Jean-Claude Juncker legt einen launischen Auftritt bei Sandra Maischberger hin – und zeigt sich gegenüber der Gastgeberin nachtragend. Ein Virologe räumt mit Mythen über den Corona-Virus auf, warnt vor Panik, kritisiert aber die Politik.

Eine Kritik

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Mit einem Hang zur Selbstironie ist Donald Trump bislang nicht aufgefallen, also war es wohl ernst gemeint, was da zu hören war nach der Pressekonferenz mit Benjamin Netanjahu zum Friedensplan in Nahost: "What a wonderful world", der Evergreen von Louis Armstrong, ertönte im Weißen Haus.

Im Schnellcheck bei "maischberger. die woche" am Mittwochabend zeigt sich die Welt aber nicht in allerbester Verfassung: Corona-Virus, Brexit – und ein "Deal des Jahrhunderts", hinter den man gar nicht genug Fragezeichen setzen kann.

Sandra Maischberger serviert all die Miseren wie immer in Häppchen, besser verdaulich werden sie dadurch nicht. Vor allem, weil Maischberger mit ihrem konfusen Format zu kämpfen hat – und mit einem nachtragenden Jean-Claude Juncker.

Das sind die Gäste bei "maischberger. die Woche"

Auch wenn er sich nicht zum Trump-Versteher aufschwingen will: Immerhin sei der Ansatz, die arabischen Verbündeten der Palästinenser ins Boot zu holen, ganz interessant, sagt "Welt"-Journalist Robin Alexander. "So weltfremd wie es aussieht, ist der Vorschlag nicht." Die "taz"-Redakteurin Anja Maier wähnt den Nahen Osten allerdings auf dem Weg "Richtung Konflikt" - und den Plan schon vor dem Scheitern.

Den deutschen Ex-Außenminister Sigmar Gabriel zählt Maier wegen seines Engagements bei der Deutschen Bank an: "Es ist offensichtlich, dass er sein Adressbuch versilbern will." Maier wirft Gabriel "Hybris" vor: "Nahles geht zu ihren Pferden, Gabriel macht sich wichtig."

TV-Moderator Joachim Llambi verteidigt Gabriel - formal sei alles korrekt abgelaufen. "Also lassen wir den Mann das machen, wozu er Lust hat – aus welchen Gründen auch immer."

Das ist das Rede-Duell des Abends

Ein paar Stunden, nachdem die Abgeordneten in Brüssel beim tränenreichen Abschied der Briten aus dem EU-Parlament "Auld lang syne" gesungen haben, nimmt Ex-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im Kölner Studio von Maischberger Platz.

Was für ein historischer Moment - und was für ein Gast, um ihn zu besprechen. Aber Maischberger verwendet lieber wertvolle Minuten auf bohrende Fragen zu den allseits bekannten Marotten des Luxemburgers, die schon im Einspieler zur Erschöpfung präsentiert wurden: Juncker gibt Küsschen links, Küsschen rechts, verwuschelt Haare, nennt Viktor Orbán einen "Diktator". Alles schon tausendmal gesehen.

Juncker antwortet kurz, manchmal nur mit einem Wort. Und erinnert Maischberger ganz uncharmant daran, dass sie ihn mal als belgischen Premier vorgestellt hat. "Kleine Länder", frotzelt Maischberger. "Und dann eine große Journalistin aus einem großen europäischen Land", sagt Juncker. Der sich übrigens, anders als Trump, sehr wohl auf Ironie versteht.

Immerhin geht es dann doch noch um Politik, und da stemmt sich Juncker entschieden gegen das "nationalistische Gift": "Europäer dürfen sich nicht gegeneinander aufbringen lassen." Den Brexit sieht er nicht als persönliche Niederlage, weil die EU den Briten einfach nicht weiter habe entgegenkommen können. Zumal er den Brexit habe kommen sehen: Bei einer Wette mit einem britischen Kollegen habe er den Ausgang des Referendums richtig vorhergesagt. Der Gewinn: 1 Pfund.

"Es war einleuchtend, wenn man 45 Jahre lang dabei ist, aber immer sagt: Wir fühlen uns nicht wohl." Für Boris Johnson hat Juncker dann noch einen kleinen Seitenhieb übrig, mit feinem englischen Understatement: "Er ist ein nicht in allen Teilen sich verständlich ausdrückendes Gesamtkunstwerk."

Das ist der Moment des Abends bei "Maischberger. Die Woche"

Wer zu den Menschen gehört, die sich schon mit Atemmasken eingedeckt haben, wird sie nach diesem Gespräch vielleicht verschämt in die unterste Schublade verräumen: Sachlich und nüchtern räumte der Virologe Alexander S. Kekulé mit Mythen und Halbwahrheiten über den Corona-Virus auf. In Kurzfassung: Ja, es gibt ein Problem. Aber für deutsche Bürger keinen Grund, in Panik zu verfallen.

Wobei zur Ehrenrettung aller Verunsicherten gesagt sei: Nur selten wird die Sachlage so klar auf den Punkt gebracht. Der Virus ist gefährlicher als ein "normaler" Grippe-Virus, weil prozentual mehr Infizierte sterben, erklärt Kekulé. Die meisten Erkrankungen verliefen allerdings recht harmlos, Sorgen mache er sich nicht: "Der Virus ist charmanterweise bekämpfbar. Es wird keinen Weltuntergang geben."

Um die Lage unter Kontrolle zu halten, müsse die Regierung allerdings Einreisekontrollen einführen, diagnostische Tests bereitstellen – und ihre Kommunikation verbessern: "Wenn Leute Atemschutzmasken kaufen – was völlig irrational ist, außer Sie wollen nach Wuhan – zeigt das einen Vertrauensverlust."

Einen klassischen Fall von "too much information" lieferte die ehemalige China-Korrespondentin Ariane Reimers, die einen der Märkte beschrieb, die angeblich die Brutstätte des Corona-Virus sein sollen: "Sehr viele lebende Tiere in Käfigen, alles was Geflügel ist, Schildkröten, Schlangen, Ratten, danaben schon geschlachtetes Fleisch. Das könnte gefährlich sein." Das leuchtet ein, auch ohne Virologie-Kenntnisse.

So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

Ihre beste Leistung hat die Gastgeberin vor der Sendung abgeliefert: mit der Entscheidung, das Thema Zwangsheirat auszusparen, obwohl um 20.15 Uhr der Film "Nur eine Frau" über den Ehrenmord an Hatun Sürücu lief. Eigentlich ein guter Aufhänger - mit einem Haken: Maischberger hat den Film produziert. "Und es hat ein Geschmäckle, wenn die Produzentin einlädt, um über ihren Film zu diskutieren", sagte sie der "Bild".
Ansonsten brachte Maischberger die Sendung mal wieder im Fehlfarben-Modus über die Bühne: "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht." Was klappen kann, wenn die Vorbereitung stimmt. Wenn.

"Let's dance"-Juror Llambi verwandelte den Tod von Basketball-Ikone Kobe Bryant, dessen Tochter und sieben weiterer Menschen innerhalb von 30 Sekunden in eine witzlose Geschichte über seinen Jugend-Spitznamen. Mehr war die Geschichte Maischberger offenbar nicht wert - ein tragischer Tod als Smalltalk, als Aufhänger für ein paar müde Lacher. Hauptsache schnell weitermachen, nur fällt Sandra Maischberger partout nicht ein, worüber sich Robin Alexander diese Woche angeblich so gefreut haben soll, und auch Alexander selbst steht auf dem Schlauch, bis der rettende Hinweis von Kollegin Anja Maier den peinlichen Leerlauf beendet: Ach ja, die Nackensteaks.

Das ist das Ergebnis

Weil sich die drei Kommentatoren im Eiltempo am sehr dünnen roten Faden dieser Sendung entlanghangeln müssen, bleibt naturgemäß wenig Zeit für Tiefgang. Trotzdem muss man es erstmal schaffen, gerade zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz (durch sowjetische, nicht russische Truppen, wie Maischberger sagte) so wenig Substanz zum Thema Antisemitismus in Deutschland abzuliefern wie Anja Maier und Robin Alexander.

Für die "taz"-Redakteurin Maier ist es offenbar eine frische wie verblüffende Erkenntnis, "dass es Antisemitismus offensichtlich die ganze Zeit gab." Was entweder missverständlich formuliert ist oder von schlechter Beobachtungsgabe zeugt. Ihr "Welt"-Kollege Robin Alexander verortete den Antisemitismus am rechten und linken Rand sowie unter Zuwanderern - dabei belegt etwa die FES-Mitte-Studie von 2014, dass antisemitische Denkmuster quer durch die Bevölkerung existieren.

Alexander selbst entfuhr in der Diskussion um das Tempolimit ein bedenkenswerter Satz: Man könne jede Position einnehmen, sagte der Journalist, nur müsse man sie mit Argumenten unterlegt werden. "Aber wie hier der Diskurs geführt wird, aus einer schlanken Hand zusammengerollt, so geht das nicht." Ein Satz, den sich die Redaktion mal durch den Kopf gehen lassen sollte.

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