Seit die SPD-Führung ihn als Außenminister abserviert hat, ist Sigmar Gabriel nurmehr einfacher Bundestagsabgeordneter. Er behauptet, damit gut leben zu können - und jettet weiterhin um die Welt. Derzeit ist er in den USA. Sein Ziel: verstehen, warum Amerikaner Trump wählen.

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Ein Friseurladen ist ein guter Ort, um zu erfahren, was die Menschen denken. Das gilt auch für "Uncle Joe's Barbershop" in Martinsburg. Sigmar Gabriel ist genau deswegen dort: Der Ex-Außenminister will wissen, wie die Menschen im US-Bundesstaat West Virginia ticken, die Präsident Donald Trump dort 2016 ein fulminantes Wahlergebnis beschert haben.

Eineinhalb Stunden lang unterhält sich Gabriel im "Uncle Joe's", Haarschnitt inklusive: Ladenbesitzer Jason Romage, der Trumps Republikaner unterstützt, legt persönlich Hand am Kopf des Sozialdemokraten an.

Vor fast fünf Wochen ist Gabriel in die USA gekommen, auf Einladung der Elite-Universität Harvard in Cambridge bei Boston. Bevor der SPD-Politiker nach West Virginia aufbricht, hält er am Zentrum für Europastudien einen Vortrag.

Harvard-Professor Karl Kaiser - einer der großen Transatlantiker - stellt den Gast vor: Ministerpräsident Niedersachsens, Bundesminister für Umwelt, danach für Wirtschaft, zuletzt Außenminister und Vizekanzler - und mehr als sieben Jahre lang SPD-Chef. "Der schwierigste Job", murmelt Gabriel.

Nach dem Vortrag wollen deutsche Studenten Fotos mit Gabriel machen, dann muss er los. Als Außenminister stand die Flugbereitschaft der Luftwaffe für ihn parat, nun muss er am Flughafen in Boston wie jeder andere durch die Sicherheitskontrolle, muss Schuhe und Gürtel ausziehen. Gabriel fliegt nach Washington, am nächsten Morgen geht es weiter mit dem Auto nach West Virginia.

US-Zustände bald in Deutschland?

Sein Besuch kommt in angespannten Zeiten, am Dienstag stehen die Wahlen zum Kongress an, dem US-Parlament. "Das Land ist so tief gespalten, wie ich es mir nie hätte vorstellen können", sagt der 59-Jährige. Ihm mache Sorge, dass alles, was in den USA passiere, "zehn Jahre später bei uns ist. Das will ich nicht hoffen."

Während der Fahrt nach West Virginia zeigt Gabriel ein Foto auf seinem Handy, dort steht er neben dem früheren US-Außenminister Henry Kissinger. Gabriel hat den 95-Jährigen gerade in New York besucht, Kissinger hat ihn zu sich nach Hause eingeladen.

An diesem Montag fliegt Gabriel zurück nach Deutschland, wenige Tage später geht es in den Iran, auf Einladung von Außenminister Mohamed Dschawad Sarif. Im Dezember fliegt er nach Katar, eingeladen vom Emir persönlich.

Gabriels Reisepläne erinnern an seinen früheren Posten, dabei ist er nur noch einfacher Bundestagsabgeordneter. Acht Monate ist es her, dass er vom SPD-Führungsduo Andrea Nahles und Olaf Scholz abserviert wurde. "Die aktuelle SPD-Führung wollte mich nicht mehr in Führungsfunktionen sehen, und ich kann damit gut leben", sagt der einstige Vizekanzler auf der Autofahrt in die amerikanische Provinz. Ihm den letzten Teil des Satzes zu glauben, fällt nicht ganz leicht. Kaum etwas treibt ihn mehr um als die miserable Lage seiner Partei.

"Erstmal zuhören"

"13 Prozent!", ruft Gabriel entsetzt, als er die jüngste Forsa-Umfrage auf seinem Handy sieht. "Ich bin viel zu lange in der SPD - weit über 40 Jahre -, als dass man da nicht mitleidet." Daran ändere auch sein erzwungener Abgang nichts: "Frau Nahles und Herr Scholz wollten, dass ich aus der Führung der SPD ausscheide. Das heißt aber nicht, dass mich das Schicksal der Sozialdemokratie nicht kümmern würde."

Gabriel meint, dass seine Partei wieder lernen müsse, auf die Menschen zuzugehen. "Erstmal zuhören, bevor man gleich eine Antwort hat." Auch deswegen fährt er nun nach West Virginia, in einen der ärmsten US-Bundesstaaten. Um Trumps Amerika kennenzulernen, das außerhalb der üblichen Reiseziele deutscher Politiker liegt, die sich zumeist auf Washington, New York und vielleicht noch Kalifornien beschränken.

Zuhören, das tut Gabriel in West Virginia. "Wenn man die Leute reden hört, ist es erstaunlich, wie klug und analytisch sie oft sind", sagt er. Anscheinend hätten sie genug von der klassischen Art der Politik - und sähen in Trump die Alternative dazu.

Dennoch bleibe ihm ein Rätsel, "wie sie übersehen können, dass die größte Gefahr darin besteht, dass er ihr Land total spaltet. Dass seine aggressive Sprache die Radikalität in der Gesellschaft steigern wird. Und dass das in der Geschichte selten zu guten Ergebnissen geführt hat."

Gabriel - ein wichtiger Mann!?

In Martinsburg trifft Gabriel Saira Blair, seit 2014 sitzt sie für die Republikaner im Abgeordnetenhaus von West Virginia. Mit dabei ist ihr Vater Craig Blair, republikanischer Abgeordneter im Senat des Bundesstaats.

Er zollt seiner Tochter Respekt dafür, dass sie sich im Alter von nur 22 Jahren schon wieder aus der Politik verabschieden will. "Das kann so süchtig machen wie eine Droge", sagt Craig Blair über politische Ämter. Gabriel lacht, tätschelt seinen Arm und sagt: "Ja, Sie haben Recht. Sie haben vollkommen Recht."

Danach geht es weiter zum Barbershop, den Jason Romage im Stil der 1920er-Jahre eingerichtet hat. Für Gabriels Besuch hat er Girlanden mit deutschen Flaggen aufgehängt und ein Büffet aufgebaut, es gibt Nudelsalat und Wurst, Kaffee und Kekse.

Der Friseur führt seinen Gast zu einer Frau und deren Sohn, die auf einen Haarschnitt warten. "Hi, I am Sigmar from Germany", stellt sich Gabriel vor. Der Gastgeber ergänzt: "Er ist ein wichtiger Mann in Deutschland." Gabriel sagt: "War ich." Romage widerspricht: "Ist er immer noch."  © dpa

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