In Rostock gehen die Wähler am kommenden Sonntag nicht nur für die Europa-Wahl zu den Urnen – sie stimmen gleichzeitig auch über ihren zukünftigen Bürgermeister ab. Auch Claus Ruhe Madsen kandidiert und wirbt um Wählerstimmen. Der 46-Jährige lebt zwar schon sehr lange in Deutschland – doch er ist nach wie vor Däne.

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Es ist lange her, dass es im Amt des Rostocker Oberbürgermeisters einen Wechsel gab. Schon 2005 wurde Roland Meth­ling zum Stadtoberhaupt gewählt, 2012 wiederholte er seinen Erfolg als Kandidat eines unabhängigen Wählerbündnisses.

Weil Methling aus Altersgründen nicht mehr antreten darf, ist nun wieder alles offen in der norddeutschen Hansestadt: Rund 170.000 Wahlberechtigte entscheiden am 26. Mai, wer die Geschicke der Stadt für die nächsten sieben Jahre lenken soll.

Bei den Wahlen von 2012 stand die Mehrheit in Rostock links: Auf den ehemaligen SED-Mann Methling (53,8% der Stimmen) folgten SPD-Kandidat Ait Stapelfeld (13,9%) und Kerstin Liebich von den Linken (13,8%). Doch diesmal könnte alles anders werden: Der Däne Madsen ist parteilos, gilt als wohlbekannt und beliebt in der Hansestadt und wird von CDU und FDP unterstützt.

EU-Bürger dürfen auf kommunaler Ebene wählen und kandidieren

Ein Däne als Bürgermeister einer großen deutschen Stadt? Das ist durchaus möglich: EU-Bürger haben das Recht, auf kommunaler Ebene zu wählen und zu kandidieren. In Deutschland ist das im Grundgesetz-Artikel 29, Absatz 1 geregelt: "Bei Wahlen in Kreisen und Gemeinden", heißt es da, "sind auch Personen, die die Staatsangehörigkeit eines Mitgliedstaates der Europäischen Gemeinschaft besitzen (…) wahlberechtigt und wählbar."

Madsen sagt dann auch in Interviews, er habe nicht vor, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Das Selbst­be­wusst­sein, eine Großstadt regieren zu können, gewinnt der 46-Jährige aus seiner eigenen Biografie: Geboren in Kopenhagen, kam er 1992 nach Deutschland, arbeitete sich vom Verkäufer in einem Essener Möbelhaus zum Geschäftsführer der Möbelhauskette Wikinger empor.

Auch ein wichtiges Amt hat er schon länger inne: Seit sechs Jahren ist Madsen Präsident der Rostocker Industrie- und Handelskammer – und damit unbestreitbar in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

In der Behörde, das erzählte er einmal nicht ohne Stolz der "Superillu", gehe der Scherz um, er sei "die gelebte Integration". Madsen plädiert denn auch vehement für Zuwanderung. Der deutsche Arbeitsmarkt brauche Jugendliche aus dem Ausland, sagt er, welche "bestmögliche Bedingungen" bräuchten, "ebenso wie Auszubildende, die von hier kommen".

Madsen macht Wahlkampf mit Lastenfahrrad

Seinen engagierten und umtriebigen Wahlkampf führt Madsen originell und öffentlichkeitswirksam: Das "Wahlmobil", mit dem er durch die Stadt tourt, um sich noch bekannter zu machen, ist ein Lastenfahrrad. "Rostock bewegen", steht darauf, gefolgt von einem Hinweis auf seine Webseite: "madsen-waehlen.de".

Wer sie anklickt, bekommt einen sekundengenauen Countdown zur OB-Wahl zu Gesicht und erkennt schnell: Der Kandidat ist auf allen Kanälen unterwegs. Ein eigener Podcast liefert Stellungnahmen und Ideen zu aktuellen Rostocker Themen im O-Ton Madsen, auf Facebook kündigt er Wahlkampf-Termine und Talkshow-Teilnahmen an, auf YouTube präsentiert er sich und seine Ideen im Video.

Madsen will, dass in Rostock billige Minihäuser gebaut werden (sogenannte "Tiny Houses"), er fordert mehr Radwege, will Unternehmer-Startups ebenso fördern wie Sportstätten, will Rostocks derzeit gute wirtschaftliche Position sichern, Arbeitsplätze halten und dabei die Umwelt nicht vernachlässigen.

Er will auch bessere Schulen. Und er will die Integration fördern. Seine soziale Einstellung sei typisch dänisch, findet er – klar, dass er gegen die Abschiebung eines jungen Afghanen kämpft, der in seinem Betrieb ausgebildet wird.

Was die AfD-Wähler (17,3 % bei der letzten Landtagswahl 2016) davon halten – darüber will Madsen gar nicht erst reden: "Den Fehler macht ihr Deutschen immer noch, ihr redet bei jeder Gelegenheit von der AfD", sagte er der "Süddeutschen Zeitung."

Signal für "echte Weltoffenheit"

Integration lebt Madsen nicht nur in seinem Betrieb vor: Seinem fließenden Deutsch hört man nur einen leichten Akzent an, seine Frau ist Finnin, auch mit dem gemeinsamen Sohn spricht das Paar deutsch, und auch Madsens Eltern leben in Rostock.

Wenn Madsen die Wahl gewänne, wäre zum ersten Mal ein Ausländer Bürgermeister einer deutschen Großstadt. Das wäre, meint er, nicht nur für Rostock, sondern auch für den gesamten Osten Deutschlands ein Signal für "echte Weltoffenheit".

Doch dafür muss er zunächst einmal die Wahl gewinnen. Die Konkurrenz von Grünen und Linken, von der SPD und den "Unabhängigen für Rostock" schickt ihre Kandidaten ins Rennen, dazu kommen vier Einzelbewerber – acht Männer und eine Frau konkurrieren um das Amt des Oberbürgermeisters. Madsen selbst wird, obwohl parteilos, von FDP und CDU unterstützt.

Geschäftsführer seines Möbelhauses könnte Madsen als Bürgermeister nicht bleiben – den Job würde dann seine Frau übernehmen. Vorher allerdings gilt es, den Wahlsonntag abzuwarten.

Und möglicherweise – falls kein Kandidat auf Anhieb die erforderliche absolute Mehrheit erhält – auch noch die Stichwahl. Sie würde am 16. Juni stattfinden. Durchaus möglich also, dass es für Claus Ruhe Madsen über den Tag von Bürgermeister- und Europawahl hinaus noch ein paar Wochen lang spannend bleibt.

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