Im sommerlich heißen Berlin treffen sich Tina Hassel, Studioleiterin und Chefredakteurin Fernsehen im ARD-Hauptstadtstudio, und Linken-Parteichefin Janine Wissler zum „Sommerinterview“ des „Berichts aus Berlin“. Doch trotz der hohen Temperaturen und des Tatendrangs Hassels wurde es kein hitziges Gespräch.

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

„Hat die Linke fertig?“, fasst Tina Hassel den Streit mit Sahra Wagenknecht, die jüngsten Umfrageergebnisse und die künftige Ausrichtung der Partei denkbar knapp zusammen. Wissler findet die Entwicklung in Bezug auf Wagenknecht „sehr bitter“, sagt aber: „Für uns ist natürlich auch klar, dass Abgeordnete der Partei die Linke nicht öffentlich die eigene Partei infrage stellen dürfen, nicht die ganze Zeit damit kokettieren, vielleicht eine neue Partei gründen zu können.“

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Die aktuellen Umfragewerte müssten der Linken „große Sorgen machen“, erklärt Wissler und fordert einen selbstkritischen Umgang damit in der Partei. Gleichzeitig erarbeite man einen Plan bis 2025, „damit die Linke wieder gestärkt in den Bundestag einzieht.“ In Berlin und Bremen habe man das Ergebnis bei den vergangenen Wahlen zwar halten können, aber frage man die Menschen, sei ihnen die Linke zu zerstritten und mit sich selbst beschäftigt. Noch einmal auf Wagenknecht angesprochen, stellt Wissler klar: „Nicht wir haben den Bruch gemacht, sondern das hat Sahra Wagenknecht gemacht.“

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Dass die AfD die Linke deutlich überholt hat, dazu sagt Wissler: „Das besorgt mich sehr. Weil die AfD eine offen rassistische Partei ist, die Hetze betreibt. Gerade in Thüringen mit jemandem wie Herrn Höcke. Ich finde, dass sollte allen Demokratinnen und Demokraten in diesem Land große Sorgen machen, dass die AfD so stark ist.“ „Stichwortgeber aus der sogenannten Mitte“ trügen eine Mitschuld, indem sie AfD-Positionen durch das Bedienen von Vorurteilen stark machten.

Gleichzeitig müsse man den Leuten klarmachen, was es bedeute, wenn die AfD in diesem Land etwas zu sagen hat. In Sonneberg etwa, wo es seit kurzem den ersten AfD-Landrat gibt, würden 44 Prozent der Menschen zum Mindestlohn arbeiten. „Wenn die AfD in diesem Land etwas zu sagen hätte, bekämen diese Menschen nicht einmal den Mindestlohn, weil die AfD den gesetzlichen Mindestlohn ablehnt.“

Problemfeld Klimawandel: "Die Bundesregierung tut ja nichts"

Inhaltlich spricht Hassel zuerst die großen Themen Einwanderung und Klimakrise an, bei denen laut einer Umfrage nur wenige Menschen der Linken Lösungen zutrauen würden. Es brauche eine Partei, so Wissler, die der aktuellen Regierung noch mehr Druck mache beim Klimaschutz: „Wenn man heute durchs Land fährt: alle Wiesen sind verbrannt und es ist noch nicht einmal Ende des Sommers. Wir reden über Wasserknappheit, über Dürre, über Hitzetote in den Städten und diese Bundesregierung tut ja nichts. Sie weicht die Klimaziele auf, die Verkehrswende stockt.“

Der Unterschied in der Klimapolitik der Linken im Vergleich zu der der Grünen sei laut Wissler folgender: „Dass wir deutlich machen, dass Klimaschutz sozial gerecht passieren muss. Und deswegen müssen wir auch über die hohen Verbraucher sprechen“, meint Wissler und erklärt: „Wir diskutieren darüber, dass alle sich einschränken sollen, aber wir möchten gerne mal über die reden, die mit dem Privatjet von Hamburg nach Sylt fliegen, über die, die mit großen Jachten unterwegs sind. Weil: Es ist eben nicht so, dass alle Menschen den gleichen CO₂-Ausstoß haben. Das ist sehr stark vom Einkommen abhängig.“

In Bezug auf Migration und eine Überforderung der Kommunen sagt Wissler: „Wir brauchen eine bessere Finanzierung der Kommunen. Ich will auch deutlich sagen: Die Menschenrechte dürfen nicht mit Füßen getreten werden an den europäischen Außengrenzen.“

So schlug sich Janine Wissler:

In Gänze doch recht souverän. So oft ihr Hassel auch das Wort ab- und unangenehme Themen anschnitt, so ruhig blieb Janine Wissler an diesem Sonntagmittag. Angesichts der Unnachgiebigkeit Hassels lässt die Moderatorin die Linken-Chefin allerdings an einer Stelle ohne Nachfragen davonkommen. Beim Ukraine-Krieg fordert Wissler zunächst eine „Verhandlungsoffensive“, um Menschenleben zu retten – auch mit Putin: „Friedensverträge sind immer auch mit Kriegsverbrechern gemacht worden.“

Auf die Frage Hassels, ob der Parteibeschluss noch gelte, „mit dem die Linke die Auflösung der Nato fordert und dass die Bundeswehr dem Oberkommando der Nato entzogen wird“, antwortet Wissler: „Der gilt noch.“ Denn die Kriege, die die Nato in der Vergangenheit, zum Teil auch völkerrechtswidrig, geführt habe, würden dadurch nicht besser, weil Russland einen Angriffskrieg führe, so Wissler.

So weit, so schlüssig, doch Hassel wirft zu Recht ein, dass es in dem Parteibeschluss nicht um eine Kritik, sondern um eine Auflösung der Nato gehe und stellt die Frage, wer denn dann die eigene Sicherheit und die der Ukraine garantiere. Wisslers Antwort: „ein weltweites Sicherheitsbündnis“. Dass der Krieg eine solche Utopie in weite Ferne gerückt habe, erklärt Wissler zwar, nicht aber wie ein solches Bündnis den Krieg Russlands verhindert hätte, was die Antwort des Bündnisses auf den Angriffskrieg gewesen wäre und damit letztendlich, was dann der Unterschied zur aktuellen Situation wäre.

So schlug sich Tina Hassel:

Die Leistung Hassels zu beurteilen, hängt ein bisschen von der eigenen Perspektive ab. Wenn man meint, Hassels Job sei es, den Gesprächspartner durch permanentes Nachhaken und Unterbrechen so dicht wie möglich an der eigentlichen Frage zu halten, dann hat Hassel ihren Job gut gemacht. Die Journalistin ließ Wissler kaum Raum für längere Erklärungen, ging sofort dazwischen, wenn sie glaubte, die Linken-Chefin weiche von der eigentlichen Frage ab.

In diesen Sinne brachte Hassel Wissler also zu klaren, kurzen Aussagen, allerdings muss man sich dann generell die Frage stellen, welchen Sinn solche „Sommerinterviews“ haben. Denn die permanente Verknappung von mitunter komplexen Themen auf kurze Statements, macht es dem Zuschauer nicht einfacher, sondern schwieriger, die Positionen des Interviewten zu verstehen. Dazu bräuchte es mehr Raum, um die Dinge differenzierter zu erklären.

Die vielen Herausforderungen rund um Migration, ihre Ursachen und den besten Umgang damit sind jedenfalls nicht mit der bloßen Antwort auf die Frage Hassels ausreichend erklärt, ob die Linke nun einen Aufnahme-Stopp von Geflüchteten will oder nicht – ganz egal, wie man dazu steht. Tina Hassel macht aber genau das und hält am Ende fest, dass Wissler nichts dazu gesagt habe, wie sich die Linke die Steuerung von Migration vorstellt – ironischer Weise mit dem Nachsatz: „Da könnte man auch lange noch drüber reden.“

Das Fazit:

Wenn man sich von einem „Sommerinterview“ wie diesem klare und einfache Statements erwartet, dann ist im Gespräch von Tina Hassel und Janine Wissler vieles richtig gelaufen. Die Journalistin hakte nach, bis sie von Wissler die von ihr gewünschten Aussagen bekam. Wissler wiederum schwurbelte in den meisten Fällen auch nicht lange herum, etwa beim Ukraine-Krieg: „Russische Truppen haben in der Ukraine nichts zu suchen. Wir fordern den Abzug aller russischen Truppen und ein Ende dieser Kriegsverbrechen, die dort stattfinden“, erklärt Wissler an einer Stelle.

An anderer Stelle wird Wissler ebenfalls deutlich. Als Hassel fragt, ob die Linke nach ihrem 17. auch den 18. Geburtstag feiern werde, gibt sich Wissler zuversichtlich: „Auf jeden Fall werden wir das erreichen.“ Die Parteivorsitzende sagt aber auch: „Wir diskutieren jetzt gerade: Wie können wir wirklich den Schalter umlegen. Wir brauchen so etwas wie einen Neustart für die Linke.“

Wenn man sich aber wünscht, dass in einem „Sommerinterview“ – also dann, wenn man sich mal ohne das Parteiengeplänkel, das man aus den täglichen Polittalkshows kennt, zusammensetzen kann – große Themen in Ruhe und Ausführlichkeit besprochen werden, dann war man auch bei dem Gespräch zwischen Tina Hassel und Janine Wissler an der falschen Stelle.

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