Nach vier Spielen ohne Sieg wird beim FC Bayern Kritik an Trainer Niko Kovac laut. Doch an der Krise, in welcher der Rekordmeister aktuell steckt, hat der 46-Jährige nur bedingt Schuld. Vielmehr ist die Sieglos-Serie ein Resultat der Nachwuchs- und Transferpolitik der Bayern.

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Noch am vergangenen Freitag hatte der Trainer des zu diesem Zeitpunkt noch leicht angeschlagenen FC Bayern, von einer kleinen "Phase die jede Mannschaft in einer Saison durchläuft" gesprochen und dass man erst nach dem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach ein "Zwischenfazit" ziehen könne.

Das Spiel gegen die "Fohlen" einen Tag später zeigte klar, wie dieses Zwischenfazit ausfallen muss: Desaströs. 0:3 verlor der FC Bayern. Ein Debakel und das vierte Spiel in Folge ohne Sieg.

Egal ob man die Sieglos-Serie der Münchner nun als Krise bezeichnen möchte, oder nicht: Fest steht, der Haussegen beim Rekordmeister hängt schief.

Eine solche Negativbilanz wie die von Kovac wies zuletzt Louis van Gaal vor acht Jahren auf. Damals waren die Münchner sogar nur Zwölfter nach sieben Spieltagen.

Eine absehbare Krise

Trotzdem muss Kovac aktuell nicht um seinen Job bangen. Zumindest wenn man den Worten von Uli Hoeneß Glauben schenken darf. "Bis aufs Blut" wolle der Präsident des Klubs den Trainer verteidigen. Eine ungewöhnliche Aussage, wenn man bedenkt, dass beim letzten Mal als die Bayern ein Pflichtspiel mit 0:3 verloren (bei Paris St. Germain in der Champions League) , Carlo Ancelotti unmittelbar seinen Hut nehmen musste.

Dass Hoeneß Kovac trotz der sportlichen Schlappe nun den Rücken stärkt dürfte an mehreren Faktoren liegen. Zum einen hatte Hoeneß in der vergangenen Saison zu lange auf den Verbleib von Jupp Heynckes gesetzt. Wirkliche Alternativen zu Kovac, wie beispielsweise Thomas Tuchel, standen den Bayern deshalb irgendwann nicht mehr zur Verfügung. Mit dem Rauswurf des Trainers müsste Hoeneß deshalb seine eigene Verfehlung eingestehen.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Misere der Bayern galt vielen als absehbar und die Hauptschuld an selbiger trifft daher mehr die Führungsriege des Vereins als Kovac, der ja erst seit wenigen Wochen an der Säbener Straße arbeitet.

Zu wenig Investition in die Zukunft

Schon seit Jahren warnen Fußballexperten und ehemalige Spieler, dass der FC Bayern droht, seinen Umbruch zu verpassen. Der Verein müsse sich stärker darauf konzentrieren, junge Talente zu fördern und auszubauen, hieß es immer wieder. Erst kürzlich stellte zum Beispiel Stefan Effenberg bei "t-online.de" die Dominanz der Bayern in der Bundesliga infrage, falls ihnen dieser Wandel nicht gelingen sollte.

Nun scheint es so, als ob die Bayern die Quittung für den verpassten Umbruch bekommen.

Beispiel Nachwuchs: Der letzte Spieler, den die Bayern aus der eigenen Jugend rekrutierten, ist David Alaba. Das war 2010. Zwar hat der Klub im August 2017 sein neues Nachwuchszentrum eröffnet, allerdings konnte sich bislang keins der Fußballtalente in der ersten Mannschaft des Rekordmeisters etablieren.

Zugleich halten die Bayern sich im Vergleich mit anderen europäischen Top-Klubs in Bezug auf Transfers eher zurück. Mehrfach hatte Hoeneß in der Vergangenheit betont, den Transferwahnsinn in Europa nicht mitmachen zu wollen.

Viele dürften das löblich finden. Dennoch hätten den Bayern wohl einige Investitionen in die eigenen Mannschaft gut getan.

Matthäus: "Spannende Talente ignoriert"

Ex-Bayern-Spieler Lothar Matthäus sieht das ähnlich. Der Rekordmeister habe seinen Kader "nicht rechtzeitig verjüngt", so der 57-Jährige im Interview mit dem Schweizer Portal "Blick".

Ein klarer Hinweis für diesen Umstand: Mit einem Durchschnittsalter von 27,3 Jahren hat der FC Bayern die derzeit älteste Startelf unter den 18 Vereinen der ersten Liga. Beim Spiel gegen Gladbach kam die Aufstellung Kovacs sogar auf einen Wert von im Schnitt 28 Jahren. Die Fohlen hingegen nur auf 26,7 Jahre.

Und der BVB, der mit 17 Punkten derzeit an der Spitze der Tabelle steht, spielte gegen den FC Augsburg mit einem Altersdurchschnitt von nur 23,5 Jahren.

Matthäus zufolge seien bei den Bayern "zu vielen verdienten Spielern immer wieder neue Verträge gegeben" worden. Gleichzeitig hätte man "spannende Talente auf dem Markt ignoriert".

Die besten Beispiele hierfür dürften wohl Frank Ribéry und Arjen Robben sein. Mit 35 und 34 Jahren gehören beide nicht mehr zur jungen Garde. Dennoch setzt der Rekordmeister standardmäßig auf die Flügelspiel-Veteranen.

Doppeltes Risiko für Kovac

Von einem Umbruch ist bei den Bayern also nicht viel zu spüren. Die Schuld dafür bei Kovac zu suchen, dürfte dem Problem kaum gerecht werden.

Aktuell bliebe dem 46-Jährigen nur eine Möglichkeit, dem Kader neues Leben einzuhauchen: Er müsste auf Spieler aus dem eigenen Nachwuchs setzen.

Für Kovac ein doppeltes Risiko. Einerseits, weil die Verantwortung bei einem Misserfolg auf ihn allein zurückfallen würde. Zum anderen würde Kovac damit Gefahr laufen, es sich gleichzeitig mit dem Vorstand und etablierten Spielern zu verscherzen.

Dass Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge nicht bereit scheinen, die "alten Hasen" zugunsten junger Spieler zurückzustellen, hat die Vergangenheit bereits gezeigt.

Zudem gibt es immer wieder Berichte, dass Spieler mittels Hilfe der Bosse Entscheidungen der Trainer untergraben. "Das war zu meiner Zeit vor 20 Jahren nicht anders", so Ex-Bayern-Spieler Dietmar Hamann in der Sendung "Sky90".

"Da gab es einige, denen hat der Trainer nicht gepasst, dann sind sie ins Büro von den Oberen gelaufen". Dort hätten die unzufriedenen Fußballer dann "Gehör gefunden".

Ähnliche Tendenzen sieht Lothar Matthäus auch aktuell noch innerhalb des Vereins. "Spieler wie James und Lewandowski stellen sich über den Verein, auch Robben und Ribéry", so der Fußballexperte im Interview mit "Blick". "Einige Stars verhalten sich egoistisch und respektlos gegenüber Trainer, Klub und Mitspielern".

Die Saison als Opfer des Umbruchs?

Angesichts dieser Dynamik bleibt Kovac also aktuell kaum eine Option, den immer wieder von Experten beschworenen Umbruch einzuleiten, ohne sich selbst weiter in die die Schusslinie zu bringen.

Bis zum Ende der Länderspielpause am 20. Oktober haben die Bayern nun Zeit sich zu überlegen, wie sie mit der Situation umgehen wollen. Sollte ihre Sieglos-Serie auch danach noch anhalten, wird sich der Rekordmeister wohl ernsthaft mit der Möglichkeit einer titellosen Saison auseinandersetzen müssen.

Dem ersten Reflex zu folgen und Trainer Niko Kovac zu entlassen, dürfte daran wohl kaum etwas ändern. Denn das grundlegende Problem des Vereins hat dieser nicht zu verantworten.

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Verwendete Quellen:

  • Deutsche Presse-Agentur (dpa).
  • Transfermarkt.de: 1. Bundesliga.
  • Sportbild: Matthäus-Kritik an "beleidigten" Stars und Transferpolitik.
  • Blick.ch: Lothar Matthäus über die Bayern Krise. "Einige Stars verhalten sich egoistisch und respektlos".
  • T-Online: "Für diese sechs Spieler braucht der FC Bayern Alternativen".
  • Bild: Untrainierbar, Alibis, Ausreden: Hamann zerlegt Bayern-Stars und Bosse.