Deutschland wird die Weltmeisterschaft 2027 nicht austragen, sondern Brasilien. Man wird das Gefühl nicht los: Der gemeinsame Auftritt mit den Niederlanden und Belgien war ein Fehler.

Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Pit Gottschalk dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Die Männer-Fußballweltmeisterschaft findet 2026 in drei Ländern statt: Kanada, USA und Mexiko. Man kann alle drei Gastgeber guten Gewissens unter dem Namen des Kontinents zusammenpacken und hat einen griffigen Veranstaltungsort: Nordamerika-WM – das versteht jeder Fan sofort. Keine Erläuterung notwendig.

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Die WM 2030 stellt schon größere Herausforderungen an die Geografie-Kenntnisse aller Fußballkulturen weltweit. Das Turnier startet in Südamerika (Uruguay, Argentinien und Paraguay) und setzt die Vorrunde in Marokko, Spanien und Portugal fort. Ja, wie sagt man jetzt? Südeuropa-Nordafrika-WM? Mittelmeer-Atlantik-WM? Oder einfach: Transatlantik-WM? Alles Quark.

Man merkt schnell: Unser Beziehungsstatus zu dieser WM 2030 wird von Anfang an kompliziert sein. Irgendwann wird man am Fernsehgerät schon nicht mehr wissen, woher die Übertragung gerade kommt. Der Veranstaltungsort ist austauschbar. Ist das dem Gastgeber zuträglich? Kann er ein bisschen Werbung für sich machen? Wohl kaum.

Wenn man seine Bewerbung erklären muss, hat man schon verloren

Dieser gedankliche Vorlauf war notwendig, um vielleicht eine Erklärung zu liefern, warum die gemeinsame DFB-Bewerbung zur Frauen-WM 2027 mit den Niederlanden und Belgien zu wenig Zustimmung auf dem Fifa-Kongress erfahren hat. Niemand in der Welt versteht, warum Deutschland, dieses reiche und mächtige Land, kein WM-Turnier alleine auf die Beine stellen will.

Warum waren Holland und Belgien dabei? Natürlich, wir verstehen die Intention dahinter. Geteilte Freude ist doppelte Freude, gemeinsames Europa und so. Aber man muss sich einen Delegierten aus Südafrika oder Malaysia vorstellen, der die Wahl hat. Brasilien: Wir machen das! Deutschland dagegen: Wir auch, aber… Wenn man seine Bewerbung erklären muss, hat man schon verloren.

Brasilien bekam 119 Stimmen, das europäische Bewerber-Trio 78. Im Fifa-Prüfbericht, der die WM-Tauglichkeit dokumentieren soll, bekam Brasilien 4,0 von 5,0 Punkten, der DFB mit seinen zwei Mitbewerbern nur 3,7. Von wirtschaftlichen oder infrastrukturellen Aspekten kann die mittelmäßige Bewertung nicht herrühren. Es gibt auch weiche Faktoren.

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Deutschland kann nicht nur Beifahrer sein

Der DFB sollte mit größerem Selbstvertrauen auftreten und sagen: So eine Frauen-Weltmeisterschaft kriegen wir auch alleine hin! Das Signal geht ja auch nach innen: Etliche Bundesländer hätten 2027 kein WM-Spiel austragen dürfen und irgendwann gefragt: aber Nachbarländer schon? Man darf diese Signalwirkung nicht unterschätzen. Der Slogan "BNG2027" war nix. Deutschland kann nicht nur Beifahrer sein.

Aber hat die Fifa die Weltreise bei der Vielstaaten-WM 2030 der Männer nicht abgenickt? Ja, hat sie. Doch nur, weil’s Fifa-Präsident Gianni Infantino so wollte. Er brauchte den Trick, damit die WM 2034 anschließend turnusmäßig in seinem geliebten Saudi-Arabien stattfinden kann. Diese Kungelei wird DFB-Präsident Neuendorf nicht hinbekommen – aber eine neue und eigene WM-Bewerbung. Ein Land, eine WM: Das muss seine Botschaft sein.

Der Frauenfußball in Deutschland befindet sich gerade in der Phase einer professionellen Erneuerung, die Olympiateilnahme in Paris motiviert Tausende von Mädchen zum Fußballtraining. Die Stadien, die Pokalfinale, sind randvoll, wenn’s beim Frauenfußball um was geht. Die Bundesliga-Klubs, allen voran Bayern München, VfL Wolfsburg und Eintracht Frankfurt, machen einen prima Job.

Schon 2011 haben wir eine Weltmeisterschaft für die Frauen veranstaltet (und den WM-Titel leider nicht verteidigt). Es gibt keinen Grund, die Mühen und den Aufwand eines weiteren WM-Turniers mit Nachbarländern zu teilen. Bei den Männern würde der DFB das auch nicht tun. Also nur Mut, DFB, bereitet die nächste Bewerbung vor – aber alleine!

Über den Autor

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