Sebastian Rudy setzt beim FC Bayern und in der Nationalmannschat Akzente. Aus dem einst unscheinbaren Mitläufer könnte bei beiden Teams in Zukunft eine tragende Säule werden.

Oft sind es die wenig besungenen Helden, die große Triumphe erst möglich machen. Torschütze Mario Götze? Klar. Kämpfer Bastian Schweinsteiger? Natürlich.

Aber wer erinnert sich an Benedikt Höwedes‘ starke Leistung im WM-Finale gegen Argentinien? Wer an die treuen Dienste von Guido Buchwald für Lothar Matthäus oder von Katsche Schwarzenbeck für Franz Beckenbauer?

Nun ist die deutsche Nationalmannschaft noch sieben Siege von einem neuerlichen WM-Triumph entfernt, mit dem 3:1-Sieg in Belfast gegen Nordirland wurde ja erst die Mindestanforderung der erfolgreichen Qualifikation erreicht.

Dem Bundestrainer fehlt eine komplette Elf. Gut, dass er diese Spieler hat.

Und Sebastian Rudy ist nach einhelliger Meinung auch noch kein etablierter Nationalspieler, geschweige denn einer, der in den ganz wichtigen Spielen eine tragende Rolle spielen könnte. Aber wenn seine Entwicklung so weiter geht, könnte er 2018 in Russland die Höwedes-Buchwald-Schwarzenbeck-Rolle spielen.

Vom Feuerwehrmann in die Mittelfeldzentrale

Rudy ist ein Spätberufener, im Alter von 27 Jahren haben andere in der Nationalmannschaft schon an die 100 Länderspiele absolviert. Er durfte in Belfast am Donnerstagabend "erst" seinen 21. Einsatz verbuchen.

Bisher war das mit Rudy ja so, dass er von Bundestrainer Joachim Löw im DFB-Team hin und her geschoben wurde. Rudy war mal Innenverteidiger, der äußere Teil der Viererkette, dann das rechte Glied in einer Dreierkette.

Aber nicht etwa weil er als Außenverteidiger so eine herausragende Figur abgegeben hätte - sondern weil es auf den Außenbahnen selbst in einem herausragend besetzten Kader wie jenem von Deutschland immer mal wieder stark hakte.

Bis vor einem Jahr war er eine Art Feuerwehrmann für Löw, der immer dort aushalf, wo gerade Not war.

Doch dann änderte sich das - nach einem Testspiel gegen Italien ziemlich genau vor einem Jahr.

Rudy hat sich festgespielt, dort, wo er sein Können am besten zeigen und im Sinne der Mannschaft einbringen kann: In der Mittelfeldzentrale.

Seitdem hat er in elf von 13 Spielen der Nationalmannschaft auf dem Platz gestanden, neun Mal davon von Beginn an.

EM-Aus als großer Antrieb

Ein paar Monate zuvor hatte er eine der schwersten Stunden seiner Karriere zu verkraften.

Als fast schon sicherer Kandidat für einen Platz im EM-Kader wurde Rudy mit drei weiteren Spielern vom Bundestrainer doch noch gestrichen. Diesen Tiefschlag hätten einige andere wohl nicht so einfach weggesteckt.

Rudy dagegen kam die Wut und die Enttäuschung im Nachhinein betrachte gerade recht.

"Die Nichtnominierung in den EM-Kader löste ein Jetzt-erst-recht-Gefühl in mir aus. Das ist sicherlich auch ein Schlüssel für meine gute Saison bisher", sagte er im Laufe der abgelaufenen Saison, in der er in Hoffenheim unter Julian Nagelsmann einen nicht mehr für möglich gehaltenen Leistungssprung machte, der ihn letztlich sogar bis zum FC Bayern spülte.

Dort wurden im Transfersommer etliche Namen durchbesprochen und analysiert. Der von Rudy fand kaum einmal Erwähnung.

"In der Berichterstattung vor der Saison hatte man das Gefühl, dass der FC Bayern gar keine Neuzugänge hat. Süle und Rudy sind da total untergegangen", rügte Bayern-Präsident Uli Hoeneß.

Vielleicht, weil der Spieler ablösefrei wechselte und im Ensemble der Bayern ohnehin nur als Kaderauffüller gesehen wurde - wie so viele andere vor ihm auch schon.

Oder sogar nur als Dreingabe der Hoffenheimer für den gleichzeitig vollzogenen Deal mit Niklas Süle, immerhin 20 Millionen Euro schwer.

Ein bisschen wie Toni Kroos

Rudy selbst wagte sich damals tatsächlich nach vorne und formulierte recht selbstbewusst seine Sicht der Dinge.

"Wenn ich nicht total überzeugt wäre, hätte ich den Schritt nicht gemacht. Ich gehe nicht als Talent nach München, sondern als Nationalspieler und Kapitän eines Champions-League-Kandidaten", sagte er der "Süddeutschen Zeitung" in einem seiner seltenen Interviews. "Als das Bayern-Angebot kam, war ich selbstbewusst genug zu sagen: Das passt. Die haben sich da nicht geirrt."

Vielleicht liegt die allgemeine Nichtbeachtung auch daran, dass Rudys Spiel und seine Art so gar nicht passen zum marktschreierischen Fußball der Moderne.

So wie sich der gebürtige Schwabe gibt, so spielt er auch Fußball: Unaufgeregt, leise, zuverlässig, solide, pragmatisch.

Das fällt dann selten auf, es fehlen die spektakulären Momente für die Galerie und ein Tor wie jenes gegen die Nordiren ist eins der wenigen lauten Ausrufezeichen.

Ansonsten wird von Rudy dirigiert und repariert, es wird geordnet und der Ball im steten Fluss gehalten. Und das mit einer nonchalanten Kreativität, die oft erst auf den zweiten Blick auffällt.

Ein wenig teilt er damit das "Schicksal" von Toni Kroos. Der wurde jahrelang auch als Querpasskönig missverstanden, als unscheinbare Figur im schillernden deutschen Ensemble.

Erst der Wechsel von Kroos zu Real Madrid und die vielen Titel, die er seitdem mit den Königlichen gesammelt hat, haben sein Standing bei den Fans deutlich verbessert.

Rudy ist keine Marke

So oder so ähnlich könnte das nun auch bei Rudy kommen. Bei den Bayern fiel er in den letzten Wochen auch ein bisschen in ein Loch.

Dass er diese nach Halt und Stabilität suchende Mannschaft aber bereichern kann, dürfte mittlerweile außer Frage stehen. Ebenso wie die Nationalmannschaft, ein starker Auftritt wie der in Belfast gehört mittlerweile schon zum Standard.

Sebastian Rudy ist keine Marke, er hat keinen so genannten "Signature Move", keine peinlich einstudierte Jubelgeste, wenn er mal ein Tor erzielt.

Er hat keine extravagante Frisur oder treibt sich auf Vernissagen oder bei Mode-Labels rum. Das lässt ihn unscheinbar wirken und es macht ihn ganz sicher nicht vermarktbar.

Aber sportlich ist er derzeit aber über alle Zweifel erhaben. Bei den Bayern macht er derzeit den besseren Eindruck als Zauberfuß Thiago und ersetzt Xabi Alonsos nach dessen Abgang. In der Nationalmannschaft hat er das Fehlen von Sami Khedira, Ilkay Gündogan oder Julian Weigl mit Bravour aufgefangen.

"Sebastian ist der am meisten unterschätzte deutsche Topspieler", hat Michael Reschke einst gesagt. Bayerns ehemaliger Kaderplaner hat Rudy erst zu den Münchenern geholt - entgegen aller Bedenken und Zweifel.

Auch Reschke darf sich mittlerweile wohl mehr als bestätigt fühlen in seiner Einschätzung.