Jerome Boateng ist seit fünf Jahren gesetzt beim FC Bayern und ebenso in der Nationalmannschaft. Doch das könnte sich bald ändern.In der Münchner Viererkette muss er sich aktuell einem knallharten Konkurrenzkampf stellen und es ist nicht sicher, dass er ihn gewinnt.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer

Beim FC Bayern hat sich der Begriff "Stammelf" ein wenig überlebt. Sicher: Es gibt einen gewissen qualitativen Unterschied zwischen den Kaderplätzen eins bis 13 und dem Rest, doch in einer langen Saison mit regelmäßig über 50 Pflichtspielen gibt es genügend Möglichkeiten, um zu rotieren und allen ausreichend viele Spielanteile zu ermöglichen.

So wie am Samstag wahrscheinlich auch gegen Augsburg. Im Rahmen der Belastungssteuerung ist das sogar sinnvoll.

Die Topspiele werden Antworten geben

Richtig spannend wird es allerdings in den Topspielen. Dann gilt es. Dann will jeder unbedingt auf dem Platz stehen. Dann wird genau hingeschaut.

Die Münchner haben nach den erfolgreichen letzten Wochen eigentlich nur noch zwei richtig große Spiele bis zur Winterpause vor der Brust: Das Heimspiel gegen Paris Saint Germain, in dem es um Wiedergutmachung und ganz vielleicht auch noch um den Gruppensieg geht. Und das DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Dortmund am 20. Dezember.

Mit Abstrichen ist noch das Auswärtsspiel bei Angstgegner Gladbach am übernächsten Wochenende zu nennen.

Blickt man auf die vergangenen Wochen könnte sich dabei vor allem eine Frage zuspitzen, die auch Joachim Löw mit Blick auf die WM in Russland beschäftigen muss. Wer verteidigt neben Mats Hummels in der Viererkette?

Heynckes und Guardiola als Lehrmeister

Jerome Boatengs Aufstieg in die absolute Weltklasse ist eng mit Jupp Heynckes verbunden.

Irgendwann während der Triple-Saison 2012/2013 machte es klick bei dem zuvor nicht immer konstanten und manchmal zu risikofreudigen Abwehrmann.

Nach intensiver individueller Arbeit mit dem Trainerteam und der Entscheidung, Boateng nach der Verletzung von Holger Badstuber endgültig von der rechten Seite in die Mitte zu ziehen, reifte Boateng neben dem ebenfalls sehr starken Dante zum Leistungsträger.

Unter Pep Guardiola, der ihn immer wieder herausforderte und damit sein Spiel weiter verfeinerte, wurde Boateng auch zu einem der besten Aufbauspieler auf seiner Position.

Seine scharfen Pässe durch das gegnerische Pressing oder seine präzisen Diagonalschläge wurden eine echte Waffe im Münchner Spiel. 2016 kamen die Verletzungen. Seitdem kämpft Boateng um seine Form.

Boateng hat mit 29 Jahren beinahe alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Er ist heute eindeutig der Platzhirsch. Sein Herausforderer Niklas Süle ist "Confed Cup"-Sieger.

Früher Sprung nach München

Der 22-Jährige wagte im Sommer früher als erwartet den Sprung nach München und hat sich seitdem sehr viel Respekt erworben.

Beim 3:0 auf Schalke im September spielte er sehr gut. Beim 3:1 gegen Dortmund vor Wochenfrist mindestens gut. Mit einer spektakulären Grätsche gegen den durchgebrochenen Aubameyang beim Stand von 0:0 als Sahnehäubchen.

Bei der 0:3-Pleite in Paris, die Boateng zu seinem Erstaunen von der Tribüne aus verfolgte, ging Süle mit der Mannschaft unter. Gegen Frankreich war Süle im Dress der Nationalelf am Dienstag eher wackelig.

Der frühere Hoffenheimer ist ein kompromissloser Zweikämpfer, guter Kopfballspieler und schneller, als man es einem Mann seiner Statur zutraut.

Boateng - so wirkt es jedenfalls - hat durch die Verletzungen etwas von seiner überragenden Geschwindigkeit eingebüßt. In den beiden Spielen gegen Leipzig überzeugte er aber zuletzt.

Süle ist im Aufbauspiel gut, aber keineswegs so kreativ und druckvoll wie Boateng in seinen besten Momenten. Süle agiert hier in München auch deutlich zurückhaltender als sein erfahrener Kollege.

Boateng spielt pro 90 Minuten über 20 Pässe mehr (insgesamt 90). Dass auch Boateng hier jedoch nach seiner Linie sucht unterstreichen die rund 13 langen Bälle, die er bisher pro Partei spielt. Der absolute Höchstwert seiner Karriere - und nicht zwingend ein Qualitätsmerkmal.

Wer passt besser zu Hummels?

Eine entscheidende Frage - sowohl für Heynckes, als auch für Löw - ist, wer besser zum gesetzten und zuletzt extrem dominanten Hummels passt.

In Bestform bleibt Boateng mit seiner raumgreifenden Verteidigung und seinen eigenen Qualitäten im Aufbau die Idealbesetzung. Doch auch für Süle spricht einiges.

Hummels bekanntes risikoreiches Herausrücken bringt den einen oder anderen Fehler mit sich, der von einem diszipliniert verteidigenden Nebenmann mit gutem Stellungsspiel aufgefangen werden kann.Beides sind Stärken Süles.

Bei eigenen Standardsituationen agieren beide im gegnerischen Strafraum mit gutem Kopfballspiel auf ähnlichem Niveau. So hat Heynckes, wenn es drauf ankommt in den nächsten Wochen - gegen Paris, Mönchengladbach und Dortmund - die Qual der Wahl.

Viel hängt nun davon ab, ob der zuletzt erneut angeschlagene Boateng seine körperliche Topform findet. Dann hat er auch auf Grund seiner Erfahrung sicher einen Bonus.

So oder so sollte es allerdings niemanden wirklich überraschen, wenn am Ende in den Topspielen der Name Süle neben Hummels auf dem Spielberichtsbogen auftaucht.