Merkel oder doch Schulz? Maybrit Illner will in ihrer Talkshow wissen, ob in Deutschland Wechselstimmung herrscht. Während die Runde gesittet diskutiert, beschleicht den Zuschauer mehr und mehr das Gefühl, dass in Deutschland zumindest in einem Punkt einiges im Argen liegt.

Die Frage des Abends wäre eigentlich schnell beantwortet. "Gibt es eine Wechselstimmung in Deutschland?", will Maybrit Illner wissen – nach all dem Hin und Her mit SPD-Hoffnungsträger Martin Schulz und den dann doch deutlichen CDU-Siegen in den Ländern.

Die Frage kann natürlich nur die Masse der deutschen Wähler beantworten. Aber eine Meinungsumfrage würde keine ganze Talkshow-Stunde füllen. Und deshalb geht Illner ihr am Donnerstagabend mit Politikern und Experten nach.

Dabei geht es recht gesittet zu. Man könnte auch sagen: spannungsarm.

"Schulz will unbedingt - das finde ich gut"

Keine Überraschung, dass SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann in Wechselstimmung ist. Wegen mangelnder Gerechtigkeit.

Die Menschen würden schließlich überall Ungerechtigkeit erfahren: Weil sie keinen Kitaplatz oder keinen Facharzt-Termin bekommen, weil die Schulen ihrer Kinder in schlechtem Zustand sind.

Die Journalistin Elisabeth Niejahr fordert von der Politik, sich stärker in der Armutsbekämpfung zu engagieren.

Bei der Wahl zwischen einer Kanzlerin Merkel und einem Kanzler Schulz, würde sie sich wohl eher für den Wechsel entscheiden. Merkel sei ihr zu zaudernd, sagt Niejahr. "Schulz will unbedingt – das finde ich erstmal gut."

Kein Schulz-Fan ist dagegen Katharina Nocun. Sie war vor deren Untergang mal Politikerin bei den Piraten, jetzt stellt Illner sie als Netzaktivistin vor.

Der strauchelnde SPD-Hoffnungsträger Schulz steht für sie "eher für die alte Politik". Aber den Wechsel will auch Nocun – weil sie auf eine linke Mehrheit hofft. "Und dafür brauchen wir die SPD."

Keine Wahlempfehlung ist von Wissenschaftlern zu erwarten. Aber Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, ist durchaus ein Mann fürs Soziale.

Er hält nichts davon, immer nur von wirtschaftlichen Erfolgen zu reden. Die Einkommen der unteren 40 Prozent seien in Deutschland heute niedriger als noch vor 15, 20 Jahren, mahnt Fratzscher.

Er findet, dass die Politik vor allem Menschen mit geringen Einkommen und Frauen entlasten muss.

Volker Kauder ist maulfaul

Sein Kollege sieht das anders: Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln, sorgt sich eher um die Steuerbelastung und spricht sich für die Abschaffung der kalten Progression bei der Einkommensteuer aus.

Ansonsten gehe es Deutschland doch gut, findet er. "Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei uns unter sieben Prozent, sie hat sich seit 2005 halbiert."

Der sechste Gast ist Volker Kauder, CDU-Fraktionschef im Bundestag. Er solle sich nicht nur räuspern, sondern auch mal etwas sagen, mahnt Moderatorin Illner zwischendurch.

Was also muss sich ändern in Deutschland? "Entlastung brauchen diejenigen, die jeden Tag zur Arbeit gehen", findet Kauder. Ansonsten fällt er nicht unbedingt mit programmatischen Neuerungen auf.

Muss er vielleicht auch gar nicht. Zur Zeit läuft es schließlich wieder gut für die CDU.

"Die zentrale Aufgabe in der nächsten Legislaturperiode besteht darin, den guten Zustand unserer Wirtschaftskraft zu erhalten", findet Kauder. Weiter wie bisher, soll das wohl heißen.

In Sachen Gerechtigkeit scheint einiges im Argen

Zählt man die deutlichen Politiker-Positionen und die etwas vageren Forderungen der Experten zusammen, steht es am Ende wohl vier zu zwei für die Wechselstimmung.

In der Tat argumentieren diejenigen, die sich Sorgen um die Gerechtigkeit machen, etwas engagierter: Den Zuschauer beschleicht das Gefühl, dass beim sozialen Zusammenhalt einiges im Argen liegt in Deutschland.

Bleibt nur die Frage: Warum ist der Anwalt der "hart arbeitenden kleinen Leute", Martin Schulz, in den Umfragen dann so abgeschmiert?

Das wäre dann wohl ein Thema für die nächste Talkshow.