkandidatur der Union verloren gegeben und seinem CDU-Kontrahenten Armin Laschet den Posten zugestanden. Dorothee Bär schwärmt aber in so hohen Tönen von Markus Söder, dass man meinen könnte, es wäre noch Montagabend und das Rennen völlig offen.

Da kommt auch Cem Özdemir ins Staunen. "Sie reden hier öffentlich. Die Entscheidung ist doch getroffen", erinnert der Grünen-Politiker die CSU-Frau. Es ist auf jeden Fall eine ungewöhnliche Sendung. Sie verdeutlicht, dass zwischen den Unionsparteien einiges ins Rutschen geraten ist.

Das sind die Gäste

Dorothee Bär: Kein einziges Mal nimmt die stellvertretende CSU-Vorsitzende den Namen von Armin Laschet in den Mund. Stattdessen scheint sie sich für den Vorstandsposten im Markus-Söder-Fanclub zu bewerben: "Ich bin fest überzeugt, dass Markus Söder ein hervorragender Kanzler gewesen wäre."

Friedrich Merz: Der CDU-Politiker war Anfang dieses Jahres noch Kontrahent von Armin Laschet um den Parteivorsitz. Jetzt stellt er sich hinter den NRW-Ministerpräsidenten und lobt dessen Sieg im Machtkampf mit der CSU: "Ein Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland muss Stehvermögen und gute Nerven zeigen - und das hat er gezeigt."

Claudia Kade: "Union ist für mich gar nicht mehr der richtige Begriff. Da ist sehr, sehr viel zerbrochen", sagt die Politik-Chefin der Tageszeitung "Die Welt" mit Blick auf den Streit zwischen CDU und CSU. Für sie ist klar: Laschet muss jetzt das konservativere Lager in der Partei einbinden, wenn er noch eine Chance haben will.

Markus Feldenkirchen: Armin Laschet ist jetzt auf viel innerparteiliche Hilfe angewiesen, glaubt auch der "Spiegel"-Journalist: "Es ist noch nie jemand so angeschlagen, so zerzaust und - was die Umfragen angeht - von einem so niedrigen Niveau in eine Bundestagswahl gestartet."

Cem Özdemir: Der frühere Grünen-Chef fühlt sich angesichts des Schwesternstreits in der Union an "Kreismitgliedersammlungen der Grünen" erinnert. Er kann sich zurücklehnen - die Grünen stehen geschlossen hinter ihrer Kanzlerkandidatin: "Ich will Annalena Baerbock im Kanzleramt. Dafür kämpfen wir."

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Das ist der Moment des Abends

Neben dem denkwürdigen Auftritt von Dorothee Bär bleibt von dieser Sendung vor allem die wundersame Wandlung des Friedrich Merz hängen. Nach seiner knappen Niederlage im Wettbewerb um den CDU-Parteivorsitz war der Sauerländer noch als schlechter Verlierer vom Platz gegangen: Für ein Ministeramt wollte er noch zur Verfügung stehen, für die Parteiarbeit dagegen nicht. Daraufhin hatten selbst einige Merz-Fans an der Teamfähigkeit ihres Idols gezweifelt.

Das hat Merz inzwischen offenbar als Fehler erkannt. In dieser Sendung betreibt er Imagepflege in eigener Sache, räumt Versäumnisse ein, gibt sich als bescheidener Parteisoldat, lobt seinen früheren Kontrahenten Laschet, ein ganz bisschen sogar die Bundeskanzlerin.

Auch die Moderatorin hatte offenbar etwas anderes erwartet. Sie widmet Friedrich Merz die ersten 15 Minuten der Sendung. Es wirkt da fast, als hätte sie vergessen, dass auch andere Personen zu Gast sind. Maybrit Illner hatte wohl erwartet, dass Merz wieder gegen die eigene Partei koffern würde. Doch den Gefallen tut er ihr nicht. "Es kommt, wie es kommt. Und es ist, wie es ist." Viel mehr ist aus dem früheren Provokateur nicht herauszukriegen.

Das ist das Rededuell des Abends

Die interessanteste Diskussion entspinnt sich zwischen CDU und CSU: Friedrich Merz nimmt seinen neuen Verbündeten Laschet gegen Kritik an dessen Corona-Politik in Schutz. "So schlecht hat er das doch erkennbar nicht gemacht", findet Merz. Er kann sich auch die Spitze nicht verkneifen, dass die Infektionszahlen im Söder-Reich Bayern höher seien als im Laschet-Land NRW.

"Wir haben vielleicht auch in Bayern andere Herausforderungen", gibt Dorothee Bär sichtlich genervt zurück. Sie erklärt die vielen Corona-Hotspots im Freistaat mit der langen Grenze zu Tschechien und Österreich. Merz lässt das nicht gelten - und schießt zurück: "Sorry, diese Entschuldigung lasse ich nicht gelten." Auch Nordrhein-Westfalen grenze mit Belgien und den Niederlanden an zwei Hochinzidenzgebiete.

Das ist das Ergebnis bei "Maybrit Illner"

Es geht viel um Personen, wenig um Programme. "Interessanterweise haben wir noch gar nicht über Inhalte gesprochen", stellt die Welt-Journalistin Claudia Kade fest, als es schon fast zu spät ist. Welche Themen im Wahlkampf wichtig sind und wie die Parteien dazu stehen - dazu erfahren die Zuschauenden in der Tat wenig.

Aufschlussreich ist die Sendung trotzdem. Vor allem wegen des Blicks in den tiefen Graben zwischen den Unionsparteien. Dorothee Bär deutet an, dass die CSU jetzt vor allem ihr eigenes Ding machen will. Von der Idee, Plakate des Unionskanzlerkandidaten in ihrem Wahlkreis aufzuhängen, hält sie wenig. Ob die Christsozialen Armin Laschet im Wahlkampf glaubhaft unterstützen wollen, bleibt da fraglich.

Stattdessen haben sich in der Runde zwei gefunden, die schon eifrig für eine schwarz-grüne Koalition üben. Cem Özdemir sieht seine Partei außenpolitisch in der Tradition des CDU-Kanzlers Adenauer. Und Friedrich Merz erkennt an: "Die Grünen haben dazugelernt." Fast wirken CDU und Grüne sich an diesem Abend näher als die Unionsschwestern untereinander. Am Ende sagt Merz dann aber noch etwas gegen die gendergerechte Sprache. Da ist man fast erleichtert: Doch noch etwas, das zu erwarten war.

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