• Ein großes Projekt traut sich Ralf Rangnick noch zu.
  • Mit ein bisschen Glück kann der 62-Jährige bald wählen.
  • Zur Auswahl stehen: ein Job als Bundestrainer oder die Rolle des Schalke-Reformers.
Eine Analyse
von Stefan Rommel

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Es gab mal eine Zeit, da war Ralf Rangnick ein ganz "normaler" Profitrainer. Der wurde geheuert und gefeuert, legendär bis heute seine Ehrenrunde im Stadion des FC Schalke, als er sich von den Fans feiern ließ für seine Verdienste - vor einem Spiel gegen Mainz 05, nicht danach. Einen Tag später war für ihn Schluss in Gelsenkirchen, Rauswurf, Ende. Das war vor über 15 Jahren und es war das letzte Mal, dass Ralf Rangnick entlassen wurde.

Danach hat er für 1899 Hoffenheim gearbeitet und im Red-Bull-Kosmos, zwischenzeitlich sogar noch einmal für Schalke 04. Das Engagement endete aber auf seinen Wunsch hin wegen einer Burnout-Erkrankung. In Hoffenheim löste er seinen Kontrakt in beiderseitigem Einvernehmen mit dem Klub auf, aus Leipzig verabschiedete sich Rangnick im letzten Sommer - lange vorher angekündigt - aus freien Stücken.

Wenn Rangnick eine Tätigkeit aufnahm und es ihm seine Gesundheit erlaubte, dann war er die ganz große Konstante im deutschen Profigeschäft in der letzten anderthalb Jahrzehnten. Wer Rangnick wollte, bekam einen regelrechten Berserker: Ein Arbeitstier, angetrieben vom unbedingten Wunsch nach Veränderung und Fortschritt.

Immer geradeaus und deshalb vielleicht nicht unbedingt immer auch pflegeleicht für seine Mitstreiter. Aber die Stoßrichtung war klar: Es geht nur nach vorne - und zwar auf meine Weise.

Nur deshalb hat er 2006 den Schritt gewagt nach Hoffenheim, von der Bundesliga in die Regionalliga Süd. Nach zwei Aufstiegen in Folge war das erste Etappenziel schnell erreicht. In Leipzig dauerte es unter seiner Anleitung ein Jahr länger, um von der dritten in die Bundesliga aufzusteigen.

In verschiedenen Positionen blieb Rangnick auch bei Red Bull und seinen angeschlossenen Farmteams immer der Kopf der ganzen Unternehmung, alle sportliche Kompetenz lief bei ihm zusammen. Das viele Geld in Hoffenheim und beim Brausehersteller war jeweils der Grundstein, Rangnicks nahezu uneingeschränkte Macht der Kitt, der aus Träumen Realität werden ließ.

Interesse am Bundestrainer-Job

Mittlerweile ist der Fußballlehrer 62 Jahre alt und damit aus seiner Sicht definitiv zu jung, um für immer aufzuhören. Ein letztes großes Projekt wolle er noch machen, ist aus Rangnicks Umfeld zu hören. Da trifft es sich ganz gut, dass derzeit zwei ganz große Unternehmungen förmlich nach einem neuen Projektleiter schreien.

Der Deutsche Fußball-Bund muss sich um einen neuen Bundestrainer kümmern. Oliver Bierhoff wird in dem von Machtkämpfen und Ränkespielen geschwächten Verband die Aufgabe zuteil, einen Nachfolger für Joachim Löw zu finden. Die Liste der vermeintlichen Kandidaten ist lang, die aktuell gültige Shortlist aber genau das: eher kurz und überschaubar.

Ohne Job und deshalb sofort verfügbar wären Lothar Matthäus und eben Rangnick. Der kokettierte zunächst bei einem seiner zuletzt häufigeren öffentlichen Auftritte bei "Sky" noch, hinterlegte aber vor ein paar Tagen dann ganz konkret seine Bereitschaft, das Amt des Bundestrainers nach der EM von Löw zu übernehmen.

"Ralf Rangnick ist interessiert am Job des Bundestrainers. Dass er manchmal gewisse Dinge ganzheitlicher interpretiert, liegt in der Natur der Sache. Aber in erster Linie würde er gerne Bundestrainer sein", sagte sein Berater Marc Kosicke in einem Interview mit "sport1.de".

Kosicke vertritt neben Rangnick im Übrigen auch noch Jürgen Klopp, der ja sofort abgesagt hatte und hat seine Agentur einst zusammen mit Oliver Bierhoff gegründet. Die Dienstwege könnten also ziemlich kurz sein. "Ralf ist ein erfolgreicher Trainer. Er hat in Hoffenheim und in Leipzig über viele Jahre tolle Arbeit geleistet. Er ist Anfang 60 und topfit, das wäre die Krönung seiner Karriere", so Kosicke weiter.

"Rangnick und Bierhoff wäre ein starkes Duo"

Der DFB ist ein großer und immer noch vergleichsweise reicher Verband, das Reservoir an Spielern unheimlich groß. Beim DFB laufen derzeit im Hintergrund allerhand Reformen, um die darbende Trainerausbildung und den Nachwuchsbereich bis hinunter in die Amateurklubs zu erneuern. Die Konzepte dafür liegen längst in der Schublade und sollen in diesem Jahr auch verabschiedet werden.

Den Reformator Rangnick bräuchte es hierfür wohl nicht mehr. Die Angst, sich nach Jürgen Klinsmann einen zweiten Wirbelwind in den Verband zu holen, der alte Strukturen hinterfragt und vieles ändern will, ist nämlich durchaus da. Und auch die Vermutung, dass ein Zusammenspiel unter anderem mit Bierhoff ein gewisses Konfliktpotenzial böte.

"Starke Menschen umgeben sich meistens mit anderen starken Menschen, um noch stärker zu sein. So sehe ich das bei den beiden auch", sagt Kosicke - was aber auch sonst? Und weiter: "Rangnick und Bierhoff wäre ein starkes Duo. Ralf hätte da auch im Vorfeld überhaupt keine Probleme mit solchen Gedankenspielen."

Allerdings wäre die Arbeit in einem Verband doch eine völlig andere als das Tagesgeschäft eines Bundesligatrainers. Hier kämen Rangnick seine Erfahrungen als Sportchef wohl zugute und auch die Gewissheit, dass er nicht mehr zwingend jeden Tag auf einem Fußballplatz stehen muss, um seine Ideen zu verwirklichen.

Petition pro Rangnick

Ähnlich gelagert wäre der Fall nämlich auch auf Schalke. Rangnick soll dort nicht als Trainer in der ersten Linie stehen, sondern als starker Mann im Hintergrund einen krachend gescheiterten Klub konzeptionell sanieren. Allerdings gibt es in Gelsenkirchen kaum Geld und das Bekenntnis zu Rangnick hat nicht alle Ebenen des Klubs erfasst. Es gibt eine starke Gruppe innerhalb des Vereins, die sich um eine Rückkehr Rangnicks bemüht.

Dazu stößt die Idee auch in großen Teilen der Anhängerschaft auf Gegenliebe. In einer Online-Petition hatten sich bis Dienstagmittag (16. März) rund 50.000 Fans für Rangnick ausgesprochen - so viele wie beim letzten Heimspiel der deutschen Nationalmannschaft im Stadion waren.

"Zu dem Thema Schalke gibt es von mir nur diesen Kommentar, nämlich dass Ralf Rangnick von einer Gruppe sehr, sehr leidenschaftlicher Menschen aus dem Schalker Umfeld gefragt wurde, ob er sich das nochmal vorstellen könnte, zu S04 zurückzukehren und dem Verein dabei zu helfen, zu alter Kraft zu finden. Da hat er gesagt: 'Wenn alle Rahmenbedingungen stimmen, könnte er sich das vorstellen'", sagt Kosicke. Mehr an Austausch habe es bisher gar nicht gegeben. Der Rest seien Interpretationen der Medien.

Opposition spricht von "vereinsschädigendem Verhalten"

Denn längst hat sich auch eine Gegenfraktion gebildet, die den Gönnern aus der Wirtschaft und Politik entgegentritt. Die Rede ist von Alleingängen, von "vereinsschädigendem Verhalten" und einem medialen Druck, der aufgebaut werden soll. Nun droht den Gremien eine echte Zerreißprobe im Umgang mit der Personalie Rangnick.

"Wir hatten Ralf Rangnick nicht angesprochen, weil wir meinten, wir könnten ihm nicht die Rahmenbedingungen bieten, wie er sie in Leipzig und Hoffenheim hatte", sagte etwa Aufsichtsratschef Jens Buchta der "Süddeutschen Zeitung". Das solle nun aber - im Namen des gesamten Klubs, bald erfolgen.

Im besten Fall hat Rangnick für die letzte große Aufgabe seiner Laufbahn also bald zwei Anfragen auf dem Tisch liegen. "Wenn definitiv der ganze Klub Schalke 04 hinter Ralf Rangnick steht und ihn unbedingt haben will, während man beim DFB nur halb begeistert ist, dann reizt Ralf das Thema da, wo man am meisten Support hat, mehr", sagt Kosicke. "Und umgekehrt auch."

Verwendete Quellen:

  • sport1.de: "Klopp erfüllt Vertrag definitiv"
  • sueddeutsche.de: "Natürlich sprechen wir trotzdem mit Ralf Rangnick"

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