Im Mittelmeer ist am Sonntag erneut ein Boot mit Flüchtlingen gesunken. Die Katastrophe mit 700 Toten wirft die Frage auf: Welche Verantwortung und welchen Anteil an der Tragödie hat Europa? In der Sendung von Günther Jauch werden die üblichen Argumente ausgetauscht. Die Debatte bereichern vor allem der Groll eines Journalisten und die aufwühlende Geschichte einer Mutter, die aus Syrien geflohen ist.

Was ist das Thema?

Täglich versuchen Menschen, mithilfe von Schleppern über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Weil die Schiffe oft völlig überfüllt und kaum seetauglich sind, ist die Überfahrt lebensgefährlich. An diesem Sonntag hat das Problem einmal mehr tragische Aktualität bekommen: Vor der libyschen Küste kenterte ein Boot, mehr als 700 Flüchtlinge sollen bei dem Unglück ihr Leben verloren haben. Vor Beginn der Sendung von Günther Jauch schilderte ein "ARD Brennpunkt" die Katastrophe im Mittelmeer.

In der vergangenen Woche ertranken bei einer weiteren Schiffskatastrophe 400 Menschen. Wie kann Europa das Massensterben auf dem Mittelmeer verhindern? Darüber diskutiert Günther Jauch mit seinen Gästen.

Wer sind die Gäste?

Ihr Schicksal ist eines von vielen vor den Toren Europas: Maya Alkhechen floh vor dem Krieg in Syrien mit einem Schlepperboot nach Deutschland. Als Journalist bei der "Süddeutschen Zeitung" beschäftigt sich Heribert Prantl seit vielen Jahren mit der Flüchtlings- und Asylpolitik. Er kommt dabei aber zu anderen Schlüssen als sein Berufskollege Roger Köppel, Verleger und Chefredakteur des Schweizer Magazins "Weltwoche".

Zur Runde gehören außerdem der frühere Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und Christian Haase, der Sprecher einer Bürgerinitiative in Bautzen ist. Die Gruppe kritisiert die Erweiterung eines Asylbewerberheims in ihrer Nachbarschaft.

Was war das Rede-Duell des Abends?

Über das Thema Asylpolitik wird nicht nur an Stammtischen hitzig debattiert, sondern auch in politischen Talkshows. Vor allem Journalist Prantl legt sich mit seinen Gegenübern an. "Es ist doch nicht so, dass die Leute aus Jux und Tollerei hierher kommen", schleudert er Friedrich entgegen. "Die Zustände in Libyen und Syrien sind furchtbar." Die Europäische Union attackiert Prantl scharf. "Nicht die Asylbewerber werden geschützt, die Grenzen werden geschützt", empört er sich. Europa unternehme zu wenig gegen das Problem.

Köppel nennt Prantl "verantwortungslos" und wirft ihm vor, "Anreize zu schaffen, dass noch mehr Leute zu uns kommen wollen". "Ich will, dass die Leute nicht verrecken, Herr Köppel!", ruft Prantl dazwischen. Seine emotionalen Ausbrüche ziehen sich durch die ganze Sendung. "Seit 25 Jahren höre ich das gleiche Gerede", beklagt er.

Was war der Moment des Abends?

Ihre Geschichte macht betroffen: Maya Alkhechen kommt im Alter von sechs Jahren mit ihrer Familie als Flüchtling nach Deutschland. Obwohl hier aufgewachsen, darf sie aufgrund ihres Status als "Geduldete" in Deutschland nicht studieren oder arbeiten. Daraufhin kehrt sie in ihre Heimat zurück, bevor der Bürgerkrieg in Syrien sie erneut zur Flucht zwingt.

Mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern begibt sie sich auf die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer. "Ein Angelboot", beschreibt es Alkhechen, an Bord sind 310 Menschen. Den Schleppern muss die Familie 5.000 Euro zahlen. Wegen der Überlastung fällt der Motor oft aus, dann sind das Schiff und seine Insassen der Gnade des Wellengangs ausgeliefert. Sechs Tage und sieben Nächte verbringen sie auf See und in ständiger Todesangst. "Werde ich zusehen, wie meine Kinder ertrinken? Oder werden sie zusehen, wie ich ertrinke?", schildert Alkhechen ihre Gedanken während der Flucht.

Wie hat sich Jauch geschlagen?

Es ist ein Thema, das viel Fingerspitzengefühl seitens des Moderators erfordert. Das gelingt Günther Jauch weitestgehend auch. Die größten Schwierigkeiten macht ihm aber nicht seine streitlustige Talkrunde, sondern ein eigensinniger Extragast.

Harald Höppner will mit seinem Projekt "Sea Watch" auf das Flüchtlingsdrama aufmerksam machen. Beim Gespräch mit Jauch entreißt Höppner dem verdutzten Moderator die Hoheit über die Sendung und fordert eine Schweigeminute zum Gedenken an die auf dem Mittelmeer gestorbenen Flüchtlinge ein. Derartig überrumpelt, fügt sich Jauch Höppners Anliegen, schafft es aber auch nach der Zwangspause nicht, seinen Gast zum Beantworten seiner Fragen zu bewegen.

Was ist das Ergebnis des Abends?

Auch wenn die Situation der Flüchtlinge im Mittelmeerraum leider immer noch aktuell ist, ist die Debatte darüber nicht neu. Die Argumente in der Runde sind schon hinlänglich bekannt. Über konkrete Maßnahmen wird dagegen kaum diskutiert. Warum wurde zum Beispiel das Projekt "Mare Nostrum" eingestellt, das in einem Jahr über 100.000 Flüchtlinge vor der afrikanischen Küste aus Seenot rettete?

Hans-Peter Friedrich und Roger Köppel wollen in erster Linie verhindern, dass sich die Menschen überhaupt auf den Weg nach Europa machen. "Wir müssen die Menschen in Afrika über die Gefahren aufklären", fordert Friedrich.

Das Beispiel Alkhechen zeigt allerdings, dass viele Flüchtlinge dieses Risiko in Kauf nehmen, weil es für sie keine Alternative gibt. "Sie wissen nicht, wie man sich fühlt, wenn man keine andere Wahl hat, wenn man alles verloren hat", fasst es Alkhechen zusammen. Den Schleusern ist sie sogar dankbar: "Ich hätte auf andere Weise nie nach Deutschland kommen können." Die Gründe, warum Menschen ihre Heimat verlassen, lassen sich eben nicht einfach beiseite schaffen. "Wie soll das gemacht werden? Wie soll verhindert werden, dass der Krieg weitergeht?", fragt die Syrerin. Darauf hat Köppel nur eine Antwort: "Europa kann nicht alle Probleme der Welt lösen."

"Wir müssen denen, denen Asyl zusteht, ermöglichen, nach Europa zu kommen", meint dagegen Heribert Prantl. Er selbst erlebe in Deutschland an vielen Orten eine große Hilfsbereitschaft gegenüber Asylbewerbern.

Die Bürgerinitiative in Bautzen zeigt, dass es den Anwohnern vor allem um Mitspracherecht geht. Entscheidungen über Flüchtlingsunterkünfte sollten nicht über deren Köpfe hinweg entschieden werden. Das hat auch Politiker Friedrich erkannt: "Es ist ganz wichtig, dass man die Kommunikation mit den Bürgern sucht."