Es liegt was in der Luft bei "Maischberger": Ein aufgebrachter Journalist fordert das Grundrecht auf den Sommer-Flirt, und Friedrich Merz berichtet von einer Annäherung an Angela Merkel.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

Genug von Basisreproduktionszahlen, T-Helferzellen und Letalität – es menschelt wieder bei der Sendung formerly known as "Menschen bei Maischberger".

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Während "Stern"-Dampfwalze Hans-Ulrich Jörges das Grundrecht auf den Sommer-Flirt einfordert, erinnert Schauspielerin Katja Riemann an das verdrängte Leid in Moria – und Friedrich Merz berichtet von seiner Wiederannäherung mit der Kanzlerin.

Das sind die Gäste bei "maischberger. die Woche"

Eine "Sehnsucht nach Leben" macht Moderator Reinhold Beckmann bei den Menschen in Deutschland aus. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow habe seinen Vorstoß für mehr Eigenverantwortung aber falsch kommuniziert: "Da entsteht ein Schub bei den Leuten, die sich denken: Es ist vorbei."

"Stern"-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges erhofft sich von Ramelows Initiative den Startschuss für die "dritte und letzte Phase der Corona-Bekämpfung", die angesichts der niedrigen Infektionszahlen angezeigt sei. Sein großer Wunsch: Endlich wieder ins Theater. "Das Risiko, mich anzustecken, trage ich persönlich."

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Eigenverantwortung? Ein problematisches Signal, mahnt dagegen Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt von der "Süddeutschen Zeitung": "Es geht beim Abstand halten nicht darum, für mich Verantwortung zu tragen – sondern für andere."

Sein Rezept gegen die Rezession darf Friedrich Merz (CDU) im Einzelgespräch vorstellen. Kaufprämien sehe er "eher skeptisch", investieren wolle er lieber in digitale Infrastruktur, um etwa autonomes Fahren möglich zu machen: "Wir müssen die Mobilität so umbauen, dass der nächste Innovationssprung aus Deutschland kommt."

Das ist der Moment des Abends

Und nun zu einem völlig anderen Thema. Ja, so etwas gibt es noch, neben der allgegenwärtigen Corona-Krise. Seit 2015 entwickelt sich das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos zu einem, die Bilder lassen kein anderes Urteil zu, überfüllten Drecksloch, in dem rund 20.000 Menschen vor sich hinvegetieren.

Die Schauspielerin Katja Riemann, die sich seit Jahren für Menschenrechte engagiert, schildert das Leben dort zwischen Wassermangel, Krätze und Ratten. Wer die Situation beenden könnte? "Es gibt da eine gute Idee, sie nennt sich Europäische Union."

Letztlich sei aber alles eine Frage des politischen Willens – warum der fehlt, dazu hat Hans-Ulrich Jörges eine These: "Es ist ein kühl kalkuliertes Aushängeschild gegenüber potentiellen Flüchtlingen: Bleibt bloß zuhause."

Das ist das Rede-Duell des Abends

Endlich sagt's mal einer: Lustfeindlich sind sie, die Virologen, diese Spaßbremsen im weißen Kittel. "Die jungen Leute wollen im Sommer leben, die wollen sich verlieben", greint Hans-Ulrich Jörges. "Das ist alles unter dem Diktat der Virologie ausgesetzt für zwei Jahre."

Er selbst würde so gern ins Theater gehen, aber er darf halt nicht wegen dieser Virologen, beim Boxtraining im Park beobachtet ihn eine Polizeidrohne, "das ist alles nicht mehr tragbar", kurz: Er hat Wut statt Schmetterlingen im Bauch.

Als Sparringspartnerin muss in Abwesenheit von Drosten und Merkel die Wissenschaftsjournalistin und promovierte Biochemikerin Christina Berndt herhalten. Sie erinnert Jörges daran, dass der Virus nicht verschwunden ist, auch wenn die Infektionszahlen fallen.

"Man muss bedenken: Es fing mit einem Patienten an." Es brauche vernünftige Regeln, Ansagen wie die von Bodo Ramelow stifteten aber nur Verwirrung: "Jetzt wird alles noch bunter." Und die Sache mit der Liebe? "Die Leute werden sich schon finden, wenn sie sich auf der Restaurant-Terasse tief in die Augen blicken."

So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

Auf Schmusekurs empfängt die Gastgeberin Friedrich Merz, der im März an COVID-19 erkrankt war. "Gut erholt" sehe er aus, charmiert Maischberger zur Begrüßung – nur um bei erstbester Gelegenheit in den Verhör-Modus zu wechseln.

Als Merz sich zum Immunitätsausweis bekennt, hakt Maischberger bissig nach: "Weil Sie gern Privilegien hätten?" Natürlich nicht, er wolle nur anderen Menschen die Sorge nehmen – auch wenn ein Restrisiko bleibe, wie Friedrich Merz mit einem typischen Friedrich-Merz-Satz bekräftigt: "Das ganze Leben ist ein einziges Restrisiko."

Und es steckt, 5 Euro ins Phrasenschwein, voller Überraschungen, die Maischberger Merz mit beharrlichen Fragen entlockt: Mit seiner alten Nemesis Angela Merkel steht er offenbar derzeit in engem Kontakt – ob das Verhältnis etwa besser geworden sei in letzter Zeit, fragt Maischberger verblüfft. "Ja." - "Das ist doch eine Nachricht."

Das ist das Ergebnis

"Aufsichtsrat der Deutschland AG", hat "Capital" Friedrich Merz mal genannt, sein Image als Rammbock des Neoliberalismus hat er sich wohlverdient, im Gespräch mit Maischberger setzt er jedoch einige Kontrapunkte: Er sei schon immer für den Mindestlohn gewesen (was stimmt) und wolle ihn, anders als Teile des CDU-Wirtschaftsflügels, beibehalten.

Der Frage nach einer Senkung von Hartz IV weicht er lieber aus und redet nur vom "Schutz des Bundeshaushalts". Seine Grundüberzeugung scheint trotzdem immer durch: Was gut ist für die Wirtschaft, ist gut für die Menschen. Oder, in seinen Worten: "Das Wichtigste ist, dass Arbeitsplätze da sind."

Das funktioniere nur, wenn in der Krise die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt wird – etwa durch Investitionen in die Digitalisierung. Von Kaufprämien und Konsumgutscheinen hält Merz eher nichts, genauso wenig übrigens wie von einer Kanzlerkandidatur von Markus Söder.

"Stern"-Kolumnist Jörges, der Merz eine vorzeitige Aufgabe im Kampf um den CDU-Vorsitz nahelegt, erteilt er eine höfliche Abfuhr: "Ich erhalte viele gute Ratschläge, diesen nehme ich nicht an. Ich bin entschlossen, zu gewinnen."

Im Dezember steht die Wahl an, bis dahin würden auch wieder andere Themen als Corona im Fokus stehen. Das kann man nur hoffen – für die ganze Welt und für Hans-Ulrich Jörges' Blutdruck.

Drosten und Lauterbach erhalten Drohpakete 

Offenbar weil Sie einen vergleichsweise strikten Kurs bei den Alltagsbeschränkungen in der Corona-Pandemie befürworten, haben der SPD-Politiker Karl Lauterbach und der Virologe Christian Drosten Drohpakete erhalten. Für beide leider kein Einzelfall.