5:0 gegen die Bayern, 0:6 gegen Freiburg: Die Saison von Borussia Mönchengladbach ist ein einziger großer Widerspruch. Die Suche nach den Gründen für den Wankelmut der Mannschaft ist aber schwierig.

Eine Analyse
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Jetzt schlägt wieder die große Stunde der Geschichtsbücher. Die hat zwar noch nie jemand zu Gesicht bekommen, man kann sich diese Machwerke aber sehr gut als dicke Wälzer vorstellen, die deshalb immer dicker und dicker werden, weil sie ja dauernd aktualisiert werden müssen.

So wie jetzt, da Borussia Mönchengladbach sich vom SC Freiburg quasi zur Schlachtbank hat führen lassen. Beim Debakel im heimischen Borussia-Park stand es bereits nach 25 Minuten 0:5, genauso schnell hatte in der Bundesliga bislang nur eine Mannschaft geführt: nämlich Gladbach selbst, allerdings zu Hause bei einem 10:0-Sieg über Braunschweig. Das war vor 37 Jahren. Vor 26 Jahren hatte Gladbach zuletzt ein Heimspiel gegen Freiburg verloren.

Freiburg wiederum erzielte in einer Halbzeit sechs Tore durch sechs verschiedene Torschützen, das gab es in der langen Geschichte der Bundesliga tatsächlich noch nie. Und im Freiburger Mikrokosmos purzelten am Sonntagabend selbstredend noch einige weitere Rekorde. Man kann ohne zu übertreiben behaupten, dass dieser 5. Dezember 2021 ein denkwürdiger Tag war für die wackeren Breisgauer - und der tiefste Schlund der Hölle für Borussia Mönchengladbach.

Eberl: "Was für eine Scheiße passiert hier gerade?"

Fassungslos saßen die Verantwortlichen auf der Bank, sahen dem schlimmen Treiben auf dem Platz mit einer Mischung aus Bestürzung und stiller Wut zu. Nach dem Spiel machte sich Sportchef Max Eberl dann Luft. "Entschuldigung, was für eine Scheiße passiert hier gerade - und warum wehren wir uns nicht?", habe er während der ersten halben Stunde gedacht.

"Warum verfallen wir in diesem Spiel in so eine Lethargie?" Eberl hatte einen "aufgescheuchten Hühnerhaufen" erkannt, der einmal seine Mannschaft war. "Das ist einmalig im negativen Sinne!" Es war Gladbachs Spiel eins nach der heftigen Derby-Klatsche in Köln und eigentlich war eine entsprechende Reaktion der Mannschaft auf den Auftritt der Vorwoche erwartet worden. Und dann das.

"Zuerst einmal gilt es, sich für unser Auftreten heute zu entschuldigen. Das ist so auch nicht zu akzeptieren. [...] Ich hatte das Gefühl, dass wir wie paralysiert und in Schockstarre waren, weil wir so früh hinten lagen. Dennoch: Es gibt auch nichts zu entschuldigen", sagte Adi Hütter, der sich bei seinem Statement fast schon Mantra-artig zu entschuldigen versuchte. Aber was sollte ein Trainer nach einem 0:6 zu Hause auch anderes sagen?

Heftige Leistungsgefälle im Kader

15.000 Fans wären im Borussia Park zugelassen gewesen, es kamen nur 10.025 - und von denen machte sich ein beträchtlicher Teil bereits nach dem vierten Gegentreffer, also nach 19 Spielminuten, schon wieder auf den Heimweg. Null Punkte und 1:10 Tore aus dem Derby und einem Heimspiel gegen Freiburg waren dann offenbar für viele Fans nicht mehr akzeptabel.

Dabei schien die Mannschaft nach einem holprigen Saisonstart doch nun endlich in der Spur. Der Herbst war mit Ausnahme der 0:1-Niederlage bei Hertha BSC richtig gut, im letzten Heimspiel zerlegte die Borussia Aufsteiger Fürth beim 4:0 und hätte auch zweistellig gewinnen können.

Vielleicht wähnte man sich danach aber auch zu sehr in Sicherheit, die letzten Fürther Ergebnisse in der Liga ordnen das 4:0 der Gladbacher jedenfalls wieder auf Normalmaß ein. Was stattdessen bleibt, ist eine unglaubliche Diskrepanz in den Ergebnissen und den Leistungen einzelner Spieler.

Jonas Hofmann ist aktuell wohl in der Form seines Lebens, der junge Kouadio Koné der Aufsteiger der Saison bei der Borussia. Alassane Pléa schien nach einem schweren Start auf dem Weg der Besserung, Yann Sommer spielt eine gute Saison.

Und dann gibt es die Fraktion der Negativentwickler: Florian Neuhaus findet einfach nicht raus aus seinem Loch. Gegen Freiburg kam der Nationalspieler gar nicht zum Einsatz - letztlich vielleicht sogar ein glücklicher Umstand für Neuhaus -, nachdem der die Niederlage in Köln mit einem katastrophalen Fehlpass eingeleitet hatte.

Marcus Thuram ist nach einer Verletzung meilenweit von seiner Bestform entfernt, Ramy Bensebaini schwankt zwischen Kreisklasse und Weltklasse, Matthias Ginter wird eine gewisse Ablenkung wegen dessen ungeklärter Vertragssituation angehängt.

Vier Standard-Gegentore in 25 Minuten

Das alles wird multipliziert von einem neuen Trainer mit neuen Ideen, die offenbar immer noch nicht fest sitzen. Jedenfalls ist der Unterschied zwischen einem 5:0 im DFB-Pokal gegen die Übermannschaft der letzten Jahre und einem 0:6 in der Liga gegen einen - mit Verlaub: eher auf Augenhöhe angesiedelten - SC Freiburg nur wenige Wochen später nicht zu erklären. Und die Art und Weise der Niederlage auch nicht.

Gladbach wurde von Freiburg nicht ausgespielt oder vorgeführt. Das 6:0 ist kein Ergebnis eines spielerischen Klassenunterschieds. Es waren die ganz simplen Regeln des Fußballs, die die Gladbacher nicht befolgen konnten. Die Gegentore drei bis sechs kassierte die Borussia nach einem ruhenden Ball.

Natürlich ist Freiburg mit seinem Spezialisten Vincenzo Grifo eine der gefährlichsten Mannschaften der Liga bei Standardsituationen. Jedem Freistoß oder Eckball aber in einer Verweigerungshaltung zu begegnen, hat mit Bundesligafußball nichts zu tun. Und es konterkarierte, was sich die Borussia unter der Woche aneignen wollte: Da stand unter anderem das Verhalten bei Defensiv-Standards auf dem Trainingsplan.

Bleibt außerdem noch die Erkenntnis, dass die Mannschaft mit Widerständen derzeit schwer umgehen kann. Auf das zweite Gegentor in Köln folgte wenige Sekunden später das dritte, die Partie war da im Prinzip schon gelaufen. Und spätestens das Freiburger 2:0 öffnete alle Schleusen bei der Borussia. Das sind die Symptome - die Suche nach den Ursachen dürfte aber noch eine Weile dauern.

Das Krisenduell gegen Leipzig steht an

Wo also ist Borussia Mönchengladbach in dieser Saison zu verorten? Die Tabelle lügt nicht, heißt es, und in der Tabelle steht Gladbach auf Rang 13. Der Abstand zu den internationalen Plätzen beträgt ebenso fünf Punkte wie der zu den Abstiegsrängen.

Noch ist jede Menge Zeit in dieser Saison, aber Borussia Mönchengladbach sollte sich langsam anschicken, ein tragfähiges Spielkonzept und eine entsprechende Einstellung und Haltung zu entwickeln. Sonst endet auch diese Saison irgendwo im Niemandsland.

Und so kommt es, wie wohl nur wenige vor der Spielzeit erwartet hätten, am kommenden Wochenende zum überraschenden Krisengipfel: Gladbach reist dann zu RB Leipzig. Die andere große Wundertüte der Liga, die meilenweit hinter den eigenen Erwartungen zurück hinkt. Dort hat man nach dem in der Art und Weise desaströsen 1:2 beim FC Union schon reagiert und den Trainer entlassen. So weit soll es in Gladbach erst gar nicht kommen.

"Es ist doch jetzt nicht ernsthaft das Thema, dass ein Trainer nach zwei Niederlagen infrage gestellt wird?", zürnte Eberl in einer Medienrunde nach dem Freiburg-Spiel und ließ weitere Debatten erst gar nicht zu. "Ich finde es so absurd, was hier für Fragen gestellt werden. Dass ich über so etwas, in der jetzigen Zeit, sprechen muss: Da fehlen mir einfach die Worte."

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Verwendete Quelle:

  • gladbachlive.de: Zweifelt Gladbach bereits am Trainer? So deutlich reagiert Manager Eberl
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