• 2015 hat das IOC die Olympischen Winterspiele nach Peking vergeben.
  • Wider besseres Wissen, sagt Alexandra Burghardt im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Leichtathletin hat sich im Bob für die Teilnahme an den Winterspielen qualifiziert.
  • Wie auch die Organisation Athleten Deutschland sieht Burghardt nicht ein, als Sündenbock für eine verfehlte Außenpolitik herhalten zu müssen.

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Sportliche Großereignisse an autoritär regierte Staaten zu vergeben, die es mit der Achtung und Umsetzung der Menschenrechte nicht so genau nehmen, ist kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Erinnert sei beispielsweise an die Fußball-WM 1934 im damals faschistisch verfassten Italien oder die Olympischen Sommerspiele zwei Jahre später in Berlin. Damals verbreitete die Regierung der Nationalsozialisten unter der eigenen Bevölkerung Angst und Schrecken und verfolgte und inhaftierte politisch Andersdenkende.

Anlässlich der Olympischen Winterspiele, die vom 4. bis zum 20. Februar in Chinas Hauptstadt Peking stattfinden, wird über die Haltung Deutschlands zum Austragungsort lebhaft diskutiert. Dies gilt im Übrigen auch für die Ende 2022 in Katar anstehende Fußball-WM. Dabei prallen die Ansichten und Interessen der Sportlerinnen und Sportler auf jene von Politik und Diplomatie.

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Boykottspiele 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles

Erst einmal, anlässlich der Olympischen Sommerspiele in Moskau 1980, entschlossen sich zahlreiche Staaten des politischen Westens - darunter auch Deutschland -, seine Athletinnen und Athleten nicht zum weltweit bedeutendsten Sportereignis zu entsenden. Die Retourkutsche war das Fernbleiben der Nationen des damaligen Warschauer Paktes, des der NATO militärisch und politisch entgegenstehenden Bündnisses, bei Olympia 1984 in Los Angeles.

Vor einem solchen Schritt warnte Tobias Preuß, Vizepräsident der Organisation Athleten Deutschland, im "Morgenmagazin" des ZDF. "Einem sportlichen Boykott der Spiele stehen wir absolut entgegen." Den Sportlerinnen und Sportlern könne nicht die Verantwortung aufgebürdet werden, auf die Menschenrechtsverletzungen in China hinzuweisen und dagegen zu protestieren. "Wir als Sportler hatten keinerlei Teilhabe an der unserer Meinung nach verantwortungslosen Vergabe der Spiele an China. Und nun uns mit diesen Verstößen in Verbindung zu bringen und uns diese Verantwortung aufzuerlegen, dort handeln zu müssen, sehen wir als falsch und unfair an", betonte der einstige Wasserball-Nationalspieler Preuß.

Gleicher Ansicht ist Alexandra Burghardt. Die Leichtathletin nahm bereits an den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro teil und sprintete zuletzt bei den Spielen in Tokio im Sommer 2021 bis ins Halbfinale über die 100 Meter. Als Anschieberin für Olympiasiegerin Mariama Jamanka hat sie sich jüngst für einen Olympia-Start in Peking im Zweierbob qualifiziert.

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Deutschlands beste Sprinterin Alexandra Burghardt schaut nach ihrem Halbfinallauf bei den Olympischen Spielen in Tokio Richtung Anzeigetafel. 11,07 Sekunden und Platz vier reichen nicht zur Qualifikation für den Endlauf.

Alexandra Burghardt: "Probleme sind in Peking 2022 die gleichen wie 2008"

Im exklusiven Gespräch mit unserer Redaktion schüttelte Burghardt über die Vergabe der Winterspiele nach Peking wie Preuß den Kopf. "Es gab schon 2008 Olympische Spiele in Peking. Alle Probleme, die es aktuell zu besprechen gibt, waren auch 2008 schon vorhanden und bekannt." Burghardt fehlt das Verständnis dafür, "warum man dann Olympische Spiele wieder dorthin vergibt". Stattdessen hätten IOC und Politik versuchen sollen, etwas "an den Gegebenheiten vor Ort zu ändern", oder "darauf Einfluss zu haben".

Burghardt sieht die Menschenrechtsverletzungen in China ebenso kritisch. Ihr stößt sauer auf, dass die bekannten Probleme "am Ende immer bei den Sportlern landen und auf deren Rücken ausgetragen werden. Ich fände einen sportlichen Boykott nicht gut."

Olympia 2022: Dem Boykottbeschluss der USA schlossen sich bereits vier Länder an

China steht wegen Menschenrechtsverletzungen im Umgang mit Uiguren und Tibetern, wegen der Unterdrückung der Demokratiebewegung in Hongkong und den Drohungen gegen Taiwan in der Kritik. Die USA hatten angekündigt, keine diplomatischen oder offiziellen Vertreter zu den Spielen nach China zu schicken. Australien, Kanada und Großbritannien schlossen sich dem an. Auch Neuseeland will keine diplomatischen Vertreter nach China senden.

Die Athleten hätten laut Preuß kein Interesse daran, als Spielball zu fungieren. Burghardt ergänzte: "Wir Sportler sind auch vom Olympia-Zyklus abhängig, Förderungen sind davon abhängig." Letzten Endes ginge es um "ganze Existenzen".

Burghardt kann sich "vorstellen, dass es auch von deutscher Seite aus noch zu einem diplomatischen Boykott kommt". Dieser Meinung schloss sich auch CDU-Außenpolitiker Johann Wadephul im ZDF-"Morgenmagazin" an. Der Fraktionsvize der Union im Bundestag forderte Deutschland und Europa gar auf, sich dem diplomatischen Boykott anzuschließen.

Zugleich übte der 58-Jährige scharfe Kritik am Internationalen Olympischen Komitee und dessen Präsidenten Thomas Bach. Das IOC habe die Olympia-Vergabe an Länder wie China zu verantworten. "Wer sich so instrumentalisieren lässt wie das IOC, verlangt ja geradezu von der europäischen Politik, dass wir jetzt ein klares Zeichen setzen", sagte Wadephul.

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"Ein politischer Boykott könnte eine Maßnahme sein, um die Aufmerksamkeit zu schüren und ein Zeichen, nicht nur an China, sondern auch die internationalen Sportverbände zu setzen, sich ihrer Verantwortung in der Durchsetzung, Einhaltung und Einforderung der Menschenrechte bewusst zu sein", sagte Preuß. "Es darf aber keine Schaufensterpolitik sein, keine Symbolpolitik." Die Politik solle Menschenrechte glaubwürdig einfordern, von Staaten genauso wie von Sportverbänden.

Alexandra Burghardt: "Das weiß das IOC genau"

Burghardt unterstrich, das IOC wisse genau, dass Peking zu den kritischen Orten gehört, an die Olympia nicht vergeben werden sollte. In der Zukunft solle besser geschaut werden, "wo man solche Spiele austrägt".

Im vergangenen Sommer hatte sich bereits Ski-Held Felix Neureuther voller Sorge über die Spiele in Peking und die gefährdete Zukunft Olympias generell geäußert.

"Sonst stirbt Olympia aus": Felix Neureuther kritisiert das IOC für Spiele in Peking

Felix Neureuther sieht die Zukunft der Olympischen Spiele gefährdet. Olympia müsse nachhaltiger werden, sagt die deutsche Ski-Legende. Mit Blick auf Peking 2022 fordert Neureuther beim Problem im Umgang mit Menschenrechten ein Eingreifen der Politik. (Vorschaubild: imago images/Eibner/Memmler) © ProSiebenSat.1

Die "bobfahrende Leichtathletin", wie sich Burghardt gegenüber unserer Redaktion selbst umschrieb, richtete einen Appell an Regionen in Deutschland, die infrastrukturell in der Lage wären, Olympische Spiele "sehr gut auszutragen. Wir hatten in Deutschland schon ein-, zweimal die Chance, Winterspiele in naher Zukunft austragen zu können. Das war aber von der Bevölkerung nicht gewollt." Burghardt verstehe das nicht ganz. "Olympische Spiele sind eine megatolle Sache."

Münchens mögliche Kandidatur für 2022 scheiterte 2013

Im November 2013 hatten Bürgerentscheide Münchens geplante Bewerbung für die Winterspiele 2022 gestoppt. Zuvor, 2011, war bereits Münchens offizielle Kandidatur für Olympia 2018 auf der Zielgeraden am IOC gescheitert - das hatte sich damals für Pyeongchang in Südkorea entschieden.

Mit Material der dpa
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Passend zur Jahreszeit und den bevorstehenden Winterspielen in Peking herrscht zwischen den Regierungen der USA und Chinas Eiszeit. Auslöser ist die Ankündigung der einen Großmacht, Olympia bei der anderen Großmacht im Februar 2022 zu ignorieren - zumindest administrativ.