Zwischen Themen wie Energiepreisen und Ukraine-Krieg machte sich Frank Plasberg am Montagabend den Fachkräftemangel in seiner Sendung zum Thema. Das barg mehr Sprengstoff für Diskussionen als auf den ersten Blick gedacht. Um in der Debatte voranzukommen, hakt es aber immer wieder an einer Stelle. Besonders Linkspolitikerin Janine Wissler und Rainer Brüderle eckten gewaltig an.

Eine Kritik
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Händeringende Suche nach qualifiziertem Personal, lange Wartezeiten für Kunden: Zwar herrscht noch kein flächendeckender Fachkräftemangel in Deutschland, die Hälfte der Unternehmen sieht in ihm aber schon jetzt die größte Gefahr für ihre Geschäftsentwicklung. Und die Herausforderung wächst: Mit dem demographischen Wandel wird es in Zukunft noch schwieriger, offene Stellen mit geeigneten Fachkräften zu besetzen.

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Das ist das Thema bei "Plasberg"

Viele Zuschauer konnten ein Lied davon singen: Lange Wartezeiten für Termine bei Heizungsinstallateuren, Schreinern oder Dachdeckern. Trotz oft guter Bezahlung fehlen in Deutschland in vielen Bereichen Fachkräfte: der Pflege, der Gastronomie, dem Handwerk.

Unter dem Titel "Die neue Arbeiterlosigkeit" wollte Moderator Frank Plasberg von seinen Gästen wissen: "Warum gehen Deutschland die Fachkräfte aus?" Und noch wichtiger: "Was tun? Sind Fachkräfte aus dem Ausland die Lösung und die Menschen aus der Ukraine eine Hilfe?"

Das sind die Gäste

Hubertus Heil (SPD): Der Bundesminister für Arbeit und Soziales sagte: "Wenn Termine beim Handwerker knapp sind, ist das nicht nur ein privates Ärgernis, sondern ein Risiko für unsere Wirtschaft." Man müssen an vielen Stellen anpacken, damit aus dem Fachkräftemangel keine dauerhafte Wachstumsbremse werde.

Heil plädierte für bessere Berufsorientierung an allen Schulformen. "Viele wissen nicht, wie modern Handwerk inzwischen auch ist", sagte er. Dazu brauche es ein Fach "Arbeit, Technik, Wirtschaft".

Rainer Brüderle (FDP): "Unsere Gesellschaft wird älter, deshalb fehlen überall Arbeitskräfte. Um das abzufangen, brauchen wir auch qualifizierte Zuwanderer", so der Präsident des bpa-Arbeitgeberverbandes und ehemalige FDP-Wirtschaftsminister.

"Was wir jetzt erleben, ist das Resultat langjähriger Fehlentwicklungen", war sich Brüderle sicher. Es gebe eine Bringschuld, die Möglichkeiten im Handwerk an Schüler heranzutragen. "Dass das Handwerk goldenen Boden hat, ist in vielen Köpfen nicht drin", so Brüderle.

Janine Wissler (Linke): Die Linken-Parteivorsitzende forderte: "Statt gezielt Fachkräfte im Ausland abzuwerben, sollte man endlich hier für bessere Arbeitsbedingungen und Löhne sorgen, vor allem auch in der Pflege." Man dürfe außerdem die Jugendlichen nicht vergessen, die einen Ausbildungsplatz suchten und keinen finden würden. Die inländischen Potenziale seien noch nicht ausgeschöpft, sagte sie mit Blick auf behinderte Menschen, Erwerbstätige über 55 oder Teilzeitbeschäftigte.

Simon Meinberg: Der Tischlermeister aus Berlin forderte selbstkritisch: "Das Handwerk leidet beim Nachwuchs, aber auch unter seinem verstaubten Image. Wir müssen uns selbst moderner und attraktiver präsentieren." Er selbst hatte sich in der 10. Klasse gegen ein Abitur und für eine Handwerksausbildung entschieden.

Heute beschäftigt er rund 100 Fachkräfte, sie zu finden, findet aber auch Meinberg schwierig. "Die richtig professionellen Fachkräfte mit viel Arbeitserfahrung laufen nicht frei auf dem Markt herum, die sind alle gebunden", so Meinberg.

Dieter Könes: Der Verbraucherjournalist war sich sicher: "Keiner will sich heute mehr die Hände schmutzig machen." Das Fachkräfteproblem beginne schon in der Schule und im Elternhaus.

"Vielleicht denken viele in der jüngeren Generation, dass es einfacher ist mit TikTok Millionär zu werden", so Könes. Es mangele an der richtigen Einstellung. Er gab aber auch zu bedenken: "Wie sollen sich Schülerinnen und Schüler entwickeln, wenn sie durch das Schulleben gepeitscht werden?"

Bettina Offer: Von großen Hürden beim Schritt, bereits angeworbene Fachkräfte nach Deutschland zu holen, berichtete die auf Fachkräftezuwanderung und Ausländerbeschäftigungsrecht spezialisierte Rechtsanwältin. "Uns fehlt die Infrastruktur, um Fachkräfte in hohem Maße nach Deutschland zu holen", analysierte sie.

Die Ausländerbehörden seien überfordert, es gebe teilweise monatelange Wartezeiten. Ihr Fazit: "Wenn man es ernst meint mit der Zuwanderung von Fachkräften, muss man Geld in die Hand nehmen."

Das ist der Moment des Abends bei "Plasberg"

Die Aussage von Hubertus Heil wird erst auf den zweiten Blick zum Moment des Abends. Er leitete ein: "Was für mich ein größter Horror wäre für die Zukunft auf dem Arbeitsmarkt: Dass auf der einen Seite mehr Unternehmen händeringend Leute suchen und zur gleichen Zeit immer mehr Menschen in der Ecke hängen."

Zwei Drittel der Langzeitarbeitslosen in Deutschland hätten keine Berufsausbildung. "Wir reden über Fachkräftemangel und Jahr für Jahr verlassen 50.000 Jugendliche die Schule ohne Schulabschluss", erinnerte er. Außerdem seien 1,3 Millionen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren ohne Ausbildung. Der entscheidende Satz: "Wir können kein großes gesellschaftliches Thema schultern, wenn wir nicht alle Register ziehen", sagte er besonders mit Blick auf die Energiewende.

Das ist das Rede-Duell des Abends

Janine Wissler (Linke), Hubertus Heil (SPD) und Rainer Brüderle (FDP) werden wohl kaum noch Freunde. Hätte Plasberg sie nicht gebremst, hätten sie sich in endlosen Grundsatzdebatten verstricken können. Einen Anstoß dazu gab die tarifliche Entlohnung in der Pflege ab dem 1. September. Für Brüderle ein "schwarzer Tag".

Er begründete: "Es sind keine zehn Prozent der Pflegekräfte in den Gewerkschaften organisiert. Wenn jetzt eine Minderheit von Arbeitnehmern mit einer Minderheit von Arbeitgebern einen Vertrag abschließt und der soll dann zwangsweise auf ganz Deutschland ausgedehnt werden, ist das keine Tarifautonomie."

Heil wollte das nicht stehen lassen: "Sie sind nur aktiv, um einen Tarifvertrag zu verhindern", warf er Brüderle vor und Wissler giftete: "Man kann in der Pflege in Deutschland viel Geld verdienen, vorausgesetzt man ist keine Pflegefachkraft, sondern ein privater Konzern."

So hat sich Frank Plasberg geschlagen

Plasberg war am Montagabend zum Scherzen aufgelegt: "Wir haben in Deutschland in den letzten Jahren nicht nur zu wenig gute Mittelstürmer ausgebildet, sondern auch zu wenig Klempner. Warum?", wollte er beispielsweise von Arbeitsminister Heil wissen.

Und als Tischlermeister Meinberg von seinem Schulabgang in der 10. Klasse berichtete, hakte Plasberg nach. "Falls mein Sohn zuguckt: Ihre Noten waren top?". Trotzdem vergaß der Moderator nicht, auch die kritischen Fragen zu stellen, etwa: "Warum kommt die Debatte seit mehr als zehn Jahren kaum voran?"

Das ist das Ergebnis bei "Plasberg"

Die Runde bei Plasberg stellte einmal mehr unter Beweis: Diskussionsbedarf und Streitpotenzial gibt es jede Menge. Aber Journalist Könes kommentierte passend von der Seitenlinie: "Es wird nicht miteinander diskutiert und nicht über die Menschen geredet, die es betrifft."

Ein Problem: Im Vordergrund standen zu sehr die Zankapfel-Themen Geld und Löhne. Dass viele Pflegekräfte aktuell vor allem durch Überlastung und Personalmangel auf dem Zahnfleisch gehen, kam zu kurz. Moderator Plasberg hätte von Beginn an einen lösungsorientierteren Blick von seinen Gästen einfordern müssen.

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