• Die Gruppe Wagner gilt als die effizienteste, gefährlichste und geheimnisvollste Schattenarmee Moskaus.
  • Wer sind die Kämpfer, was wollen sie?
Eine Analyse

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Der Mann, der Russlands wichtigste Schattenarmee führt, weiß wie es sich anfühlt zu verlieren. Dmitri Utkin, russischer Oberstleutnant, ehemaliger Mitarbeiter des Geheimdienstes GRU und heute Kommandeur der mutmaßlich wichtigsten russischen Schattenarmee namens "Gruppe Wagner", führt im Frühjahr 2013 einen Zug der Söldnertruppe "Slawisches Korps", das syrische Ölfelder und Raffinerien bewachen soll. Die 250 Männer sind kriegserfahren, manche von ihnen haben bereits im tadschikischen Bürgerkrieg und im Zweiten Tschetschenienkrieg gekämpft, nun sollen sie die letzte ökonomische Lebensader des strauchelnden Assad-Clans – einem Verbündeten des Kremls – bewachen.

Am 18. Oktober 2013 kommt es nahe der Provinz Deir Essor zum Showdown. Rund sechstausend syrische Rebellen umzingeln das technisch und zahlenmäßig unterlegene Korps, welches mit Bussen, auf die Stahlplatten zur Verstärkung gelötet wurden, fast schon dilettantisch unterwegs ist. Als ein Wüstensturm das Schlachtfeld bedeckt, flüchten die Russen. Fünf Kämpfer fallen, die Restlichen werden bei der Rückkehr in Moskau vom Geheimdienst verhaftet. Söldnerei war zu diesem Zeitpunkt nach russischem Recht verboten – so stand es zumindest im Gesetz.

Wagner-Söldner: Assoziationen mit dem Dritten Reich

Der 18. Oktober mag für die russischen Ambitionen in Syrien eine Schmach gewesen sein –für Oberstleutnant Utkin winkte eine Beförderung. Bereits ein Jahr später tauchten Teile des "Slawischen Korps" unter dem neuen Namen "Gruppe Wagner" auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim auf, inzwischen besser trainiert und professioneller ausgestattet. Der neue Name, der Assoziationen von Adolf Hitler bis Apocalypse Now weckt, soll auf den Kampfnamen Utkins zurückgehen, wohl einem glühenden Bewunderer des Dritten Reiches und von Hitlers Lieblingskomponisten Richard Wagner. Im Dezember 2016 verlieh ihm Wladimir Putin im Kreml den russischen Tapferkeitsorden, eine Auszeichnung für Selbstlosigkeit, Tapferkeit und Mut.

Seitdem die Gruppe Wagner vor acht Jahren erstmals auf das Radar westlicher Geheimdienste gerät, haben sich die Söldner einen Ruf als geheimnisvolle, ruchlose und effiziente paramilitärische Einheit erarbeitet, die stets dort auf das Schlachtfeld tritt, wo Russland zur Durchsetzung seiner geopolitischen Ziele militärische Schlagkraft benötigt, ohne dass eigene Truppen entsandt werden sollen. Für den Kreml ist der Einsatz von Söldnertruppen, von denen die Gruppe Wagner lediglich die bekannteste ist, ein charmanter Weg, um einen hohen militärischen Blutzoll vor der eigenen Bevölkerung zu verschleiern. Anders als beim Einsatz von Militärs mit Hoheitsabzeichen, wo Öffentlichkeit und Medien Aufklärung verlangen, lässt sich der Einsatz privater Dienstleister leichter vertuschen. Entsprechend hoch werden die menschlichen Verluste der schätzungsweise 2.000 Mann im Verhältnis zu den regulären russischen Streitkräften beziffert.

Söldner tragen zur Irreführung der Bevölkerung bei

Dazu kommt, dass Russland mit dem Einsatz privater Dienstleister in fremde Kriege eingreifen kann, ohne anderen Staaten offiziell den Krieg zu erklären. In den Donbass muss Russland keine Streitkräfte entsenden, um die Separatisten an vorderster Front zu unterstützen, es reichen vermummte Kämpfer mit Sturmgewehren und dem Schriftzug "höfliche Leute". So nannte Putin die Soldaten, die plötzlich auf der Krim aufgetaucht waren und die Halbinsel der Ukraine entrissen hatten. Dass Freiwillige "dem Ruf ihres Herzens folgend und nicht für Geld" dort kämpften, könne der Kreml nicht verhindern, hatte Präsident Wladimir Putin schon 2014 einem ukrainischen Journalisten in den Notizblock diktiert.

Dort wo der Einsatz regulärer Truppen sicherheitspolitisch kritisch, verlustreich oder international heikel wäre sind meist auch jene Kämpfer am Werk, auf deren Ärmelsticker folgender Satz stehen soll: "Unser Geschäft ist der Tod – und das Geschäft läuft gut". Sie heißen dann zum Beispiel "Militär-Berater", "Objektschützer" oder - wie in der Ostukraine - "Grüne Männchen". Im syrischen Bürgerkrieg bildeten Wagner-Mitarbeiter Kämpfer der syrischen Armee aus, eroberten syrische Ölfelder zurück oder beteiligten sich an den Kämpfen um das Weltkulturerbe Palmyra.

Von diesen Kämpfen, die etwa 100 Wagner-Mitarbeitern das Leben gekostet haben sollen, sind schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen dokumentiert. Ein Video zeigt betrunkene Söldner, die einem syrischen Mann, der Anhänger des IS gewesen sein soll, den Schädel mit einem Vorschlaghammer zertrümmerten. Auch in Libyen, dem Sudan, der Zentralafrikanischen Republik, Mosambik oder Venezuela wurden die Kämpfer bereits entdeckt, außerdem in Mali, wo westliche Geheimdienste der Regierung zuletzt vorwarfen, Wagner-Söldner als Militärberater einzusetzen. Eine russische Erfindung ist die Söldnerei indessen nicht. Auch andere Staaten wie die USA, Großbritannien oder Südafrika haben in Konflikten immer wieder auf private Dienstleister gesetzt. Allein das US-Verteidigungsministerium beschäftigte 2016 rund 30.455 Contractors in Afghanistan, davon 10.151 aus den USA und 13.700 aus Afghanistan selbst.

Enge Verstrickungen zu Putin-Vertrauten

Geopolitische Interessen Russlands und die Sorge vor zu hohen Blutzöllen mögen eine Erklärung für den Einsatz der Wagner-Truppen sein – aber nicht die einzige. Vielleicht ist es nur Zufall, dass die Kämpfer häufig dort zum Einsatz kommen, wo wertvolle Bodenschätze unter der Erde schlummern. Wahrscheinlicher ist, dass sich um die Söldnertruppe ein lukratives Geschäftsmodell entwickelt hat, weil klamme Despoten wie der Assad-Clan bereit sind, Sicherheits- und Kampfleistungen gegen den Zugang zu natürlichen Ressourcen ihres Landes zu tauschen.

Wagner-Emissäre gründen dafür lokale Unternehmen, denen der Staat dann Lizenzen zur Ausbeutung von Gold-, Platin-, Uran- oder Diamantenvorkommen überschreibt. So sollen die Wagners in Syrien Anteile am Öl- und Gasgeschäft erhalten haben, im Sudan Schürfrechte an Goldminen und in der Zentralafrikanischen Republik Lizenzen zum Diamant- und Goldabbau.

Putin-Vertraute Jewgenij Prigoschin profitiert von der Gruppe Wagner

Als größter Nutznießer dieses Handels gilt einer der wichtigsten Sponsoren der Gruppe Wagner: Der Putin-Vertraute Jewgenij Prigoschin, der mit einem Restaurant- und Cateringbusiness reich wurde, und neben seinem Gastronomieunternehmen "Konkord" das einzige private Restaurant im Gebäude des russischen Parlaments betreibt. "Putins Koch", so Prigoschins Spitzname, soll seit 2016 einen Vertrag mit der syrischen Regierung haben, nach dem 25 Prozent der Gewinne aus Öl- und Gasfeldern an Prigoschins Firma Evro Polis fallen, wenn russische Söldner die Anlagen zuvor vom Islamischen Staat erobert haben.

Prigoschin soll zudem auch Hauptfinanzier der russischen Trollfabrik "Internet Research Agency" sein, die während der Präsidentschaftswahl 2016 versucht hatte, die amerikanische Öffentlichkeit zu beeinflussen. Inzwischen steht er mit mehreren Vertrauten auf Sanktionslisten der USA und Europa.

Nicht ausgeschlossen ist, dass der nächste Einsatz der Gruppe Wagner auf europäischem Boden stattfinden könnte: In der Ukraine. Ein Ableger der Schattenarmee namens "Rusich" soll nach Angeben des "New America Institutes" in der Nähe der strategisch wichtigen Stadt Charkow im Nordosten des Landes gesichtet worden sein. Es wären dieselben Kämpfer, die 2014 zuerst auf der Krim auftauchten.

Verwendete Quellen:

  • New America - Wagner Group Contingent Rusich on the Move Again
  • Kriegsreisende.de: Die Geschichte der Söldner
  • dashochformat.org: Schattenkrieger Moskaus
  • US-Botschaft und Konsulate in Deutschland – Möglicher Einsatz der Gruppe Wagner in Mali
  • New America – Decoding the Wagner Group
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