• Deutschland behauptet sich trotz physischer Nachteile gegen Frankreich und zeigt abermals großen Teamgeist.
  • Selbst Klara Bühls Ausfall kann mit fußballerischer Qualität und Geschlossenheit aufgefangen werden.
  • Dass die DFB-Auswahl nun im Traumfinale gegen England steht, ist ein großer Verdienst der Bundestrainerin.
Eine Analyse

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Gerade hatte Deutschland mit 2:1 gegen Frankreich gewonnen und so das Traumfinale bei der Europameisterschaft in England gegen die Gastgeberinnen perfekt gemacht, da lagen sich die Spielerinnen bereits in einer großen Traube in den Armen. Für große Ekstase fehlte zunächst die Energie.

Die Freude stand den Protagonistinnen dennoch ins Gesicht geschrieben. Freude über eine Leistung, die viele diesem Team nicht zugetraut hätten. Fünf Erkenntnisse zum größten Sieg von Martina Voss-Tecklenburg mit dem DFB-Team – vorerst.

1. Deutschland trotzt der Offensive Frankreichs

"Wir haben so hart dafür gearbeitet", sagte die Bundestrainerin nach dem Spiel bei ZDF: "Wir sind so ein Haufen geworden hier, der sich einfach überall unterstützt." Ein Haufen, der über eine abermals beeindruckende Teamleistung sogar die französische Offensivwalze stoppen konnte.

94 Abschlüsse erspielte sich Frankreich in den vier Spielen vor dem Halbfinale, 13,88 Tore wären daraus laut dem Expected-Goals-Modell von Opta erwartbar gewesen, neun Treffer gelangen ihnen tatsächlich. Gegen Deutschlands Defensive bekamen sie gut 60 Minuten lang kaum einen Fuß vor den anderen. Das unglückliche Eigentor von Merle Frohms, der ein Distanzschuss von Kadidiatou Diani vom Pfosten an den Rücken prallte, kam aus dem Nichts.

Deutschland legte eine Offensive lahm, die zuvor von allen gefürchtet wurde. Gelungen ist ihnen das einerseits, weil sie sich taktisch klug verhielten. Den Spielaufbau Frankreichs lenkten sie immer wieder auf die Außenbahnen, wo dann mit viel Laufarbeit Überzahlsituationen hergestellt wurden. Andererseits brauchte es für diese taktische Top-Leistung auch einen immensen Willen, "das eigene Tor zu verteidigen", wie es Lena Oberdorf hinterher bezeichnete.

Selbst wenn Frankreich sich mal befreien und eine der gefährlichen Verlagerungen spielen konnte, rückte Deutschland mit Tempo nach. Gegen die starke Rückwärtsbewegung und das schnelle Verschieben fand Frankreich lange keine Mittel. Gefährlich wurden sie meist nur nach Standards.

2. Deutschland physisch unterlegen …

Interessant war in dieser Konstellation, dass Deutschland physisch in vielen Situationen unterlegen war. Kam es zu Eins-gegen-eins-Situationen, konnte Frankreich diese meist durch körperliche Überlegenheit lösen. Bei der Europameisterschaft profitierten sie bis zum Halbfinale häufig davon, dass sie individuell überlegen waren.

Allein Wendie Renard brachte Lina Magull beispielsweise mehrfach zur Verzweiflung. Die Deutsche prallte gleich mehrfach an der Innenverteidigerin ab, als wäre sie drei Köpfe kleiner. Auch andere Spielerinnen wie Svenja Huth taten sich schwer und selbst die robustesten Deutschen wie Lena Oberdorf oder Alexandra Popp mussten sich sehr strecken, um ihre Duelle zu gewinnen.

Trotzdem gewann das deutsche Team mehr als die Hälfte der Zweikämpfe. Die französischen Spielerinnen hatten es immer wieder mit zwei oder gar drei Gegenspielerinnen zu tun. Eine bemerkenswerte Defensivleistung.

3. … aber fußballerisch überlegen

Doch Deutschland verhinderte nicht nur klug. Fußballerisch waren sie den Französinnen an diesem Abend überlegen. Denn auch Frankreich hatte sich offenbar den Plan zurechtgelegt, das Zentrum zu schließen und auf den Flügeln die Bälle zu erobern. Die DFB-Auswahl blieb im Gegensatz zum Spiel gegen Österreich diesmal aber sehr geduldig. Vor allem in der ersten Halbzeit lief der Ball lange durch die eigene Viererkette, bis sich die Räume in der französischen Formation ergaben.

Vor allem die vielen gut aufeinander abgestimmten Positionswechsel sind bei diesem Turnier eine besondere Waffe des deutschen Teams. Beispielsweise ziehen die Außenverteidigerinnen immer wieder nach innen und öffnen so nicht nur die Passwege auf die Flügelstürmerinnen, sondern bieten sich gleichzeitig für eine Anschlussaktion an.

Frankreich fehlte so der Zugriff im Mittelfeld und es gab kaum Situationen, in denen ein höheres Pressing funktionierte. Deutschland nahm den Französinnen damit die Kontrolle und zwang sie häufiger in Defensivaktionen, als ihnen lieb sein konnte.

4. Deutschland fängt auch Bühls Ausfall gut auf

Dass mit Klara Bühl eine wichtige Eins-gegen-eins-Spielerin fehlte, fiel ebenfalls kaum auf. Der Grund dafür war Jule Brand. "Jule wusste, was sie zu tun hatte", sagte Voss-Tecklenburg: "Aber dass sie es dann so umsetzt mit 19 Jahren, das kann man nicht erwarten."

Brand gewann jedes ihrer drei Dribblings und half vor allem defensiv auf der rechten Seite mehrfach gut aus. Dass die Angreiferin den Corona-Ausfall von Bühl so gut kompensieren konnte, spricht für sie – aber eben auch für das Team.

Und für das Team hinter dem Team. Popp lobte wie schon nach dem Viertelfinal-Erfolg gegen Österreich das Analyseteam, das diesmal eine Lücke zwischen den französischen Innenverteidigerinnen ausgemacht hatte, die die Angreiferin für sich nutzen konnte. Bei beiden Toren wurde die Wolfsburgerin tatkräftig von guten Laufwegen ihrer Mitspielerinnen unterstützt. In einigen anderen Szenen gelang es den Deutschen, Renard erfolgreich wegzublocken.

5. Martina Voss-Tecklenburg gebührt großer Respekt

Trotz der abermals starken Analyse des Trainerteams analysierte die Bundestrainerin aber stolz: "Das haben die Spielerinnen heute geleistet." Voss-Tecklenburg war es fast schon unangenehm, über ihren Anteil am Erfolg zu sprechen. "Ich möchte das gar nicht in den Vordergrund stellen, denn auch ich weiß, dass das alleine über meine Person überhaupt nicht geht", sagte die 54-Jährige.

Und so gab es "nochmal ein großes Kompliment an alle, die da im Detail gearbeitet haben." Ein Kompliment, das sie sich selbst auch verdient hätte. Die Bundestrainerin hat in diesem Jahr die größtmögliche Stärke gezeigt, die ein Trainer oder eine Trainerin überhaupt zeigen können: kritische Selbstreflexion. Immer wieder offenbarte sie ihren persönlichen Wandel auch in Interviews.

Sie habe aus der Vergangenheit gelernt, sei beispielsweise nicht mehr so streng und kontrollversessen wie früher. In der Dokumentation "Born for this" legte Almuth Schult offen, dass es zwei Wege des Erfolgs gebe: Ein Team findet sich untereinander und stellt sich erfolgreich gegen die Trainerin – oder man ist gemeinsam erfolgreich. Ein Moment, der tief blicken ließ.

Voss-Tecklenburg und ihr Trainerteam haben es aber gemeinsam mit den Spielerinnen geschafft, einen Weg zu finden, der dieses Team so zusammengeschweißt hat. Eine derart kritische Distanz zu sich selbst aufzubauen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, ist eine herausragende Leistung. Auch wenn die Bundestrainerin nachvollziehbarerweise ungern über ihre eigene Person spricht: Dieser Erfolg ist zu großen Teilen auch ihr ganz persönlicher. Ein Erfolg, mit dem vor dem Turnier kaum jemand gerechnet hätte – und der ihr ganz unabhängig vom Ausgang des Finals nicht mehr genommen werden kann.

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