Sportvorstand Max Eberl gaukelt Gelassenheit vor. Aber es ist schon wahr: Die Bayern haben nicht den Kandidaten Xabi Alonso und Julian Nagelsmann abgesagt, sondern die Trainer den Bayern. Nur Zufall?

Eine Kolumne
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Nun kehrt Julian Nagelsmann also doch nicht zu Bayern München zurück. Der Bundestrainer hat sich kurzfristig entschieden, seinen Vertrag beim DFB um zwei Jahre zu verlängern. Wenn die Heim-EM 2024 besser läuft als die vergangenen Turniere unter Joachim Löw und Hansi Flick, betreut Nagelsmann die deutsche Nationalmannschaft auf dem Weg zur Amerika-WM 2026.

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Dafür sollte man Nagelsmann aus zwei Gründen loben

Erstens: Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ein Fußballtrainer auf das höhere Millionengehalt bei einem Spitzenverein verzichtet, um sich persönlich und regelmäßig dem Urteil von 80 Millionen Besserwissern auszusetzen. Nominierungen und Startaufstellungen sowie Spielweise und Ergebnisse sind immer eine nationale Angelegenheit.

Zweitens: Nagelsmann geht volles Risiko. Wenn die Heim-EM schiefläuft, ist sein DFB-Job in Gefahr; eine entsprechende Kündigungsklausel soll es geben. Die Ausfahrt Säbener Straße wäre dann jedoch geschlossen. Mit seinen dann 37 Jahren wird Nagelsmann zwar keine Schwierigkeit haben, einen neuen Arbeitsplatz irgendwo in Europa zu finden. Aber halt nicht vor der Haustür in München.

Die Bayern wollten ihn nicht, jetzt bekommen sie ihn auch nicht

Bemerkenswert ist, dass der DFB offensichtlich gute Argumente zum Verbleib gefunden hat. Eines wird Rudi Völler als Sportdirektor gewesen sein; er garantiert in den zwei Jahren Orientierung. Ein anderes lieferte der FC Bayern selbst. Das letzte Bekenntnis zu Nagelsmann hat gefehlt; nicht jeder wollte ihn. Eine schöne Genugtuung für Nagelsmann, wenn man dann einfach "Nein!" sagen kann.

Der neue Sportvorstand Max Eberl hat das Thema Nagelsmann mit einstudierter Gelassenheit heruntergespielt. Aber es ist schon wahr: Die Bayern haben nicht den Kandidaten Xabi Alonso und Julian Nagelsmann abgesagt, sondern die Trainer den Bayern. Nur Zufall? Der Verdacht liegt nahe, dass der Rekordmeister unter Trainern nicht mehr der Sehnsuchtsort Nummer 1 aller Karriereträume ist.

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Von Carlo Ancelotti bis Thomas Tuchel hatten über Jahre Weltklassetrainer beim FC Bayern mit Widerständen und Vorbehalten, Gequengel und Aufplustern zu hantieren. Und gingen vorzeitig. Sogar Hansi Flick, der sechs Titel in einem Jahr gewann. Die Branche registriert das genau: Im Fegefeuer der Eitelkeiten arbeitet kein Trainer gerne. Der neue Bayern-Coach wird wissen müssen, was er tut.

Wenn der neue Bayern-Trainer Zinedine Zidane heißt, wird jeder rufen: Wow! Der französische Weltmeister von 1998 hat mit Real Madrid viermal die Champions League gewonnen und ist über jeden Zweifel erhaben. Kommt dagegen Robert De Zerbi vom englischen Erstligisten Brighton & Hove Albion, wird die Begründung defiziler: Er ist ein Monk (heißt: Besessener), aber noch kein Erfolgstrainer.

Alle anderen Kandidaten, von denen Eberl immer spricht, liegen irgendwo dazwischen und sind nicht mehr als ein Versprechen, dass sie aus dem "zweitbesten Kader in Europa" (Ex-CEO Oliver Kahn) das Maximale herausholen. Was jeder weiß: Erste Wahl waren sie offenbar nicht. Das muss nichts heißen, nur so viel: Komplizierter war die Suche nach einem neuen Bayern-Trainer wohl selten.

Über den Autor

  • Pit Gottschalk ist Journalist, Buchautor und ehemaliger Chefredakteur von SPORT1. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit'ch erhalten Sie hier.
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