• Beim Sieg des DFB-Teams gegen Portugal stehen Moderatorin Jessy Wellmer und Experte Bastian Schweinsteiger im Mittelpunkt. Die gut aufgelegte Expertenrunde mit Almuth Schult, Kevin-Prince Boateng und Stefan Kuntz wird nur selten zugeschaltet.
  • Das Zusammenspiel zwischen Wellmer und Schweinsteiger funktioniert nicht sonderlich gut, die Stärken des Ex-Nationalspielers kommen nicht zum Tragen.
  • Vielleicht wäre Schweinsteiger auf einer anderen Position besser aufgehoben.
Christian Stüwe
Eine Kritik
von Christian Stüwe

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Temperaturen von mehr als 30 Grad am frühen Samstagabend in München, dazu ein Spiel mit sechs Toren. ARD-Experte Bastian Schweinsteiger dürfte aber nicht nur wegen der Hitze und des turbulenten Spielverlaufs beim 4:2-Sieg der deutschen Mannschaft gegen Portugal ordentlich ins Schwitzen gekommen sein.

Denn der Ex-Nationalspieler war im Dauereinsatz. Vor dem Anpfiff, während des Spiels, in der Halbzeit und nach Abpfiff musste Schweinsteiger analysieren, einschätzen, kommentieren und Interviews führen. Dabei schlug er sich teilweise gut, manches ging aber auch daneben - vor allem im Zusammenspiel mit Moderatorin Jessy Wellmer.

Im Studio waren erneut Almuth Schult, Kevin-Prince Boateng und Stefan Kuntz im Einsatz. Wir haben uns die Auftritte der ARD-Experten ganz genau angeschaut.

Die Experten vor dem Spiel

Können Fußballexperten eigentlich auch ohne weiße Sneaker zur Anzugshose auskommen? Anscheinend nicht. Auch Stefan Kuntz und Kevin-Prince Boateng setzten auf den Schuhtrend, der schon die ganze EM hindurch den Experten-Look bestimmt.

Almuth Schult ließ am Samstag allerdings die Sportschuhe im Schrank und setzte auf graue Schuhe mit Absatz. Ansonsten präsentierte sich die Torhüterin des VfL Wolfsburg und der DFB-Frauen, die zuletzt mit einem Lachflash im Studio für Aufsehen gesorgt hatte, aber souverän wie schon von ihren letzten Einsätzen gewohnt. Gut vorbereitet, mit taktischem Wissen und klaren Analysen. Boateng packte erneut einige lockere Sprüche aus, Kuntz brachte sein Fachwissen als Trainer ein.

Allerdings durfte die gut aufgelegte, von Alexander Bommes moderierte Expertenrunde nicht sehr viel zum Spiel der deutschen Mannschaft beitragen. Denn schon während der Vorberichterstattung übernahm das zuletzt stark in der Kritik stehende Duo Jessy Wellmer und Bastian Schweinsteiger und interviewte ausführlich Bundestrainer Joachim Löw.

Wellmer stellte den Großteil der Fragen, Schweinsteiger analysierte die Taktik und erhielt dafür Zuspruch von Löw. Dies dürfte dem 36-Jährigen gutgetan haben, schließlich war er zuletzt sogar von seinem langjährigen Mitspieler Mats Hummels für seine Erläuterungen zu dessen Eigentor gegen Frankreich öffentlich kritisiert worden.

Die Experten während des Spiels

Das ZDF setzte beim deutschen Spiel gegen Frankreich auf das Duo Bela Rethy und Sandro Wagner. Bei der ARD kommentierte Gerd Gottlob alleine, Schweinsteiger wurde in jeder Halbzeit einmal kurz zugeschaltet.

Das ging in der ersten Hälfte nach Ronaldos Führungstor allerdings ziemlich schief. Gottlob sprach Schweinsteiger an, es folgten 35 Sekunden quälende Stille. Dann war Schweinsteiger plötzlich zu hören, seine Analyse war allerdings nicht sonderlich aufschlussreich. Weitermachen, nicht einschüchtern lassen, bei Kontern aufpassen, forderte Schweinsteiger, bevor ihm auch noch Gottlob ins Wort fiel und ihn unterbrach.

Warum die DFB-Elf das Gegentor bekommen hatte und wer Fehler gemachte hatte, erklärte Schweinsteiger nicht, beziehungsweise fielen diese Ausführungen vermutlich den Tonproblemen zum Opfer. Auch wenn seine Einbindung in der zweiten Hälfte besser klappte, ist das ZDF-Modell mit Sandro Wagner als echtem Co-Kommentator die überzeugendere Lösung.

Die ARD-Experten in der Halbzeit

Die Halbzeitanalyse fiel relativ kurz aus, da die ARD die frühe Anstoßzeit vor 20 Uhr für zwei ausgiebige Werbeblöcke nutzte. Ins Studio zur Expertenrunde wurde gar nicht geschaltet, stattdessen mussten wieder Wellmer und Schweinsteiger ran, denen an diesem heißen Abend in München praktisch keine Pause gegönnt wurde. Schweinsteiger analysierte die Tore gut, auch wenn er einen gewissen Hang dazu hat, fußballtypische Phrasen zu bemühen.

Deutschland - Portugal: Die Experten nach dem Spiel

Wieder waren es Wellmer und Schweinsteiger, die die Zuschauerinnen und Zuschauer nach dem Abpfiff begrüßten und erneut Bundestrainer Löw interviewten. Auch dabei gab es einige Unstimmigkeiten. Wellmer fragte Löw nach Spielern, die sich Blessuren zugezogen hatten und lachte dabei mehrfach laut, obwohl das Thema nicht sonderlich lustig ist. Löw und Schweinsteiger lächelten gequält, im Moment des Sieges ließ sich das wohl verschmerzen.

Als Schweinsteiger wenig später die Laufwege von Thomas Müller analysierte, fiel ihm Wellmer ins Wort. "Das ist ja eine super Analyse, haha", freute sich die Moderatorin, was außer ihr wohl wieder niemand - und Schweinsteiger schon gar nicht - lustig fand.

Als nach der "Tagesschau" zurück ins Studio gegeben wurde, tadelte dann auch noch Stefan Kuntz das Duo wegen des Interviews mit Jogi Löw vor dem Anpfiff. "Die Art und Weise, wie man ihn im Interview vor dem Spiel angegangen hat, hat mir nicht gefallen", sagte Kuntz und bekam viel Applaus vom Publikum.

Der Spruch des Abends

"Meine Wunschelf haue ich in die Tonne" - Kevin-Prince Boateng hatte sich vor der Partie eine andere Aufstellung gewünscht. Nach dem Spiel zeigte er sich mit gewohnt deutlichen Worten selbstkritisch.

Fazit zum Deutschland-Spiel

Gerhard Delling und Günther Netzer haben einst vorgemacht, wie das Zusammenspiel zwischen einem TV-Journalisten und einem Fußballexperten perfekt funktionieren kann. Davon sind Jessy Wellmer und Bastian Schweinsteiger weit entfernt. Wenn Schweinsteiger über Fußball sprechen und analysieren kann oder Anekdoten aus seiner außergewöhnlichen Karriere zum Besten gibt, funktioniert dies wunderbar.

Allerdings gibt ihm Wellmer oft nicht die richtigen Stichworte dafür, die TV-Journalistin versucht stattdessen bemüht lustig zu sein, was Schweinsteiger nicht entgegenkommt. Vielleicht wäre der Weltmeister von 2014 tatsächlich als Co-Kommentator an der Seite von Gerd Gottlob besser aufgehoben gewesen.

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Robin Gosens
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