Es ist der vierte Wochenrückblick in Folge, der von Wladimir Putins kriegsverbrecherischem Angriff auf die Ukraine und der seither im Schaufenster der Weltgeschichte ausgestellten Hilflosigkeit des Westens überschattet wird. Insbesondere, das muss man leider zugeben, der Hilflosigkeit Deutschlands.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Ich unterstelle Robert Habeck, dass ihm die Worte "wir sind auf russische Energielieferungen angewiesen" genauso denaturiert vorkommen, wie mir. Auch würde es selbst der bei faktenverdrehenden Fehlinterpretationen sehr erfindungsbegabten AfD kaum gelingen, ihm den Schwarzen Peter für diesen Zustand zuschieben zu wollen.

Dennoch: Das wirtschaftskräftigste Land Europas wirkt gelähmt. Habeck ist erst seit einigen Wochen Wirtschaftsminister. Und immerhin haben er und vor allem seine Parteikollegin Annalena Baerbock bereits im Sommerhoch des Wahlkampfes davor gewarnt, sich von Putin abhängig zu machen. Und wurden ausgelacht.

Heute lacht niemand mehr. Und da ist das Entsetzen über die zu erwartende Verdreifachung unserer Energiekosten für Strom und Gas noch gar nicht mit eingerechnet. Langsam tröpfelt die Erkenntnis auch bei Protagonisten der Ampel-Koalition durch, dass es womöglich nicht die allerbeste Idee in der Geschichte unseres Landes war, sich auf dem Energie-Beschaffungssektor alternativ- und bedingungslos an Russland zu ketten. Insbesondere nach Putins völkerrechtlich nur sehr überschaubar vertretbaren Militäraktionen 2014 auf der Krim.

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Es ist historisch nicht unbedingt überraschend, dass sich Despoten und Kriegstreiber gerne am großen Tisch bei den Mächtigen des Westens sonnen, um im Real World Monopoly ihren größenwahnsinnigen Egotrip auszuleben. Und auch nicht, dass sie anschließend dennoch oft genau das machen, was sie in ihrer verwirrten Machtbesessenheit für vernünftig halten – und nicht das, was sie beim Konzert der Großen versprochen hatten.

Nestlé zeigt sich emphatisch wie immer

Erneut also eine Woche, in der das, über was man trefflich billige Witzchen ergießen könnte, noch unbedeutender wirkt als das Frühstücksfernsehen bei Sat.1. Stichwort Sat.1: Beim Erfolgssender aus Unterföhring greift man inzwischen zu verzweifelten Maßnahmen, um der Kriegssituation in der Ukraine gebührend den Stempel der eigenen Empörung aufzudrücken und lässt Mark Forster sonntags live vom Frieden singen.

Nur eine Lappalie allerdings, wenn man sich beispielsweise das Verhalten von Konzernen wie Nestlé anschaut. Während sich mit McDonald's, Apple, Shell, Mastercard, PayPal, Adidas, IKEA, H&M, Spotify, Volkswagen, Netflix, AirBnB, Amazon, Coca-Cola, Nike, Starbucks oder Volvo und vielen anderen, inzwischen im Prinzip eigentlich allen relevanten Global Playern, aus Russland zurückgezogen haben, sieht der sympathische Wasserprivatisierer aus der Schweiz nach wie vor keine Veranlassung, sein Business im neuen Russischen Putinreich zu überdenken.

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Krieg in der Ukraine: Diese Unternehmen boykottieren Russland

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat die Welt erschüttert. Zahlreiche internationale Unternehmen haben darauf reagiert und stellen ihre Geschäfte in dem Land ein.

Mehr muss man wohl nicht wissen über ein Unternehmen, das durch den Erwerb von Wasserrechten staatlicher Wasserbehörden reich geworden ist. Vor allem übrigens in Afrika, wo Trinkwasser grundsätzlich eher nicht zu den im Überfluss vorhandenen Ressourcen zählt.

Propaganda-Marionetten (echte)

Das alles ist aber nicht so bizarr wie die weiterhin auf Hochtouren laufenden Propaganda-Shows Putins. Die Dreistigkeit, vor den Augen der Welt sein eigenes Volk mit frei erfundenen Heldengeschichten auf einen Krieg gegen den bösen Westen einzustimmen und ihm gleichzeitig jede Grundlage zu nehmen, diese angeblichen Fakten mal mit dem Wissensstand der übrigen Welt abzugleichen, ist auf psychopatische Weise bemerkenswert. Eine industrialisierte Lügen- und Zensurmaschine, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

Diese Woche erfährt sie einen vorläufigen Höhepunkt. Der selbsternannte Nazi-Jäger Putin wird nicht müde, seiner Nation vorzugaukeln, die Regierung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wäre von Nazis durchsetzt. Ausgerechnet Selenskyj also, der Großteile seiner Familie im Holocaust verlor, soll antisemitische Naziverbrecher um sich geschart haben. Wenn nicht jeden Tag Menschen ihr Leben lassen müssten sowie Wohnungen und Arbeitsplätze von Hunderttausenden von Familien in Schutt und Asche gelegt würden, wäre das in seiner hirnrissigen Geistesgestörtheit womöglich sogar noch für die berühmten Lacher gut, die im Halse steckenbleiben. So was kann man sich nicht ausdenken.

Um der langsam wegbröckelnden Zustimmung seines Volkes zu diesem Großverbrechen an der Menschlichkeit entgegenzutreten, nutzt Putin diese Woche das für 80.000 Besucher ausgelegte legendäre Olympiastadion Luschniki als Plattform, das früher mal Lenin-Zentralstadion hieß und schon viel bessere Tage gesehen hat, als die unsäglichen Lügen-Festspiele einer diktatorischen Propaganda-Ikone mit der Hybris aller griechischen Götter zusammen. Bon Jovi spielte hier, auch die Scorpions ließen ihren "Wind of Change" durchs Stadion wehen. Manchester United (mit Cristiano Ronaldo) und der FC Chelsea (mit Michael Ballack) spielten hier 2008 das Champions-League-Finale. Auch die deutsche Nationalelf gastierte hier schon. 2018 gab es in der WM-Vorrunde ein 0:1 gegen Mexiko.

Dressman des Todes

Da steht Putin nun also und verkündet im kalten Rund, wie fantastisch sein Befreiungskrieg läuft, wie begeistert die Ukrainer die russischen Truppen empfangen und wie manipulativ der böse Westen versucht, den Friedenschor der russischen Pazifismus-Offensive schlecht zu reden. Es ist so bizarr, dass es wehtut. Putin hasst den Westen und den konsumverwöhnten Klassenfeind so sehr, dass er seine Rede in einem navyfarbenen Wintermantel aus dem Hause Loro Piana absolviert. Eines der günstigeren Modelle des Couture-Labels, das bei circa 12.000 Euro liegt. Etwa 20-mal so viel wie das Durchschnittsgehalt in Russland.

Loro Piana ist ein italienisches Ultra-Luxuslabel für Globalisierungsgewinner mit Überkompensierungsneurose, denen 8.000-Euro-Mäntel von Gucci zu proletarisch wirken. Mäntel in einer Preisklasse, in der man in Russland auch Wohnhäuser erwerben kann. Woher Putins auf viele Milliarden Euro geschätztes Vermögen kommt, ist eine andere Geschichte aus Tausend und einer Mafia-Nacht. Während Putin also seine Märchenstunde für gehirngewaschenes Klatsch-Kanonenfutter aufs Parkett legt, werden in der Ukraine auf seinen Befehl weiterhin Kirchen, Krankenhäuser, Entbindungskliniken, schwangere Frauen und Kinder bombardiert und ermordet. Und in Deutschland versuchen weiterhin Putin-Versteher und Wagenknecht-Groupies, die eigentliche Schuld daran dem Westen anzukreiden. Das wird ein sehr dunkler Fleck in den Geschichtsbüchern unserer Nation werden.

Greift der Pate ein?

Den größten Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg nach Europa zu bringen, Kinder auf der ganzen Welt in Angst vor einem Atomkrieg zu versetzen und praktisch stündlich weitere Kriegsverbrechen zu begehen, macht Putin jedoch für unsere Regierung noch immer nicht zu einem Tyrannen, dem man mit dem Verzicht auf Gaslieferungen den finanziellen Wind aus den Segeln nehmen sollte. Auch dieses Verhalten wird in den Geschichtsbüchern seinen Platz erhalten. Keinen überschwänglich wohlwollenden, vermute ich.

Vielleicht, und mit diesem Gedanken möchte ich uns alle in eine hoffentlich bessere Woche entlassen, naht Hilfe von unverhoffter Stelle. Ich habe kürzlich eine sehr interessante Theorie gehört. Mit den weitreichenden Sanktionen gegen Russland hat auch das organisierte Verbrechen sehr viel weniger Möglichkeiten, seine illegalen Geschäfte voranzutreiben. Von Drogen über Waffen bis hin zu Menschenhandel: Es gibt kaum noch logistische Wege, diese "Waren" nach Russland oder aus Russland raus zu bekommen. Das kostet die Unterwelt bereits jetzt vermutlich einige Milliarden - und täglich werden es mehr.

Traditionell achtet man in diesen Kreisen nicht unbedingt verstärkt darauf, sich flächendeckend an jedes Gesetzt zu halten. Man hat die Verbindungen, das Personal und die wirtschaftlichen Möglichkeiten, hier einfach zu sagen: Komm, egal, hier sind 50 Millionen, schaltet mir diesen Wahnsinnigen aus. Wie wahrscheinlich das ist, kann ich nicht beurteilen. Auch nicht, was eine solche Aktion, wäre sie erfolgreich, überhaupt bedeuten würde in direkter Auswirkung auf den Krieg in der Ukraine. Aber ich gebe zu: Irgendwie klingt es für mich fast ein wenig tröstlicher und hoffnungsvoller, als es vermutlich sollte, wenn ich mir vorstelle, dass Herr Putin es sich unterdessen mit wirklich jeder bedeutenden Macht auf der Welt verscherzt hat. Nicht nur mit den demokratisch geführten Ländern.

Ukraine, Krieg, Mariupol
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Satellitenbilder aus der Ukraine zeigen Zerstörung und Flucht

Mariupol, Tschernihiw, Kiew und andere Städte: Satellitenaufnahme zeigen das Ausmaß der Zerstörung in den umkämpften Gebieten in der Ukraine.