Bei "Maybrit Illner" trifft ein zweifelnder Juso auf den machtbewussten Groko-Fan Olaf Scholz und CDU-Jungspund Paul Ziemiak auf einen, der seinen PR-Sprech durchschaut. Unterm Strich zeigt sich, wie schwer sich eine schwarz-rote Koalition tun wird.

Eine Kritik
von Christian Bartlau, Freier Autor

Man könnte Hajo Schumacher leicht für einen Luftikus halten, der Journalist hat mal wieder gute Argumente dafür geliefert bei "Maybrit Illner" an diesem Donnerstagabend.

Zuweilen überschäumt er mit viel Freude an der eigenen Pointe den Kaffeesatz, in dem er liest, dann gerät ihm die große Politik ein bisschen zu leicht, dann geht ihm der Lacher vor die Analyse.

Aber dieser Hajo Schumacher hat einen guten Riecher für Bullshit, und er schlägt im richtigen Moment an.

Gerade schwoll dem Jung-CDUler Paul Ziemiak mal wieder ein Wortbeitrag ins Staatstragende an, das einem 32-Jährigen einfach nicht steht, auch nicht in einer Zeit, in der ein 31-Jähriger in Wien tatsächlich einen Staat trägt.

Ziemiak jedenfalls wollte erklären, warum er auf eine Erneuerung der Partei drängt, worum es ihm dabei geht, nämlich so gar nicht um einen Aufstand gegen Angela Merkel oder Macht oder Posten, natürlich nicht, sondern um die Zukunft, um Inhalte, um die Bürger …

"Und um Deutschland, das haben sie vergessen", ätzte Schumacher und ließ die Luft aus der PR-Blase des Chefs der Jungen Union.

Zwei Genossen, drei Meinungen

Natürlich geht es auch um Macht in diesen Tagen, wenn vielleicht auch nicht gleich um "Machtspiele am Abgrund", wie Maybrit Illner ihre Runde betitelte, was die Lust der Redaktion an Katastrophenszenarien offenbar noch immer nicht befriedigte, also setzte sie gleich noch eine Frage hinterher: "Ist Schwarz-Rot noch zu retten?"

Sinnigerweise behandelte Illner die Koalition, über die es ja noch keinen gültigen Vertrag gibt, erst einmal als Summe ihrer Teile. Also debattierte die Runde - neben Ziemiak und Schumacher noch "Welt"-Politikchefin Claudia Kade, Juso Wolfgang Gründinger und SPD-Interimschef Olaf Scholz - über die Einzelschicksale von Union und Sozialdemokraten.

Dabei landete sei bei ziemlich grundsätzlichen Fragen: Wofür stehen die Parteien eigentlich? Wie können sie sich erneuern? Und wie soll das ausgerechnet in einer Großen Koalition gelingen?

Mit der Besetzung zu ihrer Linken hatte die Gastgeberin einen Volltreffer gelandet: Olaf Scholz als Vertreter der SPD-Elite, der fleischgewordene Pragmatismus, der sich kein einziges unbedachtes Wort zu Martin Schulz und Sigmar Gabriel entlocken lässt, und außer einem gelegentlich aufblitzenden höhnischen Lächeln auch keinerlei menschliche Regung.

Neben ihm Wolfgang Gründinger, der ganz grundsätzlich mit seiner Partei hadert - im Wahlkampf, erzählt er, hatten Genossinnen sogar Angst, dass die Menschen sie fragen, wofür die SPD eigentlich stehe.

Darauf hätten sie keine gute Antwort gewusst. Der Koalitionsvertrag, sagt Gründinger, bestehe nur aus Reparaturen, aus nachgeholten Versäumnissen seiner Partei. "Mir fehlt aber das große Projekt, für das die SPD steht."

Ein "lästiges Ministerium" für Jens Spahn?

Die CDU, merkte Claudia Kade süffisant an, stand im Wahlkampf nur für Konturlosigkeit, umso interessanter sei es, dass die Jungen in der Partei erst jetzt die Frage nach der Identität aufwerfen.

Steckt also doch ein Machtkampf hinter den Wortmeldungen der Young Guns um Jens Spahn, Carsten Linnemann und eben Ziemiak zu Leitkultur und Migration?

Auf jeden Fall, meint Hajo Schumacher, und macht dahinter einen "völlig normalen politischen Prozess" aus: Auch Helmut Kohl war mal ein junger Wilder, genau wie später Roland Koch und Friedrich Merz. "Auch damals ging es um Sachen wie Leitkultur, und damals wusste schon keiner, was das sein soll."

Koch und Merz hat Angela Merkel bekanntermaßen im internen Machtkampf geschlagen. Wie sie Jens Spahn trotz ihrer geschwächten Position aus dem Weg räumen kann, dafür hat Schumacher einen guten Tipp parat: "Sie könnte ihm ein lästiges Ministerium geben, Verteidigung vielleicht, das hat noch jeden klein gekriegt."

Erneuerung mit Horst Seehofer und Olaf Scholz?

Für die letzte Amtszeit Merkel sagt der Journalist zähe vier Jahre voraus – und tatsächlich zeigt die Runde bei Illner einmal mehr, wie schwer so eine schwarz-rote Koalition sich tun wird, in der die Einzelteile genug mit sich selbst zu tun haben.

Versprochen hatten beide Parteien, eine Große Koalition nur unter anderen Vorzeichen anzugehen, erinnert Claudia Kade. Die Ministerliste – allen voran die Personalie Horst Seehofer – deute aber auf alles andere als eine Erneuerung hin.

Den Sozialdemokraten könnte außerdem die Doppelrolle von Andrea Nahles auf die Füße fallen, vermutet Maybrit Illner. Einerseits soll sie der SPD als Parteichefin wieder eine Identität verpassen, andererseits als Fraktionsvorsitzende die Mehrheiten für die Regierung Merkel sicherstellen.

"Das kann und wird gelingen", sagt Olaf Scholz, allerdings sagte dieser Olaf Scholz im November auch, dass die SPD die Bundestagswahlen hätte gewinnen können, ein Zitat, das Illner dem Interimsvorsitzenden genüsslich vorhält. "Wie hätte das funktionieren sollen? Mit einem anderen Kandidaten?"

Mittlerweile liegt die SPD in Umfragen bei 16,5 Prozent, Scholz erinnert sich lieber an die Werte vom Vorjahr, als die Sozialdemokraten plötzlich an der 30-Prozent-Marke kratzten.

Die Leute, so seine Schlussfolgerung, würden der SPD also prinzipiell das Land anvertrauen. Nun müsse die Partei eben die Lösungen für ihre Probleme erarbeiten. "Und das kann auch in der Regierungszeit gelingen."

Wolfgang Gründinger stichelt gegen Olaf Scholz

Dafür müssen die 460.000 Mitglieder – nicht nur 460, wie Illner in einem ihrer zahlreichen kleinen Patzer des Abends behauptete – der SPD aber erst einmal für das Koalitionspapier stimmen, das der Interimschef bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Triumph für die SPD und so ziemlich jeden einzelnen Bürger des Landes anpries.

"Es gibt keine ernsthaften Bedenken gegen das Papier, also werden die Mitglieder zustimmen", sagte Scholz ganz so, als hätte er dem hadernden Juso neben ihm nicht richtig zugehört in den letzten 60 Minuten.

Aber wie das mit den jungen Wilden so ist: Sie wollen immer das letzte Wort haben. Und mit dem erinnerte Wolfgang Gründinger daran, dass er schon vor neun Jahren mit Olaf Scholz in einer Talkrunde saß, damals war Scholz Arbeitsminister. Nun soll Scholz Finanzminister werden. "Ich weiß nicht, ob das die Erneuerung ist, die wir brauchen", sagte Gründinger.

Da musste auch Olaf Scholz ganz fest die Lippen aufeinanderpressen, damit ihm nicht eine gänzlich unhanseatische Antwort aus dem Mund entweicht.