Karl-Heinz Rummenigge redet nach dem Zittersieg des FC Bayern bei Olympiakos Piräus seinen Stars ins Gewissen. Niko Kovac, Joshua Kimmich, Philippe Coutinho - was die Worte des Vorstandschefs für die Bayern-Protagonisten bedeuten.

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Es ist ein beinahe familiäres Ritual beim FC Bayern: Das Bankett nach Auswärtsspielen in der Champions League, mit geladenen Gästen und der Mannschaft, oft sehr spät am Abend, diesmal, in Griechenland, sogar erst nach Mitternacht.

Die Bankettreden, traditionell von Karl-Heinz Rummenigge gehalten, sind gleichzeitig ein Stimmungsbarometer für den Rekordmeister.

FC Bayern: Klartext von Rummenigge

Und dieses zeigt im aktuellen Herbstblues der Münchner nach unten. Nach dem mühevollen und wackeligen 3:2 bei Olympiakos Piräus sprach der Vorstandsboss der Bayern mal wieder Klartext.

"Ich glaube nicht, dass die heutige Leistung uns am Ende des Tages in diesem Jahr große Erfolge bescheren wird, wenn wir nicht langsam die Kurve kriegen. Wir spielen mir ein bisschen zu sorglos", meinte der 64-Jährige überdeutlich. Und wandte sich mit seiner Kritik an mehrere Adressaten.

Die Bayern-Abwehr steht unter Beobachtung

Zuallererst an die Abwehr der Münchner. Diese wirkte auch im Hexenkessel Karaiskakis-Stadion alles andere als sattelfest. "Wir haben jetzt zum sechsten, siebten Mal zwei Tore reingekriegt", monierte Rummenigge.

Genauer gesagt: Zum fünften Mal in Folge gab es für die Bayern zwei Gegentreffer, zum siebten Mal in dieser Saison. "Wir spielen ein bisschen zu sorglos, und das wird irgendwann zu Problemen führen", sagte Rummenigge weiter in Richtung seiner Abwehr, wohl wissend, dass zur Defensivarbeit auch die Kollegen weiter vorne beitragen müssen.

Bitterer Abend für Bayerns Hernández

Bitter war, dass ausgerechnet der später verletzt ausgewechselte Lucas Hernández in Piräus einen richtig schlechten Abend erwischt hatte. Beim 0:1 durch Youssef El Arabi (23.) stand der französische Weltmeister vom Torschützen viel zu weit weg, und bugsierte kurz darauf eine scharfe Hereingabe von Kostas Tsimikas (31.) beinahe ins eigene Tor.

Bei Hernández wurde schließlich eine Teilruptur des Innenbandes am rechten Sprunggelenk festgestellt, den Bayern blieb die Erkenntnis, dass sie nach dem Kreuzbandriss von Niklas Süle binnen weniger Tage (vorerst) einen zweiten Innenverteidiger verloren haben. Der Ex-Stuttgarter Benjamin Pavard hatte vor der Partie Ansprüche auf eine Führungsrolle formuliert. Jetzt liegt es am 23-jährigen Franzosen, und ausgerechnet an Weltmeister Jerome Boateng (31), der den Klub ja eigentlich verlassen möchte.

Philippe Coutinho braucht Argumente

Bleiben soll dagegen langfristig Philippe Coutinho - eigentlich. Doch der brasilianische Dribbler ist bislang nicht mehr als ein bloßes Versprechen. Spektakel hatte Trainer Niko Kovac angekündigt, wenn der 27-Jährige das Bayern-Trikot tragen würde.

Spektakulär war neben der in Augsburg (2:2) vergebenen Großchance aus kürzester Distanz in Piräus allenfalls, wie Coutinho kurz vor Schluss den Ball gegen den aufgerückten Olympiakos-Keeper José Sa gut und gerne um zehn Meter am Tor vorbeischoss.

Coutinhos Spielkontrolle lässt zu wünschen übrig

"Wir haben uns das Leben selber schwer gemacht, hatten viele Fehlpässe und haben nicht zu unserer Spielkontrolle gefunden, konnten den Ball nicht richtig laufen lassen", meinte Sportdirektor Hasan Salihamidzic nach dem Zittersieg.

Für Spielkontrolle wäre eigentlich Coutinho zuständig, doch seit Wochen ist zu beobachten, dass Thiago mit fortlaufender Spieldauer im Verbund aufrückt, um Akzente zu setzen, weil sein brasilianischer Nebenmann diese schuldig bleibt.

Dabei geht es für den Leihspieler des FC Barcelona um einen langfristigen Vertrag in München. Denn klar ist: Mehr als 100 Millionen Euro für Wunschspieler Leroy Sané, mehr als 100 Millionen Euro für den ebenfalls gehandelten Kai Havertz und nochmal so viel für Coutinho - das können sich nicht einmal die Bayern leisten.

Joshua Kimmich ist als Leader gefordert

Rummenigges Klartext-Rede dürfte sich derweil auch an Joshua Kimmich richten, den neuen Anführer. Beim 0:1 konnte der Schwabe Flankengeber Tsimikas nicht verteidigen, kurz darauf ließ er sich vom Griechen simpel überlaufen, was beinahe das 0:2 zur Folge gehabt hätte.

Festzuhalten bleibt: Der 24-Jährige hat defensiv Schwächen, weil er sich offensiv viele Freiheiten nimmt. Schon in der Vorsaison hatte Kovac den deutschen Nationalspieler wiederholt lauthals aus der Coaching Zone ermahnt, sich auch auf seine Aufgaben in der Abwehrarbeit zu besinnen. Offenbar vergeblich. Hinzu kam, dass Kimmich diesmal beim Stand von 2:1 Olympiakos-Akteur Daniel Podence ungestüm und übermotiviert in Richtung Eckfahne rempelte.

Rummenigges Botschaft: "Ich möchte jeden dazu aufrufen, mit höchster Konzentration, aber auch hoher Motivation am Samstag (gegen Union Berlin, d. Red.) auf den Platz zu gehen, damit wir die drei Punkte holen."

Für Niko Kovac könnte es bald eng werden

Drei Punkte braucht in der aktuell sensiblen Lage insbesondere Coach Kovac. 15 von möglichen 24 Punkten in der Bundesliga bedeuten den schlechtesten Saisonstart seit neun Jahren.

Dazu muss sich Kovac permanent Fragen gefallen lassen, inwiefern seine Mannschaft seit dem vergangenen unruhigen Herbst 2018 spielerisch eine Weiterentwicklung vollzogen habe. Was den 48-jährigen Kroaten jüngst in Augsburg dazu bewog, einen Reporter nach kritischer Frage auf der Pressekonferenz zu maßregeln.

Deutlich wurde bei der Bankettrede von Piräus nun sein Chef, Rummenigge. Kovac war diesmal nicht Absender, sondern Adressat des Hinweises. "Wir haben das große Glück, dass wir bei dem Schwächeln, das wir in den letzten Spielen hatten, nach wie vor nur einen Punkt Rückstand auf die Tabellenspitze haben", sagte Rummenigge: "Aber am Samstag haben wir vielleicht die Chance, Tabellenführer zu werden. Das ist der Anspruch von Bayern München, und ich glaube, dem müssen wir gerecht werden."

Gerüchte um Ralf Rangnick

Wird Kovac diesem Anspruch nicht gerecht, könnte es bald um seinen Job gehen. Laut "Sport Bild" ist Ralf Rangnick bei den Bayern ein Thema. Seit Juli ist der frühere Sportdirektor und Trainer von RB Leipzig "Head of Sport and Development Soccer" für Mehranteilseigner Red Bull.

Ob der Schwabe diesen Job aufgeben würde? Kovac arbeitet in München zumindest schon wieder auf Bewährung, und sein Fürsprecher Uli Hoeneß tritt bei der Hauptversammlung am 15. November als Vereinspräsident ab. Auch das wollte Rummenigge sicher noch einmal in Erinnerung rufen.

Verwendete Quellen:

  • Sachbuch: 101 Dinge, die ein echter FC-Bayern-Fan wissen muss (GeraMond-Verlag)
  • Sportbild.de: Rangnick ist der Kovac-Schattenmann
  • Kicker.de: Rummenigge wittert Probleme: Seine Bankettrede im Wortlaut
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