Wladimir Putins grauenhafter Krieg mitten in Europa verändert die politischen Koordinaten in Deutschland. Lange verschmähte Institutionen wie Bundeswehr, Nato und EU werden plötzlich wieder wertgeschätzt. Doch was ist mit der Atomkraft?

Dr. Wolfram Weimer
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Russlands brutaler Überfall auf die Ukraine führt in Deutschland zu einem weiträumigen Umdenken. Äußere Sicherheit, für die sich seit 1989 kaum noch jemand ernsthaft interessiert hat, wird plötzlich wieder wichtig. Darum ist es richtig, dass die Bundesregierung Entschiedenheit zeigt, das Land neu rüstet und die Bundeswehr massiv stärkt. Bündnispartner schätzt man – auch das war ein wenig aus der Mode gekommen - auf einmal wieder hoch.

USA, Nato, EU, Energiepolitik: Krieg in der Ukraine führt zum Umdenken

Die USA, auf die viele in Deutschland immer kritischer geblickt haben, sind eben doch unser wichtigster Partner in einer Welt aus immer aggressiveren Despoten. Die viel geschmähte Nato bleibt die zentrale Lebensversicherung, die Europäische Union formt unser gemeinsames Haus.

Nato wie EU haben wir durch die Krise als eine Familie freier Nationen neu erlebt. Auch hier liegt die Regierung richtig – US-Freundschaft, Nato und EU systematisch zu stärken. Und auch die neue Wertschätzung für Freiheit und Demokratie ist uns erschütternd vor Augen geführt, da die tapferen Ukrainer bereit sind, dafür zu sterben.

Auch bei der Energiepolitik verschiebt der Krieg allerlei Koordinaten. Die extreme Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas darf so nicht weitergehen. Hier allerdings tut sich die neue Ampelregierung schwer mit der Korrektur ihrer Politik. Die Hoffnung, dass Deutschland ganz schnell gleichzeitig aus Atom, Kohle, Öl und Gas aussteigen kann, dass die erneuerbaren Energien die Wirtschaftsnation tragen können, ist naiv.

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Ukraine-Krieg verlangsamt den Weg zur grünen Energie in Deutschland

Der Weg in die nicht-fossile Energieversorgung bleibt grundsätzlich zwar richtig. Bis grüne Energie unser Land aber sicher versorgen kann, wird es Jahre dauern. Kurz- und mittelfristig brauchen wir also sichere Brücken, über die Deutschland gehen kann. Wir verfügen über zwei solcher Brücken, die wir in der akuten Lage, nicht unnötig einreißen sollten: Kohle und Atom.

Die Regierungschefs aus Ostdeutschland mahnen zu Recht an, dass ein vorgezogener Kohle-Ausstieg unnötig riskant sei. Deutsche Kohlekraftwerke in dem Moment abzuschalten, da Wladimir Putin Europa mit Gaslieferungen erpresst, ist keine kluge Politik. Die SPD ist in der Kohlefrage für eine realistische Anpassung der Politik offen. Die Grünen allerdings tragen dicke ideologische Scheuklappen, wenn es um Kohle und Atom geht.

Dabei wollen laut Umfragen immer mehr Deutsche, dass man die heimischen Atomkraftwerke lieber noch eine Weile weiterlaufen lassen sollte. Von Elon Musk bis zum bayerischen Ministerpräsident Markus Söder melden sich neue Wortführer dafür, den Atomausstieg zu vertagen und auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung empfiehlt die Verschiebung des totalen Ausstiegs.

Steigende Nachfrage nach Atomkraftwerken

In weiten Teilen Europas folgt man bei der Energiewende lieber dem französischen Vorbild, stärker auf klimafreundliche und billige Kernenergie zu setzen. Mit den Niederlanden, Polen, Tschechien und Frankreich wollen gleich vier unmittelbare Nachbarn Deutschlands die Nutzung der Kernenergie forcieren. Belgien verschiebt seinen Ausstieg. Die niederländische Regierung hat angekündigt, zwei neue Atomkraftwerke zu bauen und das einzige bestehende länger in Betrieb zu halten.

Dazu meldet die internationale Atomenergiebehörde einen globalen Nachfrageschub nach Atomkraftwerken - konkret, dass derzeit 52 neue Atomkraftwerke im Bau seien. Auch kleinere Länder entscheiden sich zusehends für den Neu-Einstieg, derzeit wollen 28 Staaten neu in die Kernkraft einsteigen.

Ein Hauptgrund für das verblüffende Comeback der Kernenergie ist ausgerechnet die globale Klimadebatte, bei der die deutsche Ampelregierung so gerne Meinungsführerschaft übernehmen würde. Emmanuel Macron behauptet, dass Europa die CO2-Neutralität bis 2050 "nicht ohne die Kernkraft erreichen werde".

Ein Grund dafür liegt auch in der technologischen Entwicklung. Mehrere Länder haben neue Mini-Atomreaktoren ("Small Modular Reactors", SMRs) entwickelt, die das Risiko- und Müllproblem stark verringern. Nach Angaben der Atomenergiebehörde befinden sich derzeit 84 SMR-Reaktoren in 18 Ländern in der Entwicklung oder im Bau. Deutschland, das einst in der Atomtechnik weltführend war und heute gerne Klimaretter sein will, sieht plötzlich ziemlich alt aus – aber vielleicht wird auch diese Lektion in der Krise noch gelernt.

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