Der FC Bayern München steckt in einer tiefen sportlichen Misere, kann aber noch die elfte Meisterschaft in Folge holen. Noch desaströser als der Eindruck, den die Mannschaft hinterlässt, ist jener der Führungsetage. Die Stimmen, die nach einer Rückkehr von Uli Hoeneß rufen, sind nicht zu überhören. Er selbst aber schweigt noch zu dem Gerücht, das der Verein zu entkräften versucht.

Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Jörg Hausmann sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Das "Dopafone" klingelte am Tag nach dem 1:3 des FC Bayern München in Mainz nicht, zumindest war nicht Uli Hoeneß am anderen Ende der Leitung. Die in die Analyse der Bayern-Krise vertiefte Talkrunde "Doppelpass" bei Sport1 war auf einen Anruf des Ehrenpräsidenten des Klubs vorbereitet. Und sogar auf den Eingang eines Faxes, wie Co-Moderatorin Jana Wosnitza in Anspielung auf Hoeneß' Skepsis gegenüber der digitalen Welt scherzhaft betonte.

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Möglicherweise war Hoeneß' private Leitung wegen Gesprächen mit der aktuellen Bayern-Führung besetzt. Sie steht seit der – für Teile der Mannschaft und der Öffentlichkeit – überraschenden Entlassung Julian Nagelsmanns als Cheftrainer am 24. März in der Kritik. Diese Kritik hätten nur Erfolgserlebnisse unter Nagelsmanns Nachfolger Thomas Tuchel zum Verstummen gebracht. Das Gegenteil aber ist der Fall.

Die elfte Bayern-Meisterschaft in Folge ist in Gefahr

Innerhalb von vier Wochen ist der FC Bayern München aus dem DFB-Pokal und der Champions League ausgeschieden und hat die – unter Tuchel zunächst zurückeroberte – Tabellenführung in der Bundesliga an dessen Ex-Klub Borussia Dortmund abgegeben. Erstmals seit 2012 besitzt die Bundesliga die Aussicht auf einen anderen Meister als den FC Bayern. Der Vorsprung des BVB auf den langjährigen Rivalen beträgt fünf Partien vor Saisonschluss einen Punkt.

Wer also nur auf die Bundesliga-Tabelle schaut, muss sich wundern, dass in der entscheidenden Phase der Saison beim FC Bayern kein größeres Chaos möglich erscheint, dass die Unzufriedenheit derart tief sitzt, dass sogar Hoeneß' Rückkehr an die Macht als einziger Ausweg erscheint.

"Ich denke, es wird so kommen, wie Uli es will", schrieb Sky-Experte Dietmar Hamann in seiner Kolumne bei Skysport.de. Hamann ist ein Kind des FC Bayern, stammt aus jener Zeit, als Hoeneß die Familie dort noch im Sinne des "Mia san mia" zusammenhielt. Jene Zeiten seien vorbei, das verdeutlichte Vorstandsvorsitzender Oliver Kahn in einem Streitgespräch mit Sky-Experte Lothar Matthäus vor Tuchels gelungenem Debüt im Bundesliga-Gipfel gegen Dortmund.

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Damals aber ahnte Kahn noch nicht, dass auch seine Zeit als Vorstandschef bald vorbei sein könnte. Zumindest besagen dies Gerüchte, gegen die sich der FC Bayern ohne Erfolg wehrt. Nach dem Viertelfinal-K.-o. in der Champions League gegen Manchester City behauptete der frühere Bundesligastürmer Jan Aage Fjörtoft in einem Tweet, Kahns Ablösung sei nur noch "eine Frage der Zeit. Sogar eine Rückkehr von (Uli) Hoeneß ist diskutiert worden."

Das Chaos beginnt mit Manuel Neuers Skiunfall

Dafür spricht, dass die Klub-Führung, bestehend aus Präsident Herbert Hainer, Kahn und Sportdirektor Hasan Salihamidzic, spätestens seit der schweren Verletzung von Manuel Neuer nach der WM nach außen nicht den Eindruck vermittelt, das Geschehen noch im Griff zu haben. Da wird erst Torwarttrainer Toni Tapalovic wie aus dem Nichts entlassen, dann stützt Hainer mit großen Worten Nagelsmann noch kurz vor dessen Rauswurf. Da behauptet Salihamidzic, Nagelsmann habe "die Kabine verloren", um sich dann von Joshua Kimmich dieses – offenbar – vorgeschobene Argument aus der Hand nehmen lassen zu müssen. Und da gelingt es Kahn nicht, die Kritik am Stil des Rauswurfs Nagelsmanns zu entkräften. Der musste von seiner Freisetzung von der "Bild"-Zeitung erfahren, ehe sich der Klub bei ihm meldete. Kahn und Salihamidzic wehrten sich mit dem Argument dagegen, sie hätten erst die Zusage Tuchels abwarten müssen.

Unter dem neuen Trainer aber ist den Bayern-Oberen noch eine Begründung für den Trainerwechsel abhandengekommen: die Gefährdung der Saisonziele. Von den angepeilten drei Titeln ist nur mehr einer zu holen. Kahn aber wird nicht müde, zu behaupten, es sei bei der Entscheidung gegen Nagelsmann auch um längerfristige Ziele gegangen.

Kahn und Hainer lenken den Fokus auf den Titelkampf

Bleibt die Frage, wie langfristig Kahn diese Ziele noch mitbestimmt. "Jetzt versuchen wir, deutscher Meister zu werden. Und dann werden wir sicherlich in uns gehen. Dann werden wir uns viele, viele Fragen stellen", hatte Kahn nach der Pleite gegen Manchester City erklärt. "Ich habe 14 Jahre hier gespielt. Ich weiß, wie das hier ist, wenn Ziele nicht erreicht werden." Von einer "Katastrophe" sprach Kahn dann nach dem neuerlichen Dämpfer in Mainz, sollte auch die Meisterschaft nicht gewonnen werden. "Das wird schwer genug sein, wie wir heute gesehen haben", ergänzte Hainer. Die Diskussion um Kahn und dessen möglicherweise bevorstehende Ablösung schob auch der Hoeneß-Nachfolger beiseite: "Über alles andere reden wir dann später." Zum Beispiel am 22. Mai während der nächsten Sitzung des Aufsichtsrats, dem Hainer vorsteht. Als starker Mann des neunköpfigen Gremiums aber gilt Hoeneß.

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Als der vor genau 44 Jahren, im Mai 1979, zum Manager des FC Bayern berufen wurde, beendete der Verein gerade seine fünfte Saison ohne Meisterschaft. Heute geradezu unvorstellbar. Hoeneß begann im Alter von 27 Jahren, was heute als sein Lebenswerk gilt: den FC Bayern auf Dauer sportlich und finanziell an die nationale Spitze zurückzuführen.

So dramatisch wie 1979 ist die Lage 2023 keineswegs, weder sportlich noch finanziell. Und doch sagte unlängst Thomas Helmer, der ehemalige Mannschaftskapitän und -kollege von Kahn und Salihamidzic: "An so viele Baustellen wie aktuell" könne er sich beim FC Bayern "eigentlich gar nie erinnern." Es sei einst eine Stärke der Chefetage gewesen, "an einem Strang" zu ziehen. Dies vermisse er.

Horst Heldt: "Oliver Kahn macht sich unglaubwürdig"

Das Vorgehen und Handeln der Bayern-Verantwortlichen wirke "nicht abgestimmt", bemerkte Stuttgarts einstiger Meistermanager Horst Heldt in der Sendung "Blickpunkt Sport". Zudem mache sich Kahn "unglaubwürdig", würde er plötzlich Präsenz zeigen und damit "wie Kai aus der Kiste" kommen.

Es fehlt offensichtlich das klare Wort, das jahrzehntelang Hoeneß beim FC Bayern geführt hat. Mit diesem Stilmittel verteidigte der Weltmeister von 1974 nicht nur den FC Bayern nach außen, sondern regelte die Dinge auch intern.

Fraglos hängt er an dem Verein, über dessen Sportvorstand Salihamidzic er schützend seine Hand hält. Hoeneß aber ist auch Teil des Problems, zu dessen Lösung er wieder herangezogen werden könnte, weil er auch nach seinem Rückzug aus dem operativen Geschäft nie aufgehört hat, das Geschehen beim FC Bayern von außen zu kommentieren. Dies kratzt an der Autorität des Trios Hainer/Kahn/Salihamidzic und erweckt mitunter den Eindruck, Hoeneß habe das Vertrauen in die Führungsfertigkeiten der Menschen verloren, in deren Hände er sein Lebenswerk gelegt hat.

Verwendete Quellen:

  • Mit Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa)
  • Blickpunkt Sport: Felix Magath und Horst Heldt zur Bayern-Krise
  • kicker: Ausgabe 34 vom 24. April 2023: "Weiter! Wie nur weiter?"
  • sport.sky.de: Es wird so kommen, wie Uli es will
  • tz.de: "FC Hollywood fand ich blöd:" Ex-FCB-Kapitän Helmer über Bayern-Krise
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