• Ein saudi-arabisches Konsortium hat Newcastle United übernommen.
  • Diese Übernahme zeigt noch einmal deutlich die Unterschiede zwischen Bundesliga und Premier League auf.
  • Während in England gerne mit Geld um sich geworfen wird, kann man sich in Deutschland zumindest über die eigene ethische Überlegenheit freuen.
Gastkommentar
Dieser Gastkommentar stellt die Sicht von Kevin Hatchard dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Als sich der Vorhang über Freiburgs Zeit im alten Dreisamstadion senkte, verabschiedete sich das Team aus dem Schwarzwald stilgerecht mit einem 3:0-Sieg über zuvorkommende Augsburger. Nach dem Schlusspfiff wandte sich Freiburg-Trainer Christian Streich per Megaphon an die Fans und vergoss danach von seinen Gefühlen überwältigt einige Tränen, während die Anhänger seinen Namen sangen. Er war mal wieder eine Szene fürs Herz, wie sie die Bundesliga so gerne hervorbringt.

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Freiburg ist ein Verein, der ständig positiv überrascht. Streichs unglaubliches Taktikverständnis und seine Fähigkeit Talente zu erkennen und zu entwickeln, halten die Freiburger im Oberhaus und wieder und wieder trotzen sie dabei der vorherrschenden Fußball-Logik. Wenn man tatsächlich unerschöpfliche Geldtöpfe braucht, um im Fußball wettbewerbsfähig zu sein, dann ist diese Nachricht noch nicht zu Streich und dem SC Freiburg durchgedrungen.

Ein gutes Team muss nicht teuer sein

Der SC Freiburg ist nicht der einzige Verein, der es trotz bescheidener Mittel geschafft hat, sich in der Bundesliga zu etablieren. Auch der FSV Mainz 05 oder der FC Augsburg haben gezeigt, dass es möglich ist, sich auch ohne eine glitzernde Vereinsgeschichte oder tiefe Taschen zu behaupten - solange man vernünftig und gewissenhaft geführt wird. Ja, vermutlich werden sie nie einen großen Titel gewinnen, aber sie können sich regelmäßig mit den großen Mannschaften wie dem FC Bayern oder Borussia Dortmund messen und sind attraktiv für junge Top-Talente.

Finanzielle Umsicht und sorgfältige Planung sind wichtige Säulen im deutschen Fußball und die 50+1-Regel sorgt dafür, dass die Bundesliga bisher nicht von reichen Investoren geflutet wurde, die die komplette Kontrolle über einen Klub wollen.

Zwar gibt es noch Kontroversen um den VfL Wolfsburg (gehört VW), Bayer 04 Leverkusen (gehört Bayer), die TSG 1899 Hoffenheim (wird von SAP-Gründer Dietmar Hopp finanziert) und die Beteiligung von Red Bull an RB Leipzig, aber grundsätzlich haben die Fans schon ein großes Mitspracherecht in ihren Klubs und können nicht einfach ausgeschlossen werden.

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Die Premier League schmeißt mit Geld um sich

Im Vergleich zur Bundesliga muss die Premier League auf deutsche Fans wie der Wilde Westen wirken, ein Ort des Grauens, dominiert von Gier und Maßlosigkeit, wo alles und jeder käuflich ist, solange man nur genug Geld zahlt. Laut "Transfermarkt.de" gaben die Premier-League-Klubs im vergangenen Sommer circa 1,43 Milliarden Euro aus, was einen Verlust von rund 637 Millionen Euro ligaübergreifend bedeutet. Die Bundesliga hingegen erwirtschaftete einen Nettogewinn von rund 33 Millionen Euro, für Transfers gaben die Klubs gerade mal 478 Millionen Euro aus.

Natürlich wäre es unfair, alle Premier-League-Klubs über einen Kamm zu scheren. Norwich City mit seinem deutschen Trainer Daniel Farke und Sportdirektor Stuart Webber, der offen zugibt, dass er die Arbeit der Bundesliga auf dem Transfermarkt bewundert, lässt sich nur allzu gerne von Deutschland beeinflussen.

Es sagt schon sehr viel über die englische Transfer-Obesession aus, dass die Canaries in den Medien heftig dafür kritisiert wurden sich mit großen Ausgaben zurückgehalten zu haben.

Wo bleibt die Moral?

Die Übernahme von Newcastle United durch ein saudi-arabisches Konsortium hat die moralischen Komponenten der Fußballeigner in den Fokus gerückt. Obwohl die neuen Besitzer von Newcastle und auch die Premier League derartige Anschuldigungen zurückweisen, so scheint es doch wirklichkeitsfremd und naiv, dass hier zwischen Konsortium und saudi-arabischem Staat tatsächlich eine ausreichende Trennung vorliegt.

Streich kritisiert Newcastle-Übernahme: "Überschreitet jegliches Maß"

Freiburg-Coach Christian Streich äußert sich mit großem Unverständnis zur Übernahme des englischen Erstligisten Newcastle United durch ein saudi-arabisches Konsortium. Der 56-Jährige kritisiert den gesamten englischen Fußballverband, der zulässt, dass solche Investoren sich überhaupt erst in der Premier League etablieren können. © ProSiebenSat.1

Es ist daher unausweichlich, dass nun auch einmal mehr Saudi-Arabiens Umgang mit Menschenrechten näher beleuchtet wird. Der Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi, der wiederholt das Saudi-Regime kritisiert hatte, ist dabei zu einer Art Blitzableiter für Kritiker der Newcastle-Übernahme geworden. Kritiker, die glauben, dass die Zugangsbeschränkungen für potenzielle Eigentümer sehr viel strenger sein sollten.

Der Verkauf von Newcastle an das saudi-arabische Konsortium wurde von manchen gar als "Sportswashing" bezeichnen. Eine Praxis, bei der Profisport dazu benutzt wird, ein Regime, dessen Praktiken ansonsten als verabscheuungswürdig und/oder inakzeptabel gelten, in einem wohlwollenden Licht erscheinen zu lassen. Wenn man so will, hat dieser Prozess in den sozialen Medien schon längst begonnen, wo Newcastle-Fans sich in einem "Whataboutery"-Marathon üben. Aber was ist eigentlich mit Katar? Und was ist eigentlich mit Manchester City und PSG? Und wenn du ein Problem mit saudi-arabischen Investoren hast, warum hast du dann kein Problem mit der Formel 1, oder Disney, oder Starbucks?

Der Investor strahlt auch auf den Klub ab

Amnesty International kam bei seiner letzten Beurteilung zu dem Schluss, dass die "Unterdrückung der Rechte auf freie Meinungsäußerung, Vereinigungsfreiheit und friedliche Versammlung" wieder zugenommen habe und dass Regierungskritiker, Menschenrechtsverteidiger und Frauenrechtsaktivistinnen schikaniert, willkürlich festgehalten und ins Gefängnis geworfen werden. Gerichtsverfahren werden als "grob unfair" beschrieben, und aufgrund der Pandemie war es noch leichter Gastarbeiter zu misshandeln und auszubeuten. Gerichte verhängen häufig die Todesstrafe und die Menschen werden für alle möglichen Verbrechen hingerichtet.

Ob es den Newcastle-Fans gefällt oder nicht, diese Probleme reflektieren nun auch auf ihren Klub. Wie kann sich Newcastle an einer Anti-Homophobie-Kampagne beteiligen, wenn die Hauptanteilseigner aus einem Land kommen, in dem gleichgeschlechtliche Sexualbeziehungen illegal sind? Amnesty International will sich in jedem Fall mit den Premier-League-Verantwortlichen treffen und die Übernahme im Hinblick auf die Sorge um Menschenrechte besprechen.

Allerdings habe ich sogar ein bisschen Verständnis für die Newcastle-Fans. Jahrelang mussten sie sich mit der herzlosen Eigentümerschaft von Sports-Direct-Gründer Mike Asheley herumschlagen, sie wollten einfach nur, dass sich etwas ändert. Und dieser Wunsch ging sogar so weit, dass einige nach Vollendung der Übernahme fröhlich in den Straßen von Newcastle tanzten und feierten.

Ich selbst kann gut darauf verzichten, dass derartige Konsortien meinen Klub kaufen, allerdings kann ich schon nachvollziehen, dass so eine riesige Finanzspritze erstmal aufregend ist. Und es lohnt sich auch im Hinterkopf zu behalten, dass die britische Regierung eine enge Handelsbeziehung mit Saudi-Arabien pflegt und schon Waffen im Millionenwert in das Land verkauft hat. Können wir an Newcastle-Fans wirklich höhere ethische Ansprüche stellen als unsere eigenen Regierungskräfte?

Lasst uns die Bundesliga genießen

Rund um die Newcastle-Übernahme und ganz allgemeine ethische Fragen im Fußball gibt es viele unangenehme Fragen, bei denen die Verantwortlichen häufig eine Antwort schuldig bleiben. Nicht einmal eine weltweite Pandemie hat es geschafft, die Preise auf dem Transfermarkt oder die Gehälter einzubremsen, viele Fans können es sich aufgrund der hohen Ticketpreise nicht mehr leisten ins Stadion zu gehen, und die Schere zwischen der Elite und dem Rest geht immer weiter auseinander.

Der deutsche Fußball ist nicht perfekt und wie Ultras und andere Fan-Organisationen nur zu gerne betonen, ist das Band zwischen Klub und Fans auch bei weitem nicht immer so stark und harmonisch, wie es sein sollte. Die Dominanz des FC Bayern ist ungesund, obwohl man den Bayern dafür keinen Vorwurf machen kann. Natürlich sehen auch die deutschen Fans die Transfersummen, die anderswo ausgegeben werden und auch sie fühlen, wie ihnen das grünäugige Monster auf die Pelle rückt. Aber solange die 50+1-Regel derartige Übernahmen wie in Newcastle verhindert, lasst es uns genießen. Lasst die Streichs und die Freiburgs gedeihen und lasst die Fans mitreden.

(Übersetzt von Sabrina Schäfer)
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