• Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen will für die CDU das Direktmandat in Südthüringen gewinnen. Das Rennen ist allerdings völlig offen.
  • Ein Besuch eines Wahlforums in Suhl zeigt, warum sich Maaßen schwertut – und mit welchen Problemen sein aussichtsreichster Gegner von der SPD, Ex-Biathlon-Weltmeister Frank Ullrich, zu kämpfen hat.
Eine Reportage
von Marco Fieber

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Alle sind da, nur Hans-Georg Maaßen nicht. Während am Donnerstagabend im südthüringischen Suhl fünf Bewerber um das Direktmandat im Wahlkreises 196 darauf warten, dass die Wahlarena der örtlichen Industrie- und Handelskammer (IHK) endlich losgeht, ist der Ex-Verfassungsschutzpräsident erstmal nur Gesprächsthema.

Der Grund: Das Namensschild auf seinem Platz ist falsch geschrieben, "MASSEN" steht da in Versalien. Die Runde witzelt, man möge den Fehler doch bitte noch schnell vor Maaßens Ankunft korrigieren, um nicht schon wieder einen Punkt zur Erregung zu schaffen. Denn Nummer 196 ist jener Wahlkreis, über den die Thüringer CDU genauso wie die CDU-Bundesspitze und Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet am liebsten nicht mehr sprechen wollen. Weil sie den Kandidaten, Maaßen, am liebsten ignorieren würden.

Doch angesichts seiner rassistischen Äußerungen über Geflüchtete und Migranten, "Propaganda"-Vorwürfen gegen Nachrichtensendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens oder seines beständigen Spielens mit antisemitisch konnotierten Begriffen fällt das selbst CDU-Politikern schwer. Große Teile der Partei kritisieren Maaßens Aufstellung in Südthüringen. Der wiederum beklagt eine "Dämonisierung" seiner Person, angeblich vorangetrieben durch SPD und Grüne.

Von einer "Nationalen Front" und einer "nationalsozialistischen Volksgemeinschaft", wie die Chefs der örtlichen CDU-Kreisverbände ein parteiübergreifendes wahltaktisches Bündnis gegen Maaßen im Juni nannten (und nach Kritik die DDR- und NS-Vergleiche wieder zurückzogen), ist an diesem Abend hingegen sowohl auf dem Podium der Wahlarena als auch bei Vieraugengesprächen dahinter fast nichts zu spüren. Trotz jüngster Aufrufe etwa von Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner oder der Landtagsabgeordneten Madeleine Henfling, ebenfalls Mitglieder der Ökopartei, mit der Erststimme im Wahlkreis doch lieber SPD anstatt die Grünen zu wählen - einfach nur um Maaßen zu verhindern.

Druck auf Grünen-Kandidatin für SPD-Politiker zu werben

Die Aufmerksamkeit auf den Wahlkreis findet Stephanie Erben"erstmal gut". Die studierte Musikerin und Kulturmanagerin tritt für Bündnis 90/Die Grünen in Suhl, Hildburghausen, Sonneberg und Schmalkalden-Meiningen an, vier Landkreisen im Süden des Thüringer Waldes.

Der steht in dieser Jahreszeit in saftigem Grün, doch die Region orientiert sich wie in vielen ländlichen Bereichen Ostdeutschlands an ganz anderen Farben. Seit der Wiedervereinigung haben CDU, SPD, Linkspartei und zuletzt wieder die CDU den Wahlkreis bei Bundestagswahlen gewonnen. Erbens Kandidatur ist hingegen aussichtslos. Wohl auch deshalb bedrängt die Partei sie, offen für die Erststimme für SPD-Kandidat Frank Ullrich zu werben. "Ein Votum für ihn schützt die Demokratie und verhindert, dass eine nach rechtsaußen offene Stimme in den Bundestag einzieht", sagte Kellner vor einer Woche der Funke-Mediengruppe.

2,6 Prozent der Erststimmen holten die Grünen in Südthüringen bei der Bundestagswahl 2017 – sie könnten diesmal am Ende tatsächlich über Sieg oder Niederlage von Maaßen entscheiden.

Wird Maaßen am Ende auch oben sein?

Aber Erben will nicht so weit gehen wie ihre Parteikollegen. "Die Menschen brauchen keine personalisierte Wahlempfehlung", sagt sie. Um dann gleich hinterher zuschieben: "Die Zweitstimme ist für uns relevant", sie kämpfe für eine starke Grünen-Bundestagsfraktion – eindeutiger wird Erben nicht.

Anders ihre Haltung zu Maaßen. Den nennt sie ein "parteipolitisches Experiment" der CDU, das vor allem mit "viel rechtem Blinken" auffalle. "Ich frage mich, warum die AfD überhaupt einen Kandidaten aufgestellt hat – die Partei ist hier gleich doppelt vertreten."

"Zieh' dich auf keinen Fall zurück!"

Erwartbar scharf kritisiert auch Linken-Kandidat Sandro Witt das "Störfeuer von rechts", womit er nicht die AfD, sondern seinen Gegenspieler von der CDU meint.

Auch bei Witt wurde gemunkelt, ob er nach dem Vorstoß der Grünen womöglich Ullrich unterstützt. Bei dem Gewerkschafter mit rotem Irokesenschnitt liegt die Messlatte allerdings wesentlich höher als bei der Kandidatin der Ökopartei, ging doch der Wahlkreis 2009 schon einmal an die Linke, die dort beständig überdurchschnittlich gute Ergebnisse einfährt.

Witt nahm sich laut eigener Aussage dennoch einige Tage Bedenkzeit. Nach Rücksprache mit der Basis habe er aber nun entschieden, nicht aus dem Rennen auszusteigen. "Zieh' dich auf keinen Fall zurück!", hätten ihm die Parteifreunde geraten.

Aus diesem Grund wolle Witt jetzt die Basis nicht "vergraulen", die Briefwähler so knapp vor der Wahl nicht "frustrieren", weil sie vielleicht schon für ihn gestimmt haben. Der 40-Jährige hat stattdessen auf Angriffsmodus umgeschaltet: "Es ist ein Dreikampf, aus dem ich am Ende als Sieger hervorgehe", sagt Witt selbstbewusst.

Ex-Biathlonweltmeister kandidiert für die SPD

Als aussichtsreichster Kandidat für den Wahlkreis an der Grenze zu Bayern und Hessen gilt aber Ex-Biathlon-Weltmeister und -Nationaltrainer Frank Ullrich. Er trat erst im Februar in die SPD ein.

Der 63-Jährige ist ein Sympathieträger in der Region, bei der Landtagswahl vor zwei Jahren verlor er mit 0,8 Prozentpunkten nur denkbar knapp gegen den Kandidaten der AfD. Doch an diesem Abend macht er keine gute Figur. Symptomatisch: In seinem Abschlussstatement an die Unternehmer der Region fällt Ullrich das Datum der Bundestagswahl nicht ein (ähnlich geht es kurz nach ihm AfD-Bundestagskandidat Jürgen Treutler).

Auch im Gespräch sagt der 63-Jährige Sätze wie den nachfolgenden, die schön klingen, am Ende aber wenig aussagen: Der Wahlkampf in dem vergleichsweise großen Wahlkreis sei "anstrengend". Andererseits sei es aber "schön, diese Region kennenzulernen, die Leute abzuholen und mit ihnen zu reden, sie zu verstehen. Das ist das – weil ich hier auch verortet bin in dem Wahlkreis –, was mich begeistert".

Frank Ullrich hält es sportlich

Baut Ullrich also allein auf seinen Heimvorteil und seine erfolgreiche Sportvergangenenheit, um am Ende vor Maaßen (und Witt) zu liegen? "Wir werden sehen. Jeder hat seine Philosophie." Wieder einer dieser Ullrich-Sätze.

Wie Maaßens Philosophie aussieht, will Ullrich nicht sagen. Nur so viel: "Jeder weiß, wer ihn geholt hat, jeder weiß auch, dass da die Werte-Union etwas anders tickt. Aber das muss die CDU beantworten, nicht ich."

Wenn es der SPD-Politiker am Ende nicht in den Bundestag schafft, würde er es wohl sportlich nehmen. "Jeder hat es hier verdient, auch einmal gewürdigt zu werden und die Chance zu haben, sich einzubringen", sagt Ullrich.

Einige Teilnehmer der Diskussionsrunde am Donnerstagabend (v.l.n.r.): Gerald Ullrich (FDP), Hans-Georg Maaßen (CDU), Jürgen Treutler (AFD) und Frank Ullrich (SPD).

Aus der Hauptstadt in die ostdeutsche Provinz

Klar ist: Ohne Maaßen wäre Wahlkreis Nummer 196 kein überregionales Thema. Bei der Wahlarena steht der 58-Jährige ungewohnterweise nicht im Mittelpunkt, er ist nur einer von sechs Kandidaten. In den Pausen wartet er mit seiner Begleitung am Rand, während die anderen Kandidaten zusammenstehen. Man kennt sich, man frotzelt miteinander. Die Grüne mit dem Linken, der FDP'ler mit dem Kandidaten der SPD, selbst AfD-Mann Jürgen Treutler wird nicht ausgegrenzt.

Maaßen hingegen ist wie der Neue in der Klasse. Aus der Hauptstadt in die ostdeutsche Provinz gezogen. Angelockt von der lokalen CDU, nachdem ihr der bisherige Mandatsträger Mark Hauptmann nach Lobby- und Korruptionsvorwürfen abhandengekommen ist.

Nun soll es also Maaßen richten. In der Diskussionsrunde wirkt Maaßen aber ambitionslos. Der Ex-Verfassungsschutzchef bringt sich in das Zwiegespräch – bis auf eine Ausnahme – nur dann ein, wenn er direkt von den Moderatoren angesprochen wird. Eingaben, insbesondere die der Grünen-Kandidatin Erben, quittiert er mit Augenverdrehen oder Kopfschütteln.

Während die anderen Kandidaten – vorneweg FDP-Politiker Gerald Ullrich, der bereits seit 2017 im Bundestag sitzt – ihre Erfahrungen mit der Wirtschaft in der Region teilen und engagiert ihre Positionen vortragen, bleibt Maaßen abstrakt. "Der Unternehmer ist aus meiner Sicht der Gaul, der den Karren zieht. Und auf den Karren ist in den letzten Jahren immer mehr drauf geworfen worden, was der Unternehmer ziehen muss", sagt Maaßen in der großen Diskussionsrunde. Deshalb müsse es "grundlegende Veränderungen" in Deutschland geben – welche, lässt Maaßen offen. Er verweist lediglich auf das Regierungsprogramm seiner Partei.

Dabei ist Maaßen in Südthüringen angetreten, um der AfD die Wähler abspenstig zu machen. Seit seiner Nominierung Ende April fällt er vor allem mit scharfen Attacken auf Linke und Medien, sowie mit Warnungen vor der Einführung einer "Öko-Planwirtschaft" auf. Doch warum sollten die Anhänger der AfD Maaßen wählen, wenn sie das Original haben können? Noch dazu in Person von Treutler, der seit Jahrzehnten in der Region verwurzelt ist und weit bodenständiger daherkommt. Auch die Wirtschaftsvertreter an diesem Abend machen kaum einen Hehl daraus, dass ihre volle Zuneigung Gerald Ullrich von der FDP gilt – und dass sie von Maaßen nicht allzu viel für die Region erwarten.

Alle da, die Moderatoren und die Bewerber um das Direktmandat in Südthüringen - nur Maaßen fehlt beim abschließenden Gruppenfoto.

"Wo ist eigentlich Maaßen?"

Ein kurzes Gespräch nach der Veranstaltung lehnt der CDU-Politiker ab. Er sei "sehr müde", sagt Maaßen und verschwindet. Derweil stellen sich die anderen Kandidaten zum gemeinsamen Gruppenfoto auf. "Wo ist eigentlich Maaßen?", fragt einer der Wartenden.

Der Kandidat der CDU hat das Haus bereits verlassen. Ohne Verabschiedung. Ohne Corona-konformen Faustgruß. Ohne Worte. Selbst AfD-Kandidat Treutler und Ullrich von der SPD plaudern noch draußen auf dem Parkplatz. Außenseiter an diesem Abend ist ein anderer.

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