Mit Javi Martinez verlässt eine Konstante des letzten Jahrzehnts den FC Bayern. Mit ihm verlieren die Münchner nicht nur einen erfahrenen Rotationsspieler, sondern vor allem einen fürs Münchner Herz.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer
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Als der Baske damals im August 2012 in München vorgestellt wurde, war die Fußballwelt noch eine andere. Der FC Bayern hatte zwei titellose Jahre hinter sich und war wegen der heftigen Niederlagen gegen Jürgen Klopps Dortmunder und der bitteren Pleite im Champions-League-Finale 2012 im eigenen Stadion tief verunsichert. Der Sportvorstand, der Martinez der Öffentlichkeit präsentierte, hieß Matthias Sammer und viele Fans fragten sich damals: "Javi wer?"

Martinez war kein Star. Trotzdem überzeugte der damalige Bayern-Coach Jupp Heynckes den Vorstand, die Rekordsumme von 40 Millionen Euro lockerzumachen, um den damals 23-Jährigen von Athletic Bilbao wegzulotsen. Dort hatte Martinez vor allem in der Innenverteidigung gespielt, war früh zum Führungsspieler und sogar Kapitän aufgestiegen. Doch Heynckes hatte eine andere Idee mit ihm. Martinez sollte neben dem damaligen Regisseur Bastian Schweinsteiger für Stabilität im Mittelfeld sorgen.

Durchbruch im Jahr 2013

Heynckes und sein Team hatten nach dem verlorenen "Finale dahoam" über den Sommer akribisch gearbeitet und eine Schwachstelle ausgemacht, die es zu schließen galt. Martinez sollte mit seiner Robustheit, seiner Kopfballstärke und seinem schnörkellosen Passspiel das fehlende Puzzlestück sein. Und das, obwohl mit Luiz Gustavo, Anatolij Tymoschtschuk, Toni Kroos und eben Schweinsteiger bereits vier denkbare Optionen für die damalige Doppelsechs im Kader standen. Nicht jedem erschloss sich dieser Transfer damals sofort.

Doch der erfahrene Bayern-Coach sollte recht behalten. Martinez hob das Münchner Spiel auf eine neue Stufe. Praktisch vom ersten Tag an. Jedem Bayern-Fan ist noch heute präsent, wie der robuste Defensivspezialist im Halbfinale der Champions League 2013 gegen den FC Barcelona das damalige Übermittelfeld um Xavi, Busquets und Iniesta terrorisierte, bis diese die Lust am Kurzpass-Dauerfeuerwerk verloren. Ballgewinn über Ballgewinn sammelte Martinez damals mit seiner beharrlichen, unermüdlichen Arbeit im Bayern-Mittelfeld. Die Münchner gewannen mit 4:0 und legten damit den Grundstein für das erste Triple der Vereinsgeschichte.

Sieben Jahre später sind nur noch wenige aus der 2013er Mannschaft dabei, als die Münchner sich im August 2020 erneut die europäische Krone aufsetzen. Manuel Neuer, David Alaba, Jerome Boateng, Thomas Müller. Und eben Martinez, der inzwischen aber ins zweite Glied gerückt ist und meist als Einwechselspieler agiert.

Viele Verletzungen bremsten Martinez aus

Der Spanier hatte nach seiner überragenden Auftaktsaison mit vielen Verletzungen zu kämpfen. Am schwersten traf ihn ein Kreuzbandriss im Supercup gegen Dortmund vor der Saison 2014/2015. Auch wenn er danach immer wieder Phasen hatte, in denen er zum Stammpersonal der Münchner gehörte und gut spielte: Diese Kombination aus Kopfballstärke, Zweikampfhärte und für seine 1,89 Meter erstaunliche Geschmeidigkeit, die ihn zu Beginn seiner Bayern-Zeit auszeichnete, erreichte er so nie wieder.

Trotzdem gehört Martinez heute für viele Münchner zum Inventar des FC Bayern. Das hängt auch damit zusammen, dass der Spanier ohne jegliche Deutschkenntnissen sich vom ersten Tag an mit einer Offenheit, Freude und Leichtigkeit in München bewegte, dass er bei den Münchner Fans von Tag eins ein besonderes Standing genoss. Dazu passt, dass der Klub ihn in dieser Woche mit ganz großem Bahnhof und so nur selten vernommenen Lobeshymnen von Karl-Heinz Rummenigge, Oliver Kahn und Co. verabschiedete.

Als Typ ist der Abgang von Martinez also nur schwer zu kompensieren. Als Fußballer wird der FC Bayern hier mit Sicherheit Lösungen finden. In der Innenverteidigung rückt ein junger Tanguy Nianzou (18) nach, der aufgrund seines Talents mit Sicherheit im Fokus von Bayerns neuem Coach Julian Nagelsmann steht. Und im zentralen Mittelfeld ist die Auswahl mit Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Jamal Musiala und Marc Roca schon jetzt in Ordnung. Gut möglich, dass für den selten überzeugenden Corentin Tolisso bald noch eine zusätzliche Option hinzukommt.

Neun Jahre FC Bayern, jedes Mal Meister?

Stellt sich nur noch eine Frage: Wen bringt ein Bayern-Trainer eigentlich in Zukunft, wenn der Klub noch einmal das Finale des europäischen Supercups erreichen sollte? Im Jahr 2013 gegen Chelsea und im Jahr 2020 gegen Sevilla war die Antwort klar. Javi muss es richten. Beide Male traf der ansonsten selten torgefährliche Martinez in der Verlängerung und brachte die Münchner damit auf die Siegerstraße.

Mit wahrscheinlich neun Meisterschaften, fünf DFB-Pokalsiegen, zwei Champions-League-Titeln und seinen beiden Treffern in den Supercup-Finals hat sich Javi Martinez auf alle Zeit einen festen Platz in den Geschichtsbüchern des FC Bayern gesichert. Seine Bedeutung für den Klub in den Jahren 2012 bis 2021 geht jedoch weit über diese reine Titelsammlung hinaus. Mit ihm geht einer fürs Herz.

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