Der FC Bayern bleibt in Leipzig torlos und wird nicht vorzeitig Meister, weil sich Robert Lewandowski laut Video-Assistent mit der Fußspitze im Abseits befindet. Uli Hoeneß hält das für "einen Witz". In Leverkusen ist der Unparteiische derweil besonders froh über die Unterstützung durch seinen Helfer am Monitor.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

Uli Hoeneß machte aus seinem Ärger wie gewohnt keinen Hehl. Als "Witz des Jahres" empfand es der Präsident des FC Bayern München, dass der Video-Assistent beim Spiel des Rekordmeisters in Leipzig (0:0) an Schiedsrichter Manuel Gräfe gemeldet hatte, das Tor von Leon Goretzka sei irregulär.

Dem Treffer vorausgegangen war eine strafbare Abseitsstellung von Robert Lewandowski. Die war zwar ausgesprochen knapp, aber mit den zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmitteln nachweisbar.

Hoeneß wollte gleichwohl nur von einem "sogenannten Abseits" sprechen. "Das war keine klare Fehlentscheidung", sagte er. "Der Videobeweis ist dafür da, klare Fehlentscheidungen zu korrigieren. Es war gleiche Höhe."

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Doch da irrte der 67-Jähige. Lewandowski befand sich mit der Fußspitze im Abseits, das zeigte jedenfalls das Bild mit den kalibrierten Abseitslinien, das aus der Kölner Videozentrale ans Fernsehen übermittelt wurde. Der Treffer wurde deshalb zu Recht annulliert.

Bundesliga: Bei Abseits gibt es keinen Ermessensspielraum

Denn bei Schwarz-Weiß-Entscheidungen – wozu eine Abseitsstellung genauso gehört wie zum Beispiel die Frage, ob der Ball auf dem Feld ist oder eine Begrenzungslinie überschritten hat – gibt es nur richtig oder falsch, aber nichts dazwischen, also auch keinen Ermessensspielraum.

Deshalb war es automatisch eine klare, korrekturbedürftige Fehlentscheidung, das Tor von Goretzka zu geben.

Gewiss: Es sind immer noch Menschen, die das Einzelbild mit dem genauen Zeitpunkt der Ballabgabe finden müssen und die Abseitslinien exakt an die maßgeblichen Körperteile des Angreifers sowie des vorletzten Abwehrspielers anlegen. Fehler und Unschärfen kann man deshalb nicht ausschließen.

Auch Jochen Drees, der Projektleiter des DFB für die Video-Assistenten, sieht das nicht anders. "Die Tatsache, dass eine ungenaue Handhabung der Abseitslinien bei Athleten im Vollsprint zu verfälschten Ergebnissen führen kann, ist uns bewusst und wird jedem Video-Assistenten beim Training in Erinnerung gerufen", sagte er unlängst.

Klar ist aber auch: Eine genauere Messung und bildliche Darstellung von Abseitssituationen als mit den gegenwärtigen technischen und menschlichen Möglichkeiten hat es noch nicht gegeben.

Schiedsrichter Deniz Aytekin heilfroh über den Video-Assistenten

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Und so, wie der einmal mehr ausgezeichnet leitende Unparteiische Manuel Gräfe in Leipzig dankbar gewesen sein dürfte, dass ihm sein Video-Assistent Marco Fritz in einer entscheidenden Situation weiterhalf, war auch sein Kollege Deniz Aytekin glücklich über die Unterstützung aus Köln.

"Wir haben den Anspruch, keine Fehler zu machen und hundert Prozent zu geben", sagte er nach dem Spiel zwischen Bayer 04 Leverkusen und dem FC Schalke 04 (1:1). "Manchmal klappt es eben nicht, daher war ich in diesem wichtigen Spiel heilfroh, dass wir diesen Videobeweis haben."

Gleich drei Mal griff Video-Assistent Tobias Reichel ein, jedes Mal zu Recht: Beim Tor zum 1:1 kurz nach der Pause befand sich der Schalker Guido Burgstaller nicht im Abseits. Der Treffer wurde deshalb nachträglich anerkannt.

Das war möglich, weil der Schiedsrichter-Assistent die Fahne erst gehoben und Aytekin erst gepfiffen hatte, als der Ball im Tor lag. Wäre der Pfiff erfolgt, bevor der Ball die Torlinie überschritt, dann hätte sich die Entscheidung nicht mehr ändern lassen.

Video-Assistent: "Vergiss es, Deniz, da ist nichts"

Kurze Zeit später entdeckte Reichel auf den Bildern einen regelwidrigen Ellenbogeneinsatz des Leverkuseners Kevin Volland gegen Weston McKennie im Strafraum der Gastgeber, den der Unparteiische nicht bemerkt hatte.

Deshalb empfahl der Video-Assistent richtigerweise ein Review, das schließlich zu einem Strafstoß für die Schalker führte. Daniel Caligiuri verschoss den Elfmeter jedoch.

In der 71. Minute lief es umgekehrt: Der Referee hatte nach einem Zweikampf zwischen Jonathan Tah und dem Schalker Breel Embolo im Leverkusener Strafraum auf Elfmeter für die Gäste erkannt, berichtigte sich jedoch nach dem Eingriff aus Köln. "Vergiss es, Deniz, da ist nichts", habe ihm der Video-Assistent gesagt, erklärte Aytekin.

Er habe gedacht, dass es einen Fußkontakt gegen Embolo gegeben hätte. In der Review-Area habe er dann aber gesehen, dass nur eine leichte Berührung im Oberkörperbereich vorlag. Diese habe jedoch "im Leben keinen Elfmeter gerechtfertigt, deswegen musste ich ihn zurücknehmen", sagte Aytekin.

Völler tobt, Burgstaller lobt

Überhaupt nicht einverstanden mit dem Unparteiischen war Rudi Völler. "Herr Aytekin hat offenbar beschlossen, heute nur für Schalke Elfmeter zu pfeifen", wetterte der Leverkusener Sportchef gegen den Referee.

Er kreidete ihm vor allem an, in der 77. Minute nach einem Zweikampf zwischen Daniel Caligiuri und dem Leverkusener Julian Baumgartlinger im Schalker Strafraum nicht auf Strafstoß entschieden zu haben.

Doch Aytekin lag mit seiner Einschätzung ganz richtig, wie es ihm nach seinen Angaben auch der Video-Assistent bestätigte. Von Völlers Wutrede war der Schiedsrichter deshalb überrascht: "Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll", erklärte er.

Lob gab es hingegen von Guido Burgstaller. "Der Schiri hat das super gemacht", sagte der Schalker. "Er hat uns alles erklärt. Da kommt ein bisschen Ruhe rein."

Aytekin nannte auch den Grund, warum er so handelt: "Die Spieler haben einen Anspruch zu erfahren, was ich mache und gesehen habe." Ob sich Rudi Völler wohl überhaupt erkundigt hat?

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