• Im Triell bei RTL am Sonntagabend trafen Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz erstmals live im TV aufeinander.
  • Bei so unterschiedlichen Themen wie Afghanistan, Klimapolitik und Corona-Pandemie schenkten sich die Kanzlerkandidaten nichts und diskutierten teilweise leidenschaftlich. Unpassend war die Einstiegsfrage von Pinar Atalay und Peter Klöppel.
  • Vor allem Armin Laschet zeigte sich angriffslustig, eine Umfrage nach der Sendung endete für den CDU-Politiker aber enttäuschend.
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Eine Kritik
von Christian Stüwe

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Das Wort Triell kannten bis vor kurzem nur wenige Menschen. Ein Triell ist eine seltene Variante des Duells, bei dem drei Gegner gegeneinander antreten. Der diesjährige Bundestagswahlkampf verhilft dem altertümlichen Wort nun zu neuer Popularität, schließlich bewerben sich mit Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) drei aussichtsreiche Kandidaten auf die Nachfolge von Angela Merkel im Kanzleramt.

Wenn diese nun live im TV aufeinandertreffen ist das eben kein Rededuell, sondern ein Triell. Das erste Triell fand am Sonntagabend, genau vier Wochen vor der Bundestagswahl, bei RTL statt. Und es ging teilweise hoch her.

Die Ausgangslage:

Die knapp zweistündige Sendung war auf RTL, n-tv und natürlich auch im Stream zu sehen. Die Moderatoren Pinar Atalay und Peter Klöppel empfingen die Kanzlerkandidatin und die beiden Kanzlerkandidaten in einem relativ kleinen, blauen Studio. Darin befanden sich fünf kreisförmig angeordnete Redepulte, in coronakonformem Abstand aufgestellt.
Die 40-jährige Annalena Baerbock erschien in einem lilafarbenen Hosenanzug, Armin Laschet (60) im dunklen Anzug mit hellblauer Krawatte, Olaf Scholz (63) ganz klassisch im dunklen Anzug mit dunkler Krawatte.

Die Einstiegsfrage:

Die war völlig unpassend und erinnerte eher an Entscheidungsrunden in RTL-Realityformaten. Zunächst wurde Annalena Baerbock gefragt, warum sie eine bessere Kanzlerin als Olaf Scholz wäre, dann sollte Scholz die gleiche Frage zu Laschet beantworten, schließlich Laschet zu Baerbock. Eine Antwort gab aber keiner der drei Kandidaten. Auch wenn der Wahlkampf mit harten Bandagen geführt wird, auf dieses Niveau ließ sich niemand herab.

Es war allerdings auch der einzige wirklich schwache Moment des Moderatoren-Duos Pinar Atalay und Peter Klöppel, die ansonsten souverän und gut vorbereitet durch das fast zweistündige Triell führten.

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Start in die heiße Phase: So schlugen sich Laschet, Scholz und Baerbock im ersten TV-Triell

Die Bundestagswahl rückt näher - entsprechend wenig haben sich die Kanzlerkandidaten Scholz, Laschet und Baerbock beim TV-Triell geschont. Nach einer ersten Umfrage gibt es einen klaren Sieger.

Thema Afghanistan:

Als es dann um die Situation in Afghanistan ging, legten die Kandidaten die Zurückhaltung ab. "Es ist ein Desaster des Westens", sagte Laschet, der CDU-Politiker forderte eine bessere Ausrüstung der Bundeswehr und griff die SPD und Scholz direkt an. Diese habe beim Thema Drohnen blockiert. Scholz verwies kühl auf die Eurodrohne, die noch nicht einsatzbereit sei und wies die Schuld am Zustand der Bundeswehr der bis 2013 regierenden schwarz-gelben Regierung zu. Dann bedankte er sich bei der Bundeswehr für den schweren Einsatz.

Baerbock spielte beim Thema Afghanistan wie so oft an diesem Abend die emotionale Karte, verwies auf die Nöte der Kinder und Frauen. "Da zieht sich mir das Herz zusammen", erklärte die Grünen-Politikerin. "Wir haben ein fettes Problem in der Bundeswehr", sagte sie und spielte ebenfalls auf die mangelnde Ausrüstung der Truppe an. Die Schuld hierfür sah Baerbock unter anderem beim aktuellen CDU-Verteidigungsministerium.

Thema Corona-Pandemie:

"Die Schulen müssen offenbleiben, wir müssen die Kinder schützen", lenkte Baerbock auch beim Thema Corona den Fokus auf das Soziale, dann kritisierte sie die mangelhafte Beschaffung von Luftfiltern für Schulen.

Eine generelle Impfpflicht schlossen alle drei Kanzlerkandidaten aus, eine Impfpflicht zumindest für bestimmte Berufsgruppen wollte Baerbock jedoch nicht ausschließen. Einen erneuten Lockdown konnte sich - Stand jetzt - keiner der drei vorstellen.

Thema Klimaschutz:

Beim Thema Klima krachte es am heftigsten. Pinar Atalay fragte Scholz, ob er etwas verbieten wolle, um Klimaziele zu erreichen. "Nö", antwortete dieser kurz und knapp. Baerbock hingegen forderte das Ende des Verbrennungsmotors, ab dem Jahr 2030 sollten nur noch emissionsfreie Autos zugelassen werden. "Ich möchte ein klimaneutrales Deutschland schaffen und im September damit anfangen", erklärte die Grünen-Politikerin, die es "erschreckend" fand, dass ihre Konkurrenten offenbar aus Wahlkampfgründen nicht über mögliche Verbote sprechen würden.

"Frau Baerbock, Sie legen der Industrie Fesseln an die Füße an und sagen dann: 'Lauf mal schneller'", konterte Laschet, der verriet, dass er privat ein Elektroauto fährt. "Es war noch nie eine Stärke unseres Landes, dass Minister Verbote schreiben. Unsere Stärke waren Menschen, die Dinge erfunden haben", führte Laschet weiter aus. "Offensichtlich haben sie keinen Plan zur Klimapolitik", entgegnete Baerbock. Die Klimapolitik dürfte eines der große Streitthemen bis zur Wahl bleiben und könnte letztlich entscheidend sein.

Thema mögliche Koalitionen:

Bei diesem Thema hatte Laschet seine besten Momente. Nachdem Scholz zunächst seine Enttäuschung darüber geäußert hatte, dass die Linke dem Rettungseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan nicht zugestimmt hatte, wollte er trotzdem eine rot-rot-grüne Koalition nicht ausschließen.

"Ich werde mit den Linken nicht reden und will, dass die AfD aus den Parlamenten verschwindet", stellte Laschet klar und nahm Scholz nochmal in die Pflicht: "Warum können Sie nicht klar sagen, dass Sie nicht mit der Linken verhandeln?" Dem hatte Scholz nicht mehr viel entgegenzusetzen.

Was auffällig war: Baerbock und Scholz bescheinigten sich mehrfach, bei bestimmten Themen nicht weit auseinanderzuliegen. Einer wie auch immer gestalteten rot-grünen Koalition wären wohl beide nicht abgeneigt.

Der Spruch des Abends:

Der kam von Armin Laschet. "Dann kann man einfach sagen: 'Ich mache es nicht'! Drei Worte!", redete sich Laschet in Rage, zählte nochmal mit den Fingern nach und korrigierte sich sofort: "Nein, vier!" Ohne die Korrektur hätte dieses Laschet-Zitat vermutlich das Potenzial für einen Klassiker gehabt.

Die Schlussstatements:

Zum Abschluss durfte das Trio jeweils noch eine Minute Werbung für sich machen. Baerbock trat als einzige vor das Pult und sprach direkt in die Kamera. Die Grünen-Kandidatin versprach, sich für faire Löhne und echten Klimaschutz einzusetzen, für schöne Kitas und mehr soziale Gerechtigkeit.

Auch Scholz unterstrich die Wichtigkeit fairer Löhne, einer stabilen Rente und der Aufgabe, den Klimawandel aufzuhalten. Er wolle eine Gesellschaft des Respekts, erklärte der SPD-Kandidat: "Ich möchte der nächste Bundeskanzler sein und Ihnen dienen."

"Spüren wir nicht alle den Wind der Veränderung, der uns ins Gesicht bläst?", zitierte Laschet leicht abgewandelt die Scorpions. Der CDU-Kandidat versprach Stabilität und Verlässlichkeit in schwierigen Zeiten. Dafür stehe die CDU, von Adenauer über Kohl bis Merkel.

Das Fazit des TV-Triells:

Ein klarer Gewinner oder eine Gewinnerin war am Sonntag nicht zu erkennen. Das Kandidaten-Trio schlug sich unterm Strich souverän, grobe Fehler oder Unsicherheiten leistete sich niemand. Annalena Baerbock wirkte gut vorbereitet und informiert, sie spielte ihre Stärken konsequent aus. Als mit Abstand jüngste Kandidatin und Mutter dürfte sie bei Familien und jungen Menschen gepunktet haben.

Olaf Scholz machte das, womit er schon seit Wochen erfolgreich ist: ziemlich wenig. Der SPD-Kandidat präsentierte sich gewohnt ruhig, fast schon minimalistisch. Er sprach verbindlich über Themenfragen und ließ sich von Laschet nicht provozieren. Bei den Wählerinnen und Wählern scheint das gut anzukommen, wie die Umfragewerte zeigen.

Auch Armin Laschet machte letztlich das einzig Richtige, der in den Umfragen strauchelnde CDU-Kandidat schaltete in den Angriffsmodus, attackierte Baerbock und Scholz immer wieder und brachte diese mehrfach in Bedrängnis. In einer von Forsa durchgeführten Umfrage unter 2.500 Zuschauerinnen und Zuschauern direkt nach der Sendung landete Laschet (25 Prozent) dennoch deutlich hinter Scholz (36 Prozent) und Baerbock (30 Prozent). Laschet kann derzeit anscheinend machen, was er will. Am Ende verliert er immer.

Und so war der größte Gewinner am Sonntag vermutlich RTL. Der Kölner Privatsender stellte eine gute Sendung auf die Beine, die kommenden Trielle bei ARD/ZDF und ProSieben/Sat.1/Kabeleins dürften inhaltlich nur noch in Details Neuigkeiten bringen und entsprechend auch nicht mehr so viel Interesse wecken.

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Teaserbild: © dpa/Michael Kappeler