• Deutschland gewinnt mit 7:0 gegen die Schweiz und überzeugt mit guten Kombinationen und offensiver Durchschlagskraft.
  • Während Marina Hegering überzeugt, ist die Form von Top-Torjägerin Lea Schüller bedenklich.
  • Mit dem Kantersieg holt sich die DFB-Auswahl wichtiges Selbstvertrauen – gleichzeitig sollte das Ergebnis nicht überbewertet werden.
Eine Analyse
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Deutschland wird mit einer ordentlichen Portion Selbstvertrauen in die Europameisterschaft in England starten. 7:0 (2:0) gewinnen sie gegen die Schweiz und steigern sich in ihrem einzigen Test vor dem Auftakt gegen Dänemark (8.7., 21 Uhr) von Minute zu Minute – während die Schweiz in der zweiten Halbzeit auseinanderfällt. Fünf Erkenntnisse zum Kantersieg.

1. Deutschlands Mittelfeld macht Spaß

Lena Oberdorf, Sara Däbritz, Lina Magull – so startete die DFB-Auswahl im Mittelfeld in die Partie gegen die Schweiz. Das Resultat war beeindruckend. Schon in der 6. Minute machte sich das erstmals bemerkbar, als Oberdorf den Ball unter Bedrängnis zu Magull brachte und die einen herausragenden Pass in die Tiefe spielte. Dort bedankte sich Klara Bühl und erzielte den wichtigen Führungstreffer.

Auf der Sechs zeigte Oberdorf, warum sie für den VfL Wolfsburg und mittlerweile auch für den DFB so wichtig ist. Die 20-Jährige stopfte defensiv Löcher, gewann viele Zweikämpfe und verteilte die Bälle klug. Das zu Beginn noch recht hohe Pressing der Schweizerinnen verschob sich schnell um mindestens zehn Meter nach hinten, weil Oberdorf das Aufbauspiel früh in die Hand nahm.

Unterstützt wurde sie dabei von Magull und Däbritz, die sich abwechselnd auf die Achterposition fallen ließen und so eine weitere Option angeboten. Die Schweiz fand durch die gut abgestimmten Laufwege der drei kaum Zugriff in der Arbeit gegen den Ball.

Dass Magull nicht nur im Aufbauspiel, sondern auch offensiv für dieses Team eine entscheidende Rolle einnimmt, war beim 2:0 zu sehen. Die Bayern-Kapitänin rückte aus dem Mittelfeld immer wieder klug nach vorn – in dieser Szene grätschte sie den Ball wie eine Mittelstürmerin ins Tor.

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2. Marina Hegering ist in EM-Form

"Nach bisher recht wenigen Trainingseinheiten ist es schwer zu sagen, wie ich mich im Team einordnen kann", sagte Marina Hegering noch zu Beginn der EM-Vorbereitung im Gespräch mit unserer Redaktion. Nach ihrem Auftritt gegen die Schweiz kann Fußball-Deutschland aufatmen: Die nominell beste Innenverteidigerin des Kaders scheint fit und in Form zu sein.

Bezeichnend dafür war eine Situation in der ersten Halbzeit, als sie in riskanter Position von zwei Schweizerinnen unter Druck gesetzt wurde, sich den Ball durch die Schnittstelle vorlegte und beide alt aussehen ließ. Hegering ist eine Waffe im Spielaufbau – das war längst bekannt. Umso wichtiger ist es, dass sie sich zusätzliche Sicherheit holen konnte.

Auch gegen den Ball war sie in den meisten Situationen stabil, stopfte einige Löcher, die die an diesem Tag etwas nachlässige Felicitas Rauch hinterließ. Mit Hegering ist bei der Europameisterschaft zu rechnen – für die dünn besetzte deutsche Defensive eine sehr gute Nachricht.

3. Rechts von Anfang an stark, links durchwachsen

Deutschlands Angriffe wurden in der Anfangsphase häufig über die starke rechte Seite inszeniert. Rechtsaußen Svenja Huth machte einen starken Eindruck, klebte nicht an der Außenbahn, sondern rückte hin und wieder in den Halbraum ein. Dort bot sie sich auch mal in tieferen Positionen an und zog so ihre Gegenspielerinnen aus den Defensivpositionen.

Rechtsverteidigerin Giulia Gwinn nutzte diese Momente, um am Flügel in die Defensive zu starten. Die Positionswechsel auf der rechten Seite waren gut abgestimmt. Manchmal lief Gwinn auch diagonal ein und Huth blieb außen. Lediglich die letzte Aktion war häufig noch zu ungenau, doch im Zusammenspiel sah das bereits gut aus.

Anders lief es auf dem linken Flügel. Zwar zählte Klara Bühl mit ihren drei Treffern zu den besten Spielerinnen im deutschen Spiel, doch zu oft war sie auf sich allein gestellt. Rauch hinterließ sowohl offensiv als auch defensiv einen behäbigen Eindruck.

Erst als die Schweizerinnen in der zweiten Halbzeit deutlich nachließen und Deutschland durchwechselte, kam auch die linke Seite stärker ins Spiel. Es scheint dennoch so, als hätte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hier noch Arbeit vor sich.

4. Offensives Feuerwerk – aber eine macht Sorgen

Deutschlands Kader hat im Offensivbereich eine herausragende Breite – auch und gerade im Vergleich zur Konkurrenz bei der Europameisterschaft. Klara Bühl wirbelte trotz fehlender Unterstützung auf der linken Seite alles durcheinander. Ihr Tempo und ihre Dribblings werden ein Schlüssel für ein erfolgreiches Turnier sein. Auch wenn sie hier und da noch etwas ruhiger und kontrollierter agieren könnte.

Neben Huths starker Leistung wurde auch aus dem Mittelfeld gut nachgeschoben. Und in der zweiten Halbzeit zeigte die Bundestrainerin, dass sie ein Spiel notfalls von der Bank entscheiden kann. Nicole Anyomi, Linda Dallmann (beide 59.), Jule Brand und Sydney Lohmann (beide 73.) kamen ins Spiel, die drei Letztgenannten trafen allesamt. In der 78. Minute sammelte Kapitänin Alexandra Popp zudem Minuten.

Vor allem Brand und Dallmann wussten zu überzeugen, fügten sich sofort ins Kombinationsspiel ein, als wären sie von Beginn an dabei gewesen. Der Zug zum Tor, den alle eingewechselten Spielerinnen mitbringen, kann beim Turnier einen gewaltigen Unterschied machen. Zumal mit Laura Freigang und Tabea Waßmuth noch zwei weitere Offensivspielerinnen auf der Bank saßen, denen Ähnliches zuzutrauen wäre.

Etwas Sorgen macht hingegen die Form von Lea Schüller. Die Mittelstürmerin wirkte vergleichsweise blass, hatte kaum Abschlusssituationen. Selbst die Flanken fanden die kopfballstarke Angreiferin nur selten. Als sie in der 66. Minute aus bester Position nur den Pfosten traf und Bühl zum 4:0 einschob, war das irgendwie sinnbildlich für ihre Leistung. Ausgerechnet die Top-Torjägerin steht aktuell im Schatten der Mitspielerinnen.

5. Ein 7:0 macht noch keine Europameisterinnen – aber Hoffnung

So wichtig die positiven Erkenntnisse sind und so stark sich Deutschland vor allem auch im zweiten Durchgang präsentierte, so wichtig wird es sein, das Ergebnis einzuordnen. Die Schweiz hat einige talentierte Spielerinnen, zeigte in diesem Kalenderjahr aber schon sehr unterschiedliche Leistungen.

Im April gab es ein 1:1 gegen ein nominell unterlegenes Rumänien, kurz darauf folgte eine 0:1-Niederlage gegen Italien. Besonders aufschlussreich war aber die herbe 0:3-Niederlage gegen Österreich im Februar. Ein echter Gradmesser sind die Schweizerinnen noch nicht.

Der deutliche Leistungseinbruch in der zweiten Halbzeit zeigt, wie weit der Weg der Schweiz im Fußball der Frauen noch ist. Das schmälert nicht die hervorragende Leistung der Deutschen. Sieben Gegentore hat die Schweiz letztmals im August 2007 kassiert – damals in der EM-Qualifikation gegen Deutschland. Am 30. Juni spielen die Eidgenossinnen gegen England. Dann lässt sich das Ergebnis besser einordnen.

Die DFB-Auswahl holt sich mit diesem Sieg vor allem Selbstvertrauen und etwas Sicherheit. Gerade in der ersten Halbzeit konnte beobachtet werden, dass noch nicht alle Stellschrauben sitzen. Bis zur EM ist noch etwas Feinschliff nötig. Und doch ist das Team offensichtlich weiter, als vielerorts befürchtet. Das macht Hoffnung für die komplizierte Gruppenphase gegen Dänemark, Spanien und Finnland.

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