Bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern wirkt Uli Hoeneß gelöst wie lange nicht. Auch die Arbeit von Hasan Salihamidzic wird zum Thema. Ein besonders intensiver Moment gehört jedoch dem Trainer, von dem sich die Münchner erst vor Kurzem trennten.

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Tosender Beifall in der Münchner Olympiahalle. Uli Hoeneß steht auf dem Podest, vor ihm Tausende Mitglieder des FC Bayern, die ihren Vereinspatron ein letztes Mal als Präsidenten feiern.

Schüchtern, zaghaft und überwältigt zugleich betritt Susi Hoeneß die Bühne, bekommt einen Blumenstrauß überreicht.

Neben ihr steht Franck Ribéry, zwölf Jahre ein Bayern-Profi, fußballerischer Ziehsohn von Hoeneß, er hat ein Gemälde mit verschiedenen Motiven des 67-Jährigen in Händen. Doch die persönlichsten Sekunden von Hoeneß gehören an diesem Abend seiner Frau: Er macht zwei, drei Schritte auf sie zu, gibt ihr einen Kuss, weint dabei bitterlich.

Es war wahrlich eine emotionale Jahreshauptversammlung des Rekordmeisters, an deren Ende Freund und Weggefährte Herbert Hainer Hoeneß als Klubpräsident des deutschen Fußball-Riesen ablöste - unsere Redaktion lässt die Top-3-Momente der Jahreshauptversammlung 2019 des FC Bayern Revue passieren.

1. Hoeneß erzählt von "schwarzem Fleck" - und einem Unfall

Es ist 20:01 Uhr. Hoeneß steht seit Minuten auf dem Podest. Wer ihn um Fassung ringend erwartet hatte, wurde vom rustikalen Schwaben ein weiteres Mal eines Besseren belehrt. Der einstige Nationalspieler, Weltmeister von 1974, wirkt gelöst, baut immer wieder Anekdoten in seinen Monolog ein, spricht mit gefestigter Stimme und betont gewandt Silben und Wörter.

Um kurz nach Acht also erinnert Hoeneß an einen Tag im Sommer 1970, als "ich in einem kleinen BMW 2002 von Ulm nach München fuhr. Vor lauter Aufregung habe ich in der Schellingstraße eine rote Ampel übersehen und einen Unfall gebaut. Da habe ich gedacht: Das geht ja gut los", meint er und grinst wie ein Lausbub, dem gerade ein Streich gelungen ist.

Diese Minuten gehören Hoeneß, das letzte Mal lauscht die Bayern-Familie kollektiv seinen Worten - er genießt es sichtlich. "Als ich das letzte halbe Jahr meiner Karriere beim 1. FC Nürnberg spielte...", erzählt er laut. Ein lautes "Buuuuuuhhhhh" in der Olympiahalle unterbricht ihn. Man muss wissen, dass die Bayern neben Nachbar TSV 1860, von dem den Branchen-Riesen im Münchner Südosten nur zwei Seitenstraßen trennen, noch den "Club" aus Franken als emotionalen Rivalen haben.

Hoeneß hält kurz inne, lacht herzlich, Groll gibt es von ihm diesmal nicht: "Das war ein kleiner schwarzer Fleck in meiner Karriere." Er kommt gerade erst in Fahrt, eine nette Botschaft an Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge inklusive: "Das große Glück war: Wir hatten Karl-Heinz Rummenigge, denn den konnte ich nach Mailand verkaufen, für damals sagenhafte elf Millionen D-Mark", erzählt er lachend über die Anfänge seiner Arbeit als Manager: "Und plötzlich waren wir schuldenfrei." Smart, humorvoll, leger - Hoeneß kann eben mehr als nur Haudrauf.

2. Rummenigge verteidigt Sportdirektor Salihamidzic

Eine halbe Stunde später: "Kalle", wie Mentor Hoeneß Rummenigge gerne nennt, verliest den Bericht des Vorstandes. Der Bayern-Boss erzählt, wie er im Sommer 1974 "als blutjunger Bursche" aus dem kleinen Lippstadt in Westfalen in die bayerische Metropole München kam, "als die Matadoren einzogen: Sepp Maier, Gerd Müller, Franz Beckenbauer und natürlich Uli Hoeneß. Die Weltmeister".

Wie er im Doppelzimmer Hoeneß zugeteilt worden sei, "den ganzen Tag habe ich mich nicht getraut, einen Mucks zu sagen. Bis der Uli gefragt hat: Sagst du heute auch noch was?" Hoeneß wird ihn hinterher frech für seine Emotionen loben, doch Rummenigges Rede ist auch ernst, vor allem dann, als es um den umstrittenen Sportdirektor Hasan Salihamidzic geht. Werden Hoeneß und insbesondere auch der künftige Vorstand Oliver Kahn noch mit stehenden Ovationen und Sprechchören bedacht, ist es beim Namen Salihamidzic plötzlich eher still im weiten Rund.

"Ich finde im Übrigen die Philosophie von Hasan Salihamidzic, unseren Kader mit Perspektivspielern zu besetzen, absolut richtig. Ich habe sehr intensiv mit ihm zusammengearbeitet. Er ist ein Mensch mit Visionen für die Entwicklung der Spieler und unserer Mannschaft", erklärt Rummenigge mit Nachdruck in der Stimme und meint weiter: "Er gibt jeden Tag 100 Prozent für den FC Bayern." Klingt so Überzeugung? Es hört sich eher wie eine Rechtfertigung an, warum sich die Bosse für den 42-Jährigen entschieden haben - und ihn trotz kritischer Kommentare aus der Fanbasis nun auch zum Sportvorstand machen wollen.

"Ich darf Sie grundsätzlich bitte, Hasan zu vertrauen. Er ist ein junger Mensch und für eine Ausbildung zum Sportdirektor gibt es keine Uni. Du musst ins Wasser springen und schwimmen", referiert der 64-jährige Rummenigge weiter. Überzeugungsarbeit geht wohl wirklich anders.

3. Kovac zollt Hoeneß Tribut - und der FC Bayern Kovac

Ernst ist an diesem Abend auch die Personalie Niko Kovac. Den Nachfolger des Kroaten, Hansi Flick, feiern alle. Doch, die Bayern wollen auch Kovac, einem von ihnen, dem Trainer, der im vergangenen Mai immerhin das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal holte, Danke sagen. Das ist förmlich greifbar. Und wird von den anwesenden Mitgliedern honoriert.

Kurz nach 23 Uhr, die Bayern zeigen auf den riesigen Leinwänden einen Einspieler: "Servus, lieber Präsident, diesmal bin es wirklich ich, und nicht ein anderer Schwarzer", meint der Österreicher David Alaba in bestem Wiener Schmäh, die Halle grölt. Dann wird es plötzlich ruhig, auf einen Schlag. Kovac richtet in dem Video ein paar Sätze an Hoeneß, an den Mann, der sich keine zwei Wochen zuvor von ihm als Coach getrennt hatte.

"Deine Ehrlichkeit und Hilfbereitschaft zeichnen dich aus", sagt Kovac - standhaft, ehrlich, authentisch. An der Säbener Straße reden sie nicht erst seit der Trennung vom 48-Jährigen davon, was für ein guter, handfester und kantiger Typ der Trainer sei. In diesem Moment spüren alle Fans und Beobachter in der Olympiahalle, warum. Auch Hoeneß lächelt zufrieden. Er hat an diesem langen Abend sichtlich seinen Frieden gefunden.

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Teaserbild: © imago/Sven Simon