Es klingt paradox: Ausgerechnet die rechtspopulistische AfD will ein "Garant jüdischen Lebens" in Deutschland sein. Antisemitismus-Experte Marcus Funck glaubt, die Strategie hinter den ungewohnten Tönen zu kennen. Er sagt: Der Alternative für Deutschland geht es vor allem darum, ihr Image rein zu waschen.

Partei muss sich schleunigst am Riemen reißen, sonst droht Wahl-Debakel.

Ihre Partei sei "einer der wenigen politischen Garanten jüdischen Lebens auch in Zeiten illegaler antisemitischer Migration nach Deutschland", hat die AfD-Vorsitzende Frauke Petry jüngst in einem Interview mit der Zeitung "Die Welt" gesagt. Die Aussage ließ aufhorchen - und irritierte.

Immerhin hat die Alternative für Deutschland in ihrem Grundsatzprogramm festgeschrieben, die jüdische Tradition des Schächtens verbieten zu wollen. Die Beschneidung von Jungen will sie zumindest erschweren. Und längst nicht alle in der Partei stehen hinter dem Ausschluss von Björn Höcke, der das Holocaust-Mahnmal in Berlin zweideutig als "Denkmal der Schande" bezeichnet hat und eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" fordert.

Juden als Wählergruppe nicht wahlentscheidend

Wie kommt die plötzliche Annäherung? Marcus Funck vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin vermutet dahinter ein "strategisches Kalkül" der Partei.

Zum einen, sagt Funck, wolle die AfD die Juden als Verbündete im Kampf gegen den Islam gewinnen. "Der Antisemitismus speist sich heute oft aus radikalen islamischen Quellen." Die Sorge der Juden in Deutschland vor dieser neuen Form des Judenhasses wolle sich die AfD zu Nutze machen.

Allerdings leben in Deutschland Schätzungen zufolge lediglich rund 200.000 Juden. Als Wählergruppe seien die Juden deshalb "von der Zahl her völlig unbedeutend".

Auch deshalb ist Funck überzeugt, dass es der AfD unterm Strich weniger um die Stimmen der Juden geht, als darum, das Image der Partei aufzumöbeln - und sich so Wähler aus der Mitte der Gesellschaft zu erschließen. Die Hoffnung: Wer sich als Freund der Juden inszeniert, könne nicht länger als rechtsextrem und antisemitisch kritisiert werden.

Neu sei diese Taktik nicht, vielmehr abgekupfert von den anderen "neuen Rechten" in Europa. Dazu zählen Wissenschaftler neben der AfD Parteien wie den französischen Front National, die österreichische FPÖ und die niederländische Partei der Freiheit.

Von Le Pen und Wilders lernen

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Deren Parteichefs Marine Le Pen, Heinz-Christian Strache und Geert Wilders haben zuletzt immer wieder ihre Zuneigung für die Juden und für Israel bekräftigt. "Das war ein Lernprozess", sagt Funck. "Die haben gemerkt, dass man mit der Anknüpfung an den Holocaust keine Wahlen gewinnen kann."

Marine Le Pen zum Bes distanzierte sich öffentlich von ihrem Vater und Parteigründer Jean-Marie Le Pen, nachdem dieser Gaskammern in NS-Konzentrationslagern wiederholt als geschichtliches "Detail" bezeichnet hatte. Im vergangenen Jahr verkündete sie: "Es besteht eine Gefahr für Juden in Frankreich. Sie sollten aufseiten jener kämpfen, die sich über die Gefahr des islamistischen Fundamentalismus im Klaren sind."

Ob die Rechnung der AfD aufgeht, wird sich erst noch zeigen. Die Reaktionen von Vertretern jüdischer Gemeinden und Verbände auf das "Welt"-Interview klangen erst einmal wenig förderlich fürs Image. Im Gegenteil. Die Werteinitiative, ein lockerer Verbund jüdischer Deutscher, ließ auf Frauke Petrys Avancen hin wissen: "Wir taugen nicht als das Feigenblatt der AfD."

Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, nannte die Worte der AfD-Vorsitzenden im "Deutschlandfunk" "schlicht und ergreifend dreist". Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, ging noch weiter. "Die AfD ist eine Schande für unser Land und für jüdische Menschen nicht wählbar", sagte sie.

Dr. Marcus Funck ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Schwerpunkt seiner Forschung ist der Antisemitismus in rechtspopulistischen Bewegungen in Europa.