Bei der Landtagswahl in Bayern tritt zum ersten Mal auch mut an. Direktkandidat Matthias Matuschik erklärt im Interview, wofür die neue Partei steht, die ihn so sehr überzeugt hat, dass er jetzt in die Politik will, statt wie geplant auszuwandern. So viel sei verraten: Sein Engagement hat sowohl mit Flüchtlingen als auch mit dem Stadt-Land-Gefälle in Bayern zu tun.

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Viele Menschen kennen Matthias Matuschik als Kabarettist und Radiomoderator bei Bayern 3. Wenngleich der Bayerische Rundfunk ihn für die Zeit des Wahlkampfs freigestellt hat, schlägt er für das Interview einen Treffpunkt ganz in der Nähe vor: das Salt am Münchner Rundfunkplatz, ein "cooler Laden", wie er sagt.

Pommes gibt's dort nicht mit Ketchup, sondern mit Parmesan und frischem Trüffel. Matuschik bestellt hausgemachte Limonade mit Ingwer und Minze. Und schon sind wir mittendrin im Thema.

Herr Matuschik, was ist aus Ihrer Sicht der größte Missstand in Bayern?

Matthias Matuschik: Die ungleichen Lebensbedingungen. Wir, die wir in München, Augsburg oder Würzburg sitzen, bekommen davon nicht viel mit.

Aber wenn du mal rausfährst aufs Land in Oberfranken, in der Oberpfalz, in Niederbayern: Es gibt kilometerlang weder Handynetz noch mobiles Internet, die Anbindung mit der Bahn ist schlecht, die Arbeitslosigkeit vergleichsweise hoch.

Und was macht Markus Söder, anstatt dafür zu sorgen, dass jeder Ort die gleichen Lebensbedingungen bietet? Er hat in seiner Antrittsrede als Ministerpräsident einen neuen Obersten Gerichtshof angekündigt - der kommt nach München. Und ein Abschiebezentrum - das kommt nach Hof. Da muss man sich nicht wundern, wenn in Hof die Wählerquote der AfD hoch ist und in München die Mieten explodieren.

Matuschik zeigt auf einen vorbeispazierenden Mann um die 30 - große Sonnenbrille, gepflegter Vollbart, ein Hündchen an der Leine. In Passau, Weiden oder Hof seien solche Typen rar. Orte wie das Salt ebenso. Das soll sich seiner Meinung nach ändern. Er ist überzeugt: Wenn der Staat für gute Infrastruktur sorgt, kommen Unternehmen und schaffen Arbeitsplätze. Jobs ziehen Menschen an, auch Hipster mit Hunden, junge und gut ausgebildete. Und wo die sind, sind Gastronomie und Kultur nicht weit.

Sie sind Kabarettist und Moderator einer Unterhaltungssendung. Was bringt einen Spaßvogel wie Sie in eine ernste Domäne wie die Politik?

Bis vor drei Jahren war ich ein recht unpolitischer Mensch. Das hat sich geändert, als der Widerstand gegen Flüchtlinge wuchs. Ich habe gesehen, wer da alles gegen Flüchtlinge wettert, und gedacht, so nicht, so geht man mit Menschen nicht um, schon gar nicht in Deutschland.

Wegen unserer Geschichte sollten wir mit gutem Beispiel vorangehen, statt Menschen im Mittelmeer ersaufen zu lassen. Also bin ich auf Demos gegen Rechts gegangen und habe nächtelang auf Facebook mit Leuten diskutiert, sie gefragt: "Was schreibt ihr da für menschenverachtendes Zeugs?" Aus Protest die Nazis zu unterstützen - das ist kein Protest, das ist der Untergang.

Mit diesem Standpunkt könnten Sie auch zu den Grünen gehen. Warum mut?

Claudia Stamm, die Gründerin von mut, hat mitbekommen, was ich auf Facebook geschrieben habe, und mich angesprochen. Aus Interviews wusste sie, dass ich darüber nachgedacht habe, auszuwandern, wenn es in Deutschland dunkel wird.

Sie sagte: "Wer wegläuft, ist feige. Wir haben da eine neue Partei - zeig' deine Haltung." mut war gerade dabei, ein Parteiprogramm auszuarbeiten. Dass ich mich da einbringen konnte, fand ich toll, auch wenn ich mit dem einen oder anderen Wunsch krachend gescheitert bin.

Zum Beispiel?

Ich bin gegen ein generelles Tempolimit auf Autobahnen, weil ich glaube, dass wir in Zukunft in Elektroautos mit entsprechender Technik mit 220 über die Autobahn brettern könnten. Weil ein Tempolimit für Diesel und Benziner aber C02 spart, steht das in unserem Parteiprogramm. Auch gut. Das ist Demokratie.

mut zählt zwischenzeitlich rund 400 Mitglieder. Die Partei hat ausreichend Unterschriften von Unterstützern gesammelt, um bei der Landtagswahl in Bayern am 14. Oktober in allen Regierungsbezirken antreten zu dürfen. Zusätzlich zu den Wahlkreislisten stellt mut in einigen Stimmkreisen Direktkandidaten. Matthias Matuschik tritt im Stimmkreis Würzburg-Stadt an.

Herr Matuschik, wir haben über das Stadt-Land-Gefälle, die Migrationspolitik und ein Tempolimit gesprochen. Wofür steht mut noch? Ihre Haltung zu ein paar Schlagworten bitte:

Chemnitz: Chemnitz hat gezeigt, was in Deutschland im Untergrund wirklich los ist: Es gibt Faschismus, der jetzt hochkocht.

Polizeiaufgabengesetz: Das Polizeiaufgabengesetz gehört sofort abgeschafft. Wenn es bestehen bleibt, muss ich vielleicht doch noch auswandern, schon weil meine kleine Tochter sonst aus Angst, dass der Staat alles mitliest, statt kritischer Gedanken nur Katzenfotos posten wird, wenn sie ihr erstes Handy bekommt.

Autoindustrie: Bayern hat die tollste Autoindustrie in ganz Deutschland, aber der gehört in den Arsch getreten. Ohne politischen Druck werden die uns weiterhin verarschen.

Mieten: Da fallen mir nur drei Buchstaben ein: SPD. Die war immer wieder an der Bundesregierung beteiligt und stellt in München seit gefühlt Einhundert Jahren den Oberbürgermeister. Das Ergebnis sind die Mieten in München. Komplett versagt.

Bildungspolitik: Auch ein Grund, warum man die CSU jetzt endlich mal in die Opposition drängen sollte. G8. G9. Geh' weiter!

Steuergerechtigkeit: Steuern werden in Deutschland nicht gerecht erhoben. Für die, die viel Geld haben, gibt es viel zu viele Schlupflöcher, innerhalb des Systems und dadurch, dass sie ihr Geld auf die Cayman Islands bringen können.

Energiewende: Wir brauchen dringend Energie aus Wind, Wasser und Sonne. Was wir nicht brauchen sind Atomkraftwerke. Ich will die Energiewende durchsetzen, gegen jeden Lobbyismus.

Kreuzerlass: Ich bin Atheist und der Kreuzerlass war ausschlaggebend dafür zu sagen: 'Jetzt reicht's. Jetzt trete ich gegen die CSU an.'

Matuschik entdeckt im Lokal einen alten Bekannten. Er winkt ihm, der Mann kommt an den Tisch. "Wie geht's? Was treibst du?" "Du machst jetzt Politik? Ach Quatsch!" Der Bekannte schlägt vor, sich doch mal wieder auf ein Bier zu treffen. Können wir machen, sagt Matuschik - aber erst nach dem 14. Oktober.

Der Sprung in den Landtag dürfte nicht leicht werden. Was, wenn es nicht klappt?

Die Zeiten waren selten so günstig für eine andere Politik, aber ich werde weiter beim BR als Moderator arbeiten. Wenn mut bei der Europawahl antritt, werde ich mir überlegen, ob ich kandidiere. Sollte die AfD wirklich so gut abschneiden, wie die Umfragen es voraussagen, wird meine Motivation, diese Partei zu bekämpfen, noch größer sein.

Matuschik schaut auf die Uhr. Er muss zum Zug. Er will nach Franken, um ein weiteres Interview zu geben und das Notwohngebiet in Kitzingen zu besuchen. Die Zeit drängt. In weniger als vier Wochen ist Landtagswahl.

Verwendete Quellen: