Die Corona-Lage in den USA ist besorgniserregend – mit ebenso besorgniserregenden Auswirkungen auf die US-Wirtschaft. Was bedeutet das für die weltweiten wirtschaftlichen Abhängigkeiten? Darüber diskutierte Maybrit Illner am Donnerstag mit ihren Gästen. Ein Abend mit leisen Tönen, aber starken Ansagen.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock

Die größte Volkswirtschaft der Welt, die USA, ist gleichzeitig auch das Land, in dem die Corona-Pandemie am schlimmsten wütet. Die Zahl der Neu-Ansteckungen pro Tag liegt inzwischen bei rund 60.000 - neue, härtere Einschränkungen scheinen unvermeidlich.

Wie sehr setzen die Entwicklungen in den USA die Export-Nation Deutschland unter Druck? Was bedeutet das für eine globalisierte Wirtschaft? Diese und andere Fragen diskutierte Maybrit Illner am Donnerstagabend unter dem Thema "Trump, Corona und die Weltwirtschaft – Wie hart trifft es Deutschland?"

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Mit diesen Gästen diskutierte Maybrit Illner:

  • Sandra Navidi, Finanzexpertin
  • Peter Altmaier (CDU), Bundeswirtschaftsminister
  • Sahra Wagenknecht (Die Linke), Bundestagsabgeordnete
  • Sudha David-Wilp, Thinktanks German Marschall Fund (GMF) - zugeschaltet
  • Monika Schnitzer, Mitglied des Sachverstndigenrates Wirtschaftsweise - zugeschaltet
  • Hendrick Streeck, Virologe

Das waren die Themen bei "maybrit illner":

Die USA

Sudha David-Wilp beginnt die Diskussion mit einem denkbar vernichtenden Urteil über Donald Trumps Umgang mit der Pandemie: "Auf Bundesebene hat die US-Regierung wirklich versagt. Glücklicherweise gibt es immer noch Lokalpolitiker und Beamte, die ihr Bestes geben. (…) Donald Trump versucht, von der Pandemie abzulenken."

Für Sandra Navidi hat Trumps Versagen bereits vor der Pandemie begonnen. "Er hat überall in der Regierung Wissenschaftler entlassen, er hat Mittel gekürzt, er hat sozusagen die ganze Infrastruktur, die man für Seuchenbekämpfung errichtet hatte und die auch schon krisenerprobt war durch Ebola, hat er erstmal unterminiert und abgeschafft."

Ökonomisch betrachtet wird sich Trumps Krisenmanagement rächen, glaubt Wirtschaftsminister Altmaier: "Trump wird die amerikanische Wirtschaft auf Dauer nur in Gang halten können, wenn er mit der Pandemie anders umgeht."

Sahra Wagenknecht erkennt selbst in den Maßnahmen, die Trump ergreift, nur Fehler: "Er gibt das Geld an die, die es eigentlich nicht brauchen." Von den Hilfsgeldern würden nur reiche Amerikaner profitieren, Menschen mit Existenzängsten sei damit nicht geholfen: "Er stellt die Lobbys zufrieden, die seinen Wahlkampf finanzieren sollen."

Die Folgen für die Weltwirtschaft

Peter Altmaier ist sich sicher, "dass sich dieses große und mächtige Land so in dieser Pandemie verheddert, ist für uns alle schlecht. Weil wir eben in einer global vernetzten Wirtschaft leben." Wenn eine der großen Wirtschaftsregionen in Schwierigkeiten gerate, würden auch die anderen Regionen in Mitleidenschaft gezogen, so Altmaier.

Ob wegen dieser Vernetzung die deutschen Maßnahmen deshalb für die Katz gewesen sind, will Illner wissen, doch Altmaier verneint: "Die Maßnahmen werden umso wichtiger."

Man habe gute Erfolge erzielt, auch dank des guten Sozialsystems und der Hilfsmaßnahmen. Für die Wirtschaft erkennt Altmaier trotz der schwächelnden US-Wirtschaft einen Hoffnungsschimmer.

"Trotzdem haben wir bei unseren Berechnungen auch zugrunde gelegt, was wir in Europa und in Deutschland bewirken können. Und wir gehen davon aus, dass es eine Wahrscheinlichkeit gibt, dass die Wirtschaft ab Ende Oktober auch langsam wieder in Schwung kommt."

In Bezug auf Fachkräftemangel sieht Monika Schnitzer sogar einen Vorteil für Deutschland in der Pandemie. Die USA seien bisher deshalb so erfolgreich gewesen, weil sie die klügsten Köpfe der Welt angezogen hätten.

Das sei nun aufgrund von Trumps Einreisebeschränkungen vorbei: "Normalerweise kommen pro Jahr 200.000 hochqualifizierte Arbeitskräfte ins Land und doppelt so viele Wissenschaftler. Die dürfen jetzt alle nicht mehr kommen."

Und weiter: "Das ist jetzt unsere Chance. Wir müssten jetzt Werbung machen, um von diesen klügsten Köpfen welche nach Deutschland zu holen. Das würde auf einen Schlag unser Problem im Fachkräftebereich lösen."

Pleitewelle in Deutschland

Peter Altmaier gibt sich in puncto Insolvenzen keinen Illusionen hin, zeigt sich aber kämpferisch: "Es wird im Verlaufe dieser Pandemiebekämpfung zu Unternehmensschließungen kommen. Trotzdem wollen wir eine große Pleitewelle verhindern."

Sahra Wagenknecht will bei den Insolvenzen jedoch genauer hinsehen und macht Versäumnisse in der Vergangenheit aus: "Wir hatten im verarbeitenden Gewerbe, in der Industrie schon im letzten Jahr ganz markante Krisenerscheinungen. (…) Das wird jetzt alles auf die Pandemie geschoben. Das stimmt aber nicht."

Auf die von Unternehmensberater Roland Berger jüngst geschätzte Zahl von potenziell fünf Millionen Arbeitslosen, die es in Deutschland bald geben könnte, angesprochen, sieht das Mitglied der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, die Lage nicht ganz so bedrohlich: "Wir halten das nicht für so wahrscheinlich.

Unsere Prognose ist, dass wir am Ende des Jahres bei 2,7 Millionen Arbeitslosen sind. Das liegt auch daran, dass wir es in gewisser Weise selbst in der Hand haben, wie schlimm es wird."

Deutsche und europäische Wirtschaft

"Wir haben einen Reformbedarf, der weit über die Pandemie hinaus reicht. Wir müssen viel innovativer werden, wir müssen bei den neuen Technologien vorne dabei sein. (…) Wir müssen jede Chance nutzen, Arbeitsplätze in Deutschland anzusiedeln", gesteht Peter Altmaier und greift damit Wagenknechts Kritik auf, dass man gerade im technologischen Bereich hinterherhinken würden und man wenig investiert habe.

Monika Schnitzer sieht das Mittel, um die europäische Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, in Europa selbst: "Wir sollten uns klarmachen: 60 Prozent unserer Exporte gehen in andere EU-Länder. Das heißt, es kommt noch viel stärker darauf an, dass wir innerhalb der EU die Wirtschaft wieder ankurbeln. (…) Wir müssen dafür sorgen, dass es nicht weiter auseinanderklafft in Europa."

Sahra Wagenknecht sieht das ähnlich und verbindet diese Gedanken zu einem Wunsch nach mehr Unabhängigkeit und Selbständigkeit in Europa: "Europa muss stärker seine Interessen sehen."

Corona

Anders als in den meisten bisherigen Corona-Talkshows war dieser Donnerstagabend nicht die Stunde der Epidemiologen und Virologen. Dementsprechend konnte Hendrick Streeck den Wirtschaftstalk nur mit seiner virologischen Expertise ergänzen.

"Wir müssen uns von diesem Gedanken verabschieden, dass wir das Virus komplett austreiben können aus der Gesellschaft. Es ist da und es wird Teil unseres Alltags werden", sagt Streeck.

"Wir müssen anfangen, souverän damit umzugehen. Ich rechne damit, dass es eine zweite, dritte Welle geben wird. Wir haben so ein dauerndes Auf- und Abwabern, wie wir es für alle Corona-Viren kennen", erklärt Streeck beispielsweise seine Einschätzung über die Kontrollierbarkeit der Pandemie.

Der Schlagabtausch des Abends:

Man hatte die beiden Gäste sicher nicht ganz ohne Kalkül ausgewählt: Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Sahra Wagenknecht sollten wohl so etwas wie die beiden Konfrontationspole sein, um der Diskussion ein bisschen Feuer zu verleihen.

Doch so richtig Konfrontation mochte nicht aufkommen. Sahra Wagenknecht übte die Kritik, die sie immer übte, nur diesmal im Corona-Kontext, und Peter Altmaier rechtfertigte die bisherigen Maßnahmen der Regierung.

Eigentlich nur ein einziges Mal kam so etwas wie ein Konfrontatiönchen auf, als es um Hilfsgelder für Firmen ging, die während der Krise Dividenden an ihre Aktionäre ausschütten. Ansonsten herrschte eine recht ausführliche Waffenruhe, war mehr der Rat der anwesenden Experten gefragt, als parteipolitisches Gezänk.

So schlug sich Maybrit Illner:

Genau wie ihre Gäste hatte auch Illner einen vergleichsweise ruhigen Abend. Wo kein Streit, da kein Streitschlichter.

Das Fazit:

So bedrohlich die Nachrichten aus den USA auch sind, so sehr kann die Pandemie auch die Chance bieten, nun in Europa die Weichen für mehr Innovationen, mehr Unabhängigkeit und Widerstandsfähigkeit zu stellen – so lautete die mal mehr, mal weniger versteckte Botschaft des Abends.

Am 20. August kann Maybrit Illner überprüfen, ob und wie sehr die Bundesregierung bis dahin diesbezüglich tätig war, denn dann meldet sich die Polittalkerin aus der Sommerpause zurück.