Den WM-Pokal hat Stefan Effenberg nie gewonnen, im Sommer 1994 in den USA aber ein unvergessenes Kapitel deutscher WM-Geschichte geschrieben.

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Das würde es heute im Zeitalter von Dutzenden Stadion-Kameras und Tausenden Smartphones nicht mehr geben: Vom berühmtesten Stinkefinger in Deutschlands Sportgeschichte gibt es nicht ein einziges Foto oder Video.

Von der neuen Saison an arbeitet er erneut als TV-Experte.

Effes Stinkefinger beendet seine WM 1994

Vor genau 25 Jahren ließ sich Stefan Effenberg in Dallas zu jener obszönen Geste mit ausgestrecktem Mittelfinger gegen deutsche Fans hinreißen, die zu seinem Rauswurf aus der Fußball-Nationalmannschaft führte - mitten in der WM.

"Mit 10.000 Dollar hätten wir uns lächerlich gemacht bei den Einkommen der Spieler", begründete der damalige DFB-Präsident Egidius Braun die radikale Strafe gegen Effenberg.

Der damalige Weltmeister Deutschland besiegt am 27. Juni 1994 in Dallas Außenseiter Südkorea im finalen Gruppenspiel der WM nur mit 3:2. In folgender Besetzung, stehend (v.l): Bodo Illgner, Jürgen Kohler, Thomas Berthold, Matthias Sammer, Stefan Effenberg, Guido Buchwald. Hockend (v.l.): Thomas Häßler, Andreas Brehme, Jürgen Klinsmann, Karlheinz Riedle, Lothar Matthäus.

27. Juni 1994, drittes WM-Gruppenspiel im Stadion "Cotton Bowl" bei extremer Hitze: Titelverteidiger Deutschland quälte sich gegen Südkorea trotz eines 3:0-Vorsprungs.

Rund 1.000 deutsche Anhänger machten in Effenberg den Sündenbock aus. Er habe sich leider von den Fans, die immer wieder "Effenberg raus" gerufen hätten, provozieren lassen, sagte später der Betroffene: "Das muss man schon verstehen. Du spielst bei 50 Grad. Du hast den Adler auf der Brust. Du spielst ums Achtelfinale in Amerika. Und da passiert so etwas."

Nur wenige Zuschauer sahen im Stadion Effenbergs Stinkefinger, kein Fotograf und kein Kameramann hielt die Szene fest. Ein existierendes Foto des lachenden Effenberg mit ausgestrecktem Mittelfinger wurde zu einer anderen Zeit aufgenommen und dient heute quasi als Motiv-Bild.

In der improvisierten Mixed-Zone mit lärmenden Klima-Aggregaten, die bei den Temperaturen auch keine Chancen hatten, drehten sich die Gespräche zwischen Spielern und Journalisten damals nur um die großen Schwierigkeiten nach dem 2:3-Anschluss der aufmüpfigen Südkoreaner.

Der verhängnisvolle 27. Juni 1994 in Dallas: Südkorea setzt Weltmeister Deutschland im abschließenden Gruppenspiel mächtig zu. Stefan Effenberg, links, bemüht sich, Ko Jeong Woon abzuschütteln. Nach dem mageren 3:2 der DFB-Elf pfeifen die deutschen Fans und beschimpfen die Mannschaft. Effenberg verliert die Nerven und zeigt ihnen den Stinkefinger.

Verbandsboss Braun, der nicht mit zurück ins WM-Stammquartier in Oak Brook bei Chicago geflogen war, aber ließ sich von den Fans Effenbergs Ausraster schildern. Noch in der Nacht fiel nach einem Telefonat mit Bundestrainer Berti Vogts die Entscheidung gegen Effenberg.

DFB-Präsident Braun ist zutiefst beschämt

"Ich schäme mich in tiefster Seele, dass ein herausragender Vertreter des DFB in übelster Weise das verletzt hat, was wir aufgebaut haben", sagte der heute 94-jährige Braun damals: "Lieber keine Nationalmannschaft, als eine Nationalmannschaft ohne Vorbildfunktion."

Die Mitspieler um die Weltmeister Rudi Völler, Lothar Matthäus, Bodo Illgner und Jürgen Klinsmann hatten noch versucht, die Extremstrafe zu verhindern. "Viele Spieler, zum Beispiel Jürgen Klinsmann, finden es unwahrscheinlich lächerlich", schilderte Effenberg die Reaktionen von Kollegen. Es nutzte nichts.

Der DFB-Boss drohte sogar damit, das gesamte Team aus dem WM-Turnier zurückzuziehen. "Sie wollten mich umstimmen. Doch mit mir war nicht zu reden", bestätigte Braun selbst.

Und so verkündete Pressesprecher Wolfgang Niersbach, später Generalsekretär und Präsident des Verbandes, am nächsten Morgen vor wenigen Medienvertretern auf dem Trainingsplatz: "Stefan Effenberg gehört nicht mehr zur Mannschaft."

Der 25 Jahre alte Mittelfeldspieler vom AC Florenz sollte fünf Tage vor dem Achtelfinale die Heimreise antreten. Aber Effenberg blieb zunächst.

Grillparty bei den Effenbergs

Der Suspendierte zog mit Familie in das "Residence Inn" unweit des Teamhotels in Oak Brook, schilderte dort am Pool ausgelesenen deutschen Medien seine Sicht und organisierte noch eine Grillparty mit seinen ehemaligen Mannschaftskollegen Bodo Illgner und Thomas Häßler.

"Es war eine Überreaktion, die mir jetzt im Nachhinein leid tut", bemerkte Effenberg dazu später. "Nur man sollte beide Seiten sehen. Nicht nur die des bösen Stefan Effenberg, sondern auch, wie die Zuschauer sich verhalten haben."

Nach 33 Länderspielen war zunächst Schluss für den Nationalspieler Effenberg, der immer polarisiert hat. Als Bayern-Akteur war er 1991 ins DFB-Vorzeigeteam gekommen. Nach dem Ende der Ära Vogts 1998 kamen nur noch zwei Partien für Deutschland hinzu.

Stefan Effenberg, links, durfte trotz seines Rauswurfs durch Bundestrainer Berti Vogts, rechts, nach dem Stinkefinger bei der WM 1994 in den USA vier Jahre später in den Schoß des DFB zurückkehren.

Und auch für das stark besetzte Nationalteam endete die Mission Titelverteidigung 1994 in den USA mit einer Blamage: Ein 1:2 im Viertelfinale gegen Bulgarien brachte das Aus. (hau/dpa)