Bundesinnenminister Thomas de Maizére warnt vor der akuten Gefahr durch radikal-islamistische Terrorgruppen in der Bundesrepublik. Wo sich Terrorzellen befinden, verrät er aber nicht. Unsere Redaktion hat beim Bundeskriminalamt nachgehakt - die Erkenntnis ist besorgniserregend.

Die Gefahr dschihadistischen Terrors ist real und groß, sagt Bundesinnenminister Thomas de Maiziére (CDU).

Alle warnen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, Experten für Sicherheitspolitik und Polizeibehörden gleichermaßen.

Brennpunkte wie Molenbeek?

Doch während sich in der Bevölkerung Verunsicherung breit macht, erklärt niemand, wo diese mutmaßlichen Terrorzellen sitzen. Und auch nicht, ob es gar Brennpunkte gibt wie beispielsweise in Belgien der Brüsseler Vorort Molenbeek.

Unsere Redaktion hat beim BKA in Wiesbaden nachgehakt und nachgefragt, wo die Beamten Terrorzellen vermuten.

Aus ermittlungstaktischen Gründen werde man keine detaillierten Orte preisgeben, hieß es von der Polizeibehörde. Und doch lässt sich aus der Stellungnahme vor allem auf "Terrornester" in Nordrhein-Westfalen und Berlin schließen.

"Im polizeilichen Sprachgebrauch sprechen wir nicht von Terrornestern, sondern von Schwerpunkten", erklärte BKA-Sprecherin Barbara Hübner.

"Solche Schwerpunkte salafistisch-dschhihadistisch geprägter Gruppierungen und entsprechende Aktivitäten sind im gesamten Bundesgebiet zu finden, wobei einige Länder, zum Beispiel Nordrhein-Westfalen oder Berlin diesbezüglich Schwerpunkte haben."

Das Statement deckt sich mit früheren Beobachtungen.

Razzia gegen "Emir von Berlin"

Im Januar durchsuchten etwa 200 Polizeibeamte in einer spektakulären Razzia elf Wohnungen in Berlin, um Beweise gegen den selbst ernannten "Emir von Berlin" und seine "Jünger" sicherzustellen.

Ismet D. soll in seiner Moabiter Hinterhof-Moschee Hicret-Cami Konvertiten und Muslime radikalisiert haben.

Gemeinsam mit seinem Finanzchef Emin F. kam er wegen des Verdachts der Vorbereitung einer Straftat in Haft.

Sie waren in Syrien, sollen die Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) unterstützt haben. Innerhalb von fünf Jahren soll die Zahl seiner "Jünger" auf 30 angewachsen sein. Anhaltspunkte für einen geplanten Terroranschlag in Deutschland gab es damals aber keine.

Doch warum sitzen die mutmaßlichen Terrorzellen meist in NRW oder Berlin?

"Die Ursachen für die Entwicklung solcher Schwerpunkte sind vielfältig, dazu zählen vor allem das soziale Gefüge und die religiöse Zusammensetzung", erklärte BKA-Sprecherin Hübner auf Nachfrage.

"Darüber hinaus gibt es weitere Faktoren wie zum Beispiel der Einflussbereich einer charismatischen Führungsperson, welche die Herausbildung einer radikalen Szene begünstigt und weitere radikale Kräfte anzieht. Gruppendynamischen Prozessen kommt dabei eine große Bedeutung zu."

Schnelle Kettenreaktion der Radikalisierung

Ergo: Eine Person kennt Akteure radikaler oder terroristischer Milieus, wird selbst radikalisiert, wirbt Weitere, die mit dieser Vorstellung sympathisieren.

Wie das BKA berichtete, sind sogenannte Dschihad-Willige jünger als noch vor einigen Jahren. Die Radikalisierung verlaufe deutlich schneller.

"Mitunter nehmen Personen eine radikale Einstellung an, ohne dass das nähere soziale Umfeld das entsprechend bewertet", schilderte Hübner.

"In nicht wenigen Fällen dauert es nur wenige Monate oder Wochen von einer ersten Beschäftigung mit dem Thema Dschihad bis beispielsweise zum Entschluss einer Ausreise nach Syrien."

Die Motive der Personen, die sich salafistisch radikalisieren und gegebenenfalls dem militanten Dschihad anschließen, seien vielfältig. Häufig handele es sich aber um Personen, die bereits polizeilich auffällig waren.

Dass vor allem junge Männer darunter sind, ist kein Vorurteil. Es geht aus einer gemeinsamen Analyse von BKA, des Bundesamtes für Verfassungsschutz und des Hessischen Informations- und Kompetenzzentrums gegen Extremismus (HKE) hervor.

Terrorgruppe Al-Tawhid zerschlagen

Demnach waren Anfang 2014 etwa 89 Prozent derer, die aus islamistischer Motivation von Deutschland nach Syrien ausreisten, Männer. 90 Prozent kamen aus Städten, im Schnitt waren sie 26,5 Jahre alt.

Dass Schwerpunkte aber eben nicht nur in NRW und der Hauptstadt liegen, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2002. Damals zerschlug die Polizei die palästinensische Terrorgruppe Al-Tawhid.

Seinerzeit gab es Hinweise darauf, dass sie versucht hatte, Terroranschläge in Deutschland vorzubereiten. Bei der Großrazzia durchsuchten Beamte Wohnungen in den NRW-Städten Düsseldorf, Essen, Beckum und Krefeld.

In Berlin gab es zudem Hausdurchsuchungen. Aber eben auch in München, Regensburg, Nürnberg und Hamburg.