Frank Plasberg lässt bei "hart aber fair" über die Essener Tafel diskutieren. Auf eine Rassismus-Diskussion lassen sich seine Gäste gar nicht erst ein - und das ist auch gut so. Denn es gibt in der Talk-Runde spannendere Fragen und viele Vorwürfe an die Politik.

Eine Kritik
von Christian Bartlau, Freier Autor

Mehr aktuelle News im Überblick

Manchmal sind Fragen viel interessanter als die Antworten. Ein Beispiel dafür lieferte die Montagsrunde bei Frank Plasbergs "hart aber fair" über den Fall der Essener Tafel.

Ihr Chef Jörg Sator hat einen Aufnahmestopp für Ausländer erlassen und damit eine erbitterte Debatte ausgelöst: Eine Politikerin der SPD sah eine Entscheidung "haarscharf am Rassismus", Unbekannte sprühten "Nazi"-Schriftzüge auf Autos der Tafel.

Sator erntete aber auch viel Verständnis, unter anderem sprang ihm CSU-Mann Alexander Dobrindt bei: "Die, die angestammt berechtigt sind", dürften nicht von der Tafel ausgeschlossen werden.

Eine reflexhafte, sehr vorhersehbare Diskussion, die zur generellen Gereiztheit dieser Tage passt, aber immerhin die Aufmerksamkeit auf ein Thema lenkt, das normalerweise eher abstrakt behandelt wird, mit Schlagworten wie Hartz IV oder Altersarmut.

Plötzlich interessiert sich Deutschland dafür, wie sich diejenigen, die zu wenig zum Leben haben, eigentlich so durchschlagen. Darüber, wer ihnen hilft, und welche konkreten Probleme es so gibt am Rande der Gesellschaft.

Und für zentrale, sehr gute Fragen: Wie kann es eigentlich sein, dass der Staat fast 40 Milliarden Euro Überschuss im Jahr verzeichnet, und 1,5 Millionen Menschen in Deutschland auf die Tafeln angewiesen sind?

Zander: "Das sind alles arme Gestalten"

Schade, dass wir erst jetzt über die Tafeln reden, zu solch einem Anlass, sagt Katja Kipping, Co-Vorsitzende der Linkspartei.

In einem Einspieler ganz zu Beginn kommen Jörg Sator, seine Mitstreiter und Kunden aus Essen noch einmal zu Wort, sie berichten über das Drängeln und Schubsen um die besten Waren.

Sators Einlassungen über arabische "Rudel" und das angebliche "Nehmer-Gen" von Syrern und Russlanddeutschen unterschlugen Plasberg wie auch seine Gäste.

Man kann das für falsch halten, weil der Vorwurf des Rassismus angesichts dieser Worte gar nicht mehr so völlig aus der Luft gegriffen klingt.

Man kann das auch für richtig halten, weil sich statt der vergifteten Grabenkämpfe in den Sozialen Medien so etwas wie eine konstruktive Debatte im Studio entwickeln konnte.

Manfred Baasner, Chef der Tafel Wattenscheid, hat ähnliche Erfahrungen gemacht wie sein Kollege aus Essen, aber andere Schlüsse gezogen: Es gibt Deutschkurse für Ausländer und Vorrang für ältere Menschen, hier und da vermitteln Dolmetscher die Regeln. Aber auch in Wattenscheid hat es erst einen heilsamen Knall gebraucht, deutet Baasner an.

Auf die Frage Plasbergs nach "Problemgruppen" lässt sich der Ehrenamtler gar nicht erst ein. Auch einigen Deutschen habe er erst einmal klar machen müssen, dass seine Einrichtung von Freiwilligen betrieben wird.

Wie schwierig es ist, ehrenamtliche Hilfe fair zu organisieren, erklärt Schlagersänger Frank Zander, der sich seit Jahren um Obdachlose in Berlin kümmert: Bei seinem traditionellen Weihnachtsgansessen treffen seine Helfer eine Vorauswahl. Allerdings nicht nach Nationalität: "Das sind alles arme Gestalten, die kommen aus Polen, Syrien, aus Berlin."

Der Wirtschaftsforscher hat verloren

Glücklich, wer solche Ehrenamtler hat - aber sollte man "stolz" darauf sein, dass mittlerweile 930 Tafeln in Deutschland gibt, so wie Unions-Politiker Stephan Mayer? Ein Zeichen für das Versagen der Politik kann er darin nicht sehen: "Wir sind ein starker Sozialstaat, man kann dem Staat keinen Vorwurf machen."

Manfred Baasner kann: "Die Politik schläft, die verlässt sich schon viel zu lange auf uns", sagt er und bekommt Beistand von Katja Kipping: "Dass es die Tafeln gibt, ist den Ehrenamtlern zu verdanken. Dass es sie braucht, ist das Versagen aller Bundesregierungen."

Und da ist sie dann, die gute Frage: Wie passt das zusammen, der Rekordüberschuss im Staatshaushalt und die Verteilungskämpfe bei den Tafeln, weil die Armen Konkurrenz bekommen von Armen mit anderen Pässen?

Das hat nichts miteinander zu tun, sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

Er will diese Phänomene trennen: Auf der einen Seite die Ebene des Staates, der dank guter Entwicklung in der Wirtschaft und am Arbeitsmarkt einen positiven Haushalt einfährt, auf der anderen Seite die der Bürger, die freiwillig staatliche Sozialleistungen unterstützen, aber nicht ersetzen. "Wir kommen nicht weiter, wenn wir das nebeneinander stellen", sagt Hüther.

Eine enttäuschende Antwort und eine bemerkenswerte Behauptung - warum gibt es die Tafeln denn überhaupt, wenn nicht, um ein Lücke im Sozialstaat zu füllen? Hüther referiert über die Notwendigkeit von stabilen sozialen Sicherungssystemen und dem "Gerechtigkeitsgedanken" von Hartz IV, Unions-Politiker Stephan Mayer weist auf die geringe Zahl von Rentnern auf Hartz IV hin, drei Prozent seien es nur.

Katja Kipping verdreht die Augen, Manfred Baasner fällt Mayer ins Wort: "Sie wissen nicht, was Armut bedeutet. Das sind doch alles Zahlen, keine Wirklichkeit."

Zur Tafel, erzählt Baasner, kämen Rentner, die haben nur 600 Euro im Monat, weil sie sich schämen, Hartz IV zu beantragen.

Zander, der Mann von der Straße

Ein Hauch von Klassenkampf weht jetzt durch das Studio. Der "Herr Professor", wie Frank Zander den Wirtschaftsforscher Hüther nur noch nennt, versucht sich in Statistiken zu retten, die Schere zwischen Arm und Reich bleibt stabil, sagt er, den unteren Lohngruppen geht es besser, es müsse nur noch mehr Geld für unterqualifizierte Leute her, und verlässliche Zeitregime. Er hat verloren.

"Was sind denn verlässliche Zeitregime?", fragt Frank Plasberg irritiert, Frank Zander ist das sowieso egal. "Sie haben auf alles eine Antwort", sagt er zu Hüther, "aber es gibt etwas, das Mitgefühl heißt. Wir sind in der Realität, und da riecht es nicht wie bei der Verleihung vom Bundesverdienstkreuz, sondern nach Schweiß, Tränen und Alkohol."

Schwer zu sagen, ob Zander den "Herrn Professor" nur foppen will, ob er sich vielleicht ein bisschen zu gut gefällt in der Rolle des einfachen Mannes von der Straße.

Gegen das Charisma eines Bühnenprofis haben es Statistiken schwer. Der Bahnhof Zoo in Berlin, erzählt Frank Zander, der zeige die Lage im Land für ihn so typisch: Vorne wird gebaut, und hinten riecht es nach Urin.

Der Reichtum der einen soll nichts mit der Armut der anderen zu tun haben? Diese wunderbare Frage hat beim nächsten Mal eine gute Antwort verdient.