Anne Will spricht mit Martin Schulz über seine Kanzlerkandidatur. Der SPD-Mann reagiert teils dünnhäutig auf die Fragen. Er macht eine überraschende Alkoholbeichte und vergleicht sich mit Barack Obama.

Patrick Mayer
Eine Kritik
von Patrick Mayer

Martin Schulz soll es für die SPD bei der Bundestagswahl 2017 gegen Angela Merkel (CDU) also richten. Ein Mann, der noch nie Teil einer Regierung war will aus dem Stand deutscher Regierungschef werden. Anne Will holte den 61-Jährigen bei dessen erstem Interview als Kanzlerkandidat für die Sozialdemokraten prompt aus der Reserve. Es ging darum, wie er die SPD als Parteichef neu aufstellen wolle. Was er Merkel entgegen bringen wolle. Und worum es bei seiner Politik im Kern gehe.

Alkoholbeichte von Martin Schulz

Doch anfangs schilderte Schulz auf eine Frage Wills hin erstmal bemerkenswert ehrlich von einer schweren Zeit in seinem Leben, die er mit Anfang zwanzig gehabt habe. Es war eine Alkoholbeichte. "Ich bin als junger Mann vom rechten Weg abgekommen. Menschen haben nicht immer gerade Lebenswege, jeder hat eine zweite Chance verdient", sagte er und erzählte von einstmals übertriebenen Ambitionen, seinem damals großen Traum, Fußballprofi zu werden. Schulz wirkte authentisch, teils aber sehr dünnhäutig. Will stellte mitunter provokante Fragen, mindestens sehr direkte. Zum Beispiel, als es um das Thema Selbstüberschätzung ging. Das brachte Schulz zwischenzeitlich aus dem Konzept - oder zumindest zum Grübeln.

Martin Schulz zeigt großes Selbstbewusstsein

Unmittelbare Antworten wie die Kanzlerin, ohne zu zögern, hat er offenbar (noch) nicht drauf. Dennoch zeigt er ein großes Selbstbewusstsein. "Ich habe keine Regierungserfahrung, ja. Dieses Schicksal teile ich aber mit Barack Obama. Der hatte auch keine Regierungserfahrung und war amerikanischer Präsident", meinte er etwa. Schulz erzählte von seinen elf Jahren als Bürgermeister der Kleinstadt Würselen bei Aachen. Er sieht seine Herkunft aus der Kommunalpolitik als Vorteil. "Nicht die Debatte im Bundestag, sondern die Erfahrungen der Menschen im Alltag muss ein Bundeskanzler berücksichtigen", sagte er und erzählte davon, wie er tagtäglich mit den Problemen und Sorgen der Menschen konfrontiert werde. Schulz: "Dieses Wissen würde ich mit ins Kanzleramt nehmen."

Martin Schulz: Stehe für Solidarität in Deutschland

Er stehe für Solidarität im Land, sagte er und gab auch den knallharten Politiker. "Leuten, die auf einem Bahnhofsvorplatz unsere Frauen angreifen" wolle er die Regeln der Bundesrepublik Deutschland klarmachen. Er sei zudem "sowohl gefühlt als auch faktisch der bessere Kandidat" als der wegen ihm zurückgetretene, frühere Parteichef Sigmar Gabriel. Er sprach von besseren Einkommen, sicheren Jobs, der schwer arbeitenden Mittelschicht Deutschlands, bei der sich ein Gefühl von Unsicherheit breitmache. Er brauche einen Vertrauensvorschuss, um für diese Leute einzustehen, sagte er.

SPD-Chef verzettelt sich in Diskussion

Hehre Ziele, und eine pathetische Rhetorik, doch Schulz verzettelte sich mit fortschreitender Dauer der Sendung in einer wenig Ziel führenden Diskussion mit Will, warf ihr "spaßige Fragen" vor und beschwerte sich: "Wir haben es schwer miteinander heute Abend." Diese Art war völlig unnötig, bedenkt man, dass er alleine sprach und sich nicht etwa in einer Runde der Kritik anderer erwehren musste. Es hat einen faden Beigeschmack. Schulz blieb auch zu unkonkret. Als es um seine Programmatik ging, was er als Bundeskanzler vorhätte, wich er überraschend aus, sagte, er wolle keine Versprechungen machen, die er hinterher nicht halten könne. Wenig souverän. "Da winden Sie sich gerade raus", meinte Will. Auch dieser Einwand passt ihm so gar nicht. Schulz: "Da möchte ich eine mögliche Wählerin überzeugen", sagte er, "habe aber eine Will dazwischen sitzen, die mir bei jedem dritten Wort ins Wort fällt."

Martin Schulz nennt keine möglichen Koalitionspartner

Auch auf mögliche Koalitionspartner wollte er sich nicht festlegen, glaubt dagegen fest daran, die SPD wieder zur stärksten Partei in Deutschland zu machen. Ansagen hin oder her: Das dürfte schwierig werden. Laut ZDF-Politbarometer ist die SPD mit 24 Prozent momentan klar hinter CDU/CSU (36 Prozent).

Dennoch sei Merkel gerade wegen der Schwesterpartei CSU verwundbar, "die sie bis heute noch nicht als Kanzlerkandidatin bestätigt hat". Schulz fühlt sich dagegen offenbar als geeigneter Herausforderer bestätigt. Dem Wahlkampf tut das nur gut. Ihm täte etwas mehr Kritikfähigkeit aber auch nicht schlecht. Das zeigte schon sein erstes großes Interview als Gegenspieler Merkels.