• Die deutsche Nationalmannschaft verabschiedet sich mit einem wichtigen Sieg gegen Italien in die Sommerpause.
  • Bundestrainer Hansi Flick hat nach dem 5:2 wieder mehr Ruhe und sieht sich auf seinem Weg bestätigt - wenngleich es immer noch eine Menge zu tun gibt.
Eine Analyse

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Am Ende war es an den üblichen Verdächtigen, den Abend auf den Punkt zusammenzufassen. Der Bundestrainer sprach zum Fußball-Volk, sein Kapitän ebenfalls und natürlich Thomas Müller, der ja irgendwie immer und zu allem etwas zu sagen hat.

Müller traf das wohl treffendste Fazit, nicht nur der Partie gegen Italien, sondern auch der bisherigen Nations-League-Kampagne seiner Mannschaft. "Wir haben noch allerhand Defizite, um hier von einer perfekten Mannschaft zu sprechen, die keiner schlagen kann", sagte der Münchner, was sich einigermaßen überkritisch anhörte nach einem fulminanten 5:2-Sieg über den amtierenden Europameister.

Aber Müller hatte ja Recht: Vor der Partie gegen die völlig neu zusammengestellte italienische Mannschaft war trotz der unbefriedigenden Ergebnisse nicht alles schlecht und nun, nach fünf Toren und dem höchsten Sieg gegen den Angstgegner in der langen DFB-Historie, war auch nicht auf einmal alles wieder gut.

Vor WM in Katar: Diese Mannschaft ist immer noch schwer zu packen

Es gehört immer noch zu dieser Mannschaft, dass sie schwer zu packen ist, eine Einschätzung oder sogar Kategorisierung verbietet sich auch wenige Monate vor der Weltmeisterschaft: Ob Deutschland nun immer noch eine Mannschaft auf der Suche nach sich selbst nach Katar schicken wird, eine in sich gefestigte Einheit mit dem Potenzial für eine mittelgroße Überraschung oder sogar als einer der Favoriten ins Emirat reisen wird? Man weiß es immer noch nicht so genau.

Nach dem spielerisch sehr mageren Remis gegen die Ungarn ein paar Tage zuvor und gleich vier Remis in Folge wurde das letzte Spiel vor der Sommerpause zu einem echten Meilenstein in der Vorbereitung auf die WM und für die Entwicklung der Mannschaft. Umso praktischer, dass Italien mit seiner auf zwölf Kaderplätzen umgebauten Mannschaft, einer Art Sichtungs- und Talentteam, anders als noch im ersten Spiel in Bologna in allen Belangen deutlich unterlegen war.

Der Europameister konnte dem deutschen Druck und der deutschen Geschwindigkeit kaum standhalten, wurde von der Geradlinigkeit der deutschen Angriffe ein ums andere Mal überrascht und spielte so unitalienisch, wie man selten eine Mannschaft in Blau und Weiß gesehen hat. Mit einfachen, aber teilweise perfekt ausgeführten Elementen dominierte Deutschland den Gegner und deutete an, was auch beim ersten großen Turnier mit Hansi Flick in der Verantwortung von der Mannschaft zu erwarten ist.

Flick gibt Bewährungschancen und bedankt sich bei seiner Mannschaft

Flick hatte die Partie im Vorfeld zum "Stresstest" ausgerufenen und machte dabei schon bei der Aufstellung ein paar klassische Flick-Dinge: Leroy Sane und Timo Werner durften sich noch einmal beweisen. Um die beiden Angreifer tobten in den Tagen davor die Debatten, also gab der Bundestrainer dem Duo im letzten Spiel der Saison und vor eigenem Publikum in Mönchengladbach noch eine Bewährungschance.

Seiner Mannschaft gab er seine Philosophie mit auf den Weg: Diese Mischung aus Positionsspiel und Umschaltmomenten in der Offensive, das sehr hohe Verteidigen mit der Abwehrkette auf Höhe der Mittellinie, das sehr aggressive Gegenpressing aus einer guten Staffelung im eigenen Ballbesitz. Da war nicht viel Neues dabei, nur setzte die Mannschaft die Vorgaben ihres Trainers nun konzentrierter und konsequenter um.

"Ich muss der Mannschaft für die Zeit danken, sie hat sehr viel investiert. Bei den drei Unentschieden waren viele Dinge nicht gut, viele waren sehr gut. Heute war es ein kleiner Stresstest. Man muss der Mannschaft ein Riesenkompliment machen, für die Art und Weise, wie sie Fußball gespielt hat. So stellen wir uns das vor. Es war eine sehr gute Mannschaftsleistung, die Achse hat funktioniert. Wir waren sehr ballsicher und haben immer eine Lösung gefunden", sagte Flick nach dem Spiel. Der Sieg sei mehr als verdient gewesen, "deswegen können wir mit einem super Gefühl in die Pause gehen. Das war ein guter Abschluss für uns alle. Siege sind wichtig, weil sie gut fürs Selbstvertrauen sind."

Etwas Ruhe nach ein wenig Rumoren zuletzt

Und sie sind wichtig, weil mit Erfolgen auch Ruhe einkehrt. Zuletzt hatte es durchaus ein wenig rumort, die 90 Minuten gegen Italien sollten gefühlt schon wieder darüber entscheiden, ob Flick nun überhaupt der richtige Trainer sein konnte für diese Mannschaft - oder Deutschland ein Topfavorit auf den WM-Titel ist. So stark oszilliert das Befinden, wenn es nach Meinungsbildern in den sozialen Medien geht.

Für Flick und seine Mannschaft war der Sieg gegen Italien insofern sehr wichtig, weil er Bestätigung brachte für die Arbeit der letzten zehn Monate und alle Beteiligten mit einem guten Gefühl in die Sommerpause schickte. Die Gefühlslage bei einer möglichen Niederlage oder einem fünften Remis in Folge wollte man sich besser erst gar nicht ausmalen. Man benötigt jedenfalls nicht zu viel Fantasie bei der Vorstellung, wie die Stimmung ein Jahr nach dem Wechsel von Joachim Löw zu Hansi Flick schon wieder auf einen Tiefpunkt gesunken wäre.

Der September wird entscheidend

Für den Bundestrainer waren die rund drei Wochen im Kreis seiner Mannschaft so etwas wie eine vorgezogene WM-Vorbereitung, deren Feinschliff nun Ende September erfolgen muss. In den beiden letzten Spielen der Nations League geht es nicht nur um den möglichen Einzug ins Halbfinale dieses Wettbewerbs, sondern auch um die ganz konkrete Einstimmung auf das WM-Endturnier, das dann schon rund sechs Wochen später beginnen wird - mit lediglich einem einzigen weiteren Testspiel im Vorfeld.

Deshalb misst Flick den Partien in England und zu Hause gegen Ungarn auch eine sehr hohe Bedeutung zu. Dann geht es um die Feinjustierung, nachdem er in den vier Spielen der Nations League noch ordentlich experimentiert hatte: 23 Spieler setzte der Bundestrainer ein. "Im September müssen wir an der einen oder anderen Stellschraube drehen. Denn es war nicht alles gut."

Thomas Müller fehlen oft die "fußballschlauen Dinge"

Und auch Müller sprach die "fußballschlauen Dinge" an, die die Mannschaft unbedingt noch verbessern müsse. Es bleibt der Eindruck, dass diese Mannschaft eine ganze Menge Talent mitbringt, ihre Puzzleteile aber immer noch nicht ganz sauber zusammenfügen konnte. Und besonders viel Zeit bleibt im Hinblick auf die WM dafür auch nicht mehr.

Aber: Trotz der unübersehbaren Probleme hat Deutschland am Ende einer sehr langen und sehr strapaziösen Saison und nun dem dritten Sommer mit einer deutlich reduzierten Spielpause für die stark belasteten Spieler mehr als ordentliche Auftritte hingelegt. Andere Nationen hatten da teilweise erhebliche Probleme, Weltmeister Frankreich ist in seiner Gruppe ebenso Letzter und vom Abstieg in die B-Staffel der Nations League bedroht wie England. Beide sind nach vier Spielen ohne Sieg, Frankreich verlor am Dienstag zu Hause 0:1 gegen Kroatien, England kassierte beim 0:4 gegen Ungarn die schlimmste Heimniederlage der Neuzeit. Italien steckt mitten um Neuaufbau - und darf bei der Weltmeisterschaft gar nicht erst mitspielen.

Verwendete Quellen:

  • Kicker.de: Müller genießt und mahnt: Defizite bei "fußballschlauen Dingen"