Toni Kroos hat fast alles gewonnen, was es im Fußball zu gewinnen gibt. Erst beim FC Bayern, später bei Real Madrid, nebenher in der deutschen Nationalmannschaft - und das mit gerade mal 30 Jahren. Über den Aufstieg eines Maestros, der in Deutschland noch immer unterschätzt wird.

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"Der war schon immer besser als alle anderen", sagen ehemalige Weggefährten heute über ihn. Manche von ihnen spielen nur noch auf dem Schoppenturnier des eigenen Dorfvereins, andere sind gestandene Fußballprofis. So wie Toni Kroos - also der, der "schon immer besser war als alle anderen".

Doch Kroos ist noch viel mehr - und dabei wird er diesen Samstag gerade mal 30 Jahre alt: Er ist Weltmeister, dazu vierfacher Champions-League-Sieger, deutscher und spanischer Meister, deutscher Pokalsieger, Fifa-Klub-Weltmeister. Und so weiter. Würde Kroos sich zur Wahl des Bundeskanzlers aufstellen lassen, er würde sie wahrscheinlich auch gewinnen. Der Edeltechniker jedoch bevorzugt, den Ball von A nach B zu transportieren. Und das kann Kroos gut, also so richtig gut.

Kein deutscher Fußballer hat so viele internationale Titel gesammelt wie Kroos. Dennoch wird der Mittelfeldstratege von Real Madrid in Deutschland oft unterschätzt und als Querpass-Toni verklärt, weil er Schwieriges so einfach aussehen lässt.

Nicht umsonst gilt Kroos als das Uhrwerk, das den Takt vorgibt, in dem die deutsche Nationalmannschaft und Real Madrid ticken. Mit nun 30 Jahren soll er auch als Führungsspieler vorangehen. Doch der Reihe nach.

Kroos, der FC Bayern, Leverkusen, wieder Bayern und plötzlich Real Madrid

Es ist sein Papa, der dem Sprössling Toni die ersten Schritte im Fußball beim Greifswalder SC zeigt. Als Roland Kroos 2002 die C-Jugend von Hansa Rostock übernimmt, wechselt sein Sohn mit ihm. Das Talent: schwer zu übersehen. Die Ambitionen: grenzenlos. Und so dauert es nicht lange, bis der FC Bayern München anklopft. 2006 ist es so weit. Kroos wechselt zum erfolgreichsten Klub Deutschlands - mit 16 Jahren.

Schon nach einer Saisonhälfte darf Kroos bei den Profis mittrainieren, ein Jahr später feiert er sein Bundesliga-Debüt gegen Energie Cottbus und bereitet zwei Treffer von Miroslav Klose vor. Dennoch wird das Ausnahmetalent in München nicht so wirklich warm, erst die Leihe zu Bayer 04 Leverkusen 2009 unter Trainer Jupp Heynckes hievt Kroos auf das nächste Level. Bei seiner Rückkehr an die Säbener Straße 2010 ist der Greifswalder gereift, steigt zum Stammspieler auf. Erst beim FCB, dann beim DFB.

Und doch: Der FC Bayern ist nicht sein Verein. Weil sich Klub und Spieler 2014 nicht auf eine Vertragsverlängerung einigen können, zieht es Kroos für knapp 25 Millionen Euro Ablöse zu Real Madrid. Es ist der Beginn einer wahren Erfolgsstory.

Real Madrids Maestro trägt den Namen Kroos

Kroos findet im mit Stars und Glamour gespickten Real Madrid schnell seine Rolle. Er ist der Maestro in einem Team vieler Zauberfüße. Wer die Highlights der Spiele anschaut, bekommt Kroos dennoch nur selten zu Gesicht. Denn dort interessieren nur die Tore der Ronaldos und Benzemas dieser Welt. Kroos hingegen spielt den Pass vor dem Pass, den es benötigt, damit es überhaupt zum Tor kommt.

Kroos ist eben ein Maestro, ein Dirigent, der nur dann auffällt, wenn er einen Fehler macht, weil er sonst nie einen Fehler macht. Oder wie es Heynckes in einem "kicker"-Gastbeitrag formuliert: "Er ist ein Teamplayer, wie man ihn sich nur wünschen kann, aber quasi machtlos, wenn das Team nicht funktioniert."

2014, in Brasilien, nennen ihn die Einheimischen "Garçon", den Kellner. Weil Kroos den Ball seinen Mitspielern immer perfekt auf den Fuß serviert. Und Bundestrainer Joachim Löw schwärmt samstags, fünf Jahre später, nach dem 4:0-Sieg gegen Weißrussland in der EM-Quali: "Toni hat einfach eine überragende Orientierungs-Fähigkeit auf dem Platz, er führt die Mannschaft an."

Hoeneß gibt Fehler in der Causa Kroos zu

Diese Sicht auf den Fußballer Kroos haben freilich noch immer nicht alle. Selbst Kommentatoren-Legende Marcel Reif gibt heute zu: "Es gibt wenige Spieler, in denen ich mich so getäuscht habe."

Als Bayern das "Finale dahoam" 2012 dramatisch verliert, wird Kroos an den Pranger gestellt, weil er keinen Elfmeter schießen wollte. Trainer-Ikonen werden Jahre später etwas anderes sagen: "In den schwierigsten Momenten ist er der Mutigste von allen", sagt Pep Guardiola. "Er ist in keiner Situation überfordert", betont Heynckes.

Und selbst Uli Hoeneß gibt in einem seltenen Anflug von Selbstkritik zu, dass es "vielleicht" ein Fehler war, Kroos nach Madrid ziehen zu lassen. Denn Kroos ist eben kein Tore-schießender Ronaldo und auch kein blutender Gladiator alias Bastian Schweinsteiger, nein. Kroos ist Wegbereiter und Profiteur dieser Geschichten zugleich.

Toni Kroos: Besser als (fast) alle anderen

Die Kroos-Kritiker fühlen sich bestätigt, als das DFB-Team 2018 krachend in der WM-Vorrunde scheitert. Kroos spielt schlecht, alle spielen schlecht. Die Folgesaison mit Real wird nicht besser, weil Real Madrid nach den Abgängen von Ronaldo und Zinedine Zidane in eine tiefe Depression fällt. Kroos wird für beides zum Sündenbock gemacht, obwohl er nur Teil eines nicht funktionierenden Konstrukts ist.

Jetzt, anderthalb Jahre später, befinden sich sowohl die deutsche Nationalmannschaft als auch Real Madrid wieder im Aufschwung - mit ihnen Toni Kroos. Beim 4:0 gegen Weißrussland trifft er erst mit rechts, später sehenswert mit links - ein Doppelpack. Das war dem Taktgeber zuletzt 2014 beim epochalen 7:1-Sieg im WM-Halbfinale gegen Brasilien gelungen. Und bei den Königlichen glänzt Kroos derzeit mit einer Passquote von 93,2 Prozent. Kein Spieler in La Liga ist besser.

Die spanische "Marca" schrieb im November, Kroos sei der beste Deutsche, der je für Real Madrid die Schuhe geschnürt hat, besser sogar als Günter Netzer. Eine Heiligsprechung der Extraklasse! Denn in Spanien haben sie begriffen: Kroos ist besser als die meisten anderen. Man muss nur genau hinschauen.

Verwendete Quellen:

  • transfermarkt.de: Toni Kroos
  • whoscored.com: Toni Kroos
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