Zehntausende Fußballfans pfiffen beim DFB-Pokal-Finale Helene Fischer gnadenlos aus. Die Sängerin bekam den Unmut der Anhänger von Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund zu spüren, die mit ihrer Aktion ein klares Zeichen setzten. Nicht gegen Fischer, sondern gegen den Deutschen Fußball-Bund. Dem Verband kann man nur raten, die Botschaft ernst zu nehmen.

Ein Kommentar
von Swen Thissen

Helene Fischer war, das kann man verkürzt so zusammenfassen, einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Sängerin war nach Berlin gekommen, um während des DFB-Pokalfinals Werbung in eigener Sache zu machen.

Doch aus dem Promo-Auftritt fürs neue Album wurde das größte Pfeifkonzert, das Fischer wohl jemals erlebte. Die 32-Jährige ertrug die Demütigung tapfer und zog ihre Show durch. Auch nach der Partie kam ihr kein einziges Wort der Enttäuschung über die Lippen.

Fischer ist eben ein echter Profi - und als solcher dürfte ihr schnell klar geworden sein, dass nicht sie selbst das Problem war. Denn das liegt an ganz anderer Stelle.

Helene Fischer als Symbol für die Eventisierung des Fußballs

Dass Fischer überhaupt in der Halbzeit des Endspiels auftreten durfte, zeigt nämlich, wie wenig Ahnung (oder Gespür) die Verantwortlichen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) von Fußballfans und deren Problemen haben. Und das ist bemerkenswert und erschreckend zugleich, schließlich wäre es ihr Job, einen modernen Fußball zu gestalten, der den Bezug zum wichtigsten Faktor des Sports nicht verliert: den Fans.

Die zwanghafte Inszenierung des Fußballs, die Eventisierung des Spiels, die Kommerzialisierung des Sports sind Entwicklungen, die den Kerngruppen der Fans, allen voran den Ultras, gehörig gegen den Strich gehen.

Der Fußballverband und die Deutsche Fußball Liga (DFL) nehmen darauf oft wenig Rücksicht. Sie versuchen mehr und mehr, aus dem Sport eine Show zu machen, um die Vermarktungsmöglichkeiten zu vergrößern und damit die Einnahmen zu erhöhen.

Wenn DFB und DFL neue Wege gehen, um noch mehr Geld einzunehmen, bekommen das unterm Strich immer zuerst die Fans zu spüren. Beispielsweise, wenn sie in Zukunft auch montags quer durch die Republik fahren müssen, um ihre Mannschaft live zu sehen.

Die Vereine selbst tun oft auch nur wenig, um diesen Trend umzukehren. Im Gegenteil. Manche befeuern ihn auch noch wie jüngst der FC Bayern München, der mit seiner Halbzeitshow am 34. Spieltag den Fairplay-Gedanken mit Füßen trat. Gleichzeitig ist mit RB Leipzig in der nun zu Ende gehenden Saison erstmals ein deutscher Klub in die Champions League eingezogen, der einzig und allein zu Marketingzwecken ins Leben gerufen wurde.

Eintracht- und BVB-Fans setzen gemeinsam ein Zeichen

Der Frust über all diese Entwicklungen entlud sich am Samstagabend. Und zwar schon vor der Partie, als sich die je rund 30.000 Fans von Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund "Scheiß DFB" im Wechselgesang quer durchs Rund des Berliner Olympiastadions zuriefen.

Noch deutlicher nahm Fußballdeutschland dann das von den Frankfurtern angetriebene und von den Dortmundern mitgetragene Pfeifkonzert wahr.

Es war ein Zeichen, das nicht zu überhören war. Zehn Millionen Menschen sahen das Fußballspiel vor den Fernsehern, das sind knapp 40 Prozent Marktanteil. Sie hörten, wie zwei der aktivsten und größten Fanszenen des Landes ein Zeichen gegen den Verband setzen. In einer Vehemenz, die an Lautstärke nicht zu übertreffen war.

Fredi Bobic, der Frankfurter Sportvorstand, brachte es anschließend auf den Punkt: "Die wahren Fans des Fußballs haben in der Halbzeitpause keine Lust auf Hollywood."

Die Stimmung könnte endgültig kippen

Eintracht Frankfurt hatte am Samstag nach knapp drei Jahrzehnten die Chance, endlich mal wieder einen Titel zu holen. Borussia Dortmund sehnte sich nach drei Finalniederlagen in Folge nach dem Pokalerfolg.

Wenn die Fans in einem für ihre Vereine solch wichtigen Moment Zeit und Kraft investieren, um ein Zeichen gegen die Eventisierung des Spiels zu setzen, sollten auch die Entscheider in der DFB-Verbandszentrale in Frankfurt erkennen, dass sie jetzt penibel darauf achten sollten, sich endlich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: den Sport.

Tun sie das nicht, könnte die Stimmung endgültig kippen. Dann könnten sich jene Fangruppen vom modernen Fußball abwenden, ohne die er kaum vorstellbar ist: Die treuesten Unterstützer, die Woche für Woche für die Stimmung in Deutschlands Stadien sorgen.

Der DFB wollte lange Zeit nicht wahrhaben, dass dieses Szenario denkbar ist. Helene Fischer bekam zu spüren, dass sich der Verband an dieser Stelle irrt.

Hoffentlich zieht der DFB aus den Pfiffen die richtigen Schlüsse und versteht endlich die Botschaft der Fans: Bis hierhin - und nicht weiter!